Interesse an der Schäferei wecken
Diepolz / Lks. Oberallgäu
Mit dem traditionellen Schäfertag auf dem Gelände des Allgäuer Bergbauernmuseums in Immenstadt-Diepolz endet für die Allgäuer Schafhalter zumindest offiziell die Weidesaison. Beim Schäfertag am ersten Sonntag im Oktober werden auch die wichtigsten Schafrassen Bayerns vorgestellt und die Tiere von einer Jury bewertet. Eine besondere Art von Tierschau ist der Schäfertag allemal, fast eine Art familiärer Viehscheid nur dass hier Schafe im Mittelpunkt stehen. Und, so berichten alle Teilnehmer, das Allgäuer Bergbauernmuseum in Diepolz bietet die ideale Kulisse für diesen Tag: Fachpublikum ist ebenso dabei wie die Zaungäste, die Schafe nur als putzige "Rasenmäher" kennen. Diesmal waren es rund 1500 Besucher, die den Schäfertag 2011 besuchten. Rund 100 Tiere wurden den beiden Schafbeurteilern auf dem "Prüfstand" vorgestellt. Dabei geht es "sehr akkurat" zu, wie Franz Greber, der Vorsitzende der Allgäuer Schafhalter e.V. betont. Die Beurteilung der Tiere soll für die Schafhalter auch Anreiz sein, die Zuchtziele einzuhalten. Zum anderen ist der Wettbewerb ein Anhalt, wie es in der eigenen Herde und der Zucht aussieht. Die Prüfer vergeben Punkte anhand eines Kriterienkatalogs, der sich im Wesentlichen auf die Zuchtzielbeschreibungen der einzelnen Rassen stützt. So werden der Allgemeinzustand des präsentierten Tieres bewertet, die Qualität der Wolle beziehungsweise des Vlieses, und die Bemuskelung des Schafs. "Das gibt schon ein gutes Gesamtbild über die Haltung und Pflege der Tiere", weiß Christian Treffler. Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Thoman hat er beim Schaftag alle Tiere, die zur Prämierung aufgetrieben wurden, unter die Lupe genommen. "Pi mal Daumen" geht dennoch nicht. Nach einer intensiven Schulung an der Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei München müssen die angehenden Fachberater für Schafzucht eine staatliche Prüfung ablegen. "Das war die schwerste Prüfung meines Lebens
", betont Treffler. Eine richtige Prüfung ablegen muss dagegen Berthold Zwerger aus Kisslegg nicht: Der Schafscherer hat jedoch einen speziellen Kurs absolviert und inzwischen sein Können schon mehrfach bei verschiedenen Landesmeisterschaften der Schafscherer unter Beweis gestellt. Bei der jüngsten "Deutschen" landete der Württemberger im "guten Mittelfeld". Kostproben seines "Sports" gab Zwerger gleich nach der Beurteilung der Schafe: In gerade mal zwei bis drei Minuten holte er ein Bergschaf fachgerecht aus der Wolle. Und gleich darauf ein zweites. "Möglichst schonend und schmerzfrei für die Schafe." Mit gekonnten Handgriffen "klemmt" der Schafscherer das Tier zwischen Beine und Arme und setzt die Schermaschine an. "Ich schere zuerst den Bauchbereich. Dabei sind vor allem Euter- und Genitalbereich schwierige Zonen", sagt Zwerger. Manche Schafe halten eher ängstlich still, andere zappeln. "Du musst voll konzentriert sein bei derArbeit." Immerhin treffen sich bei der Schafschur Fingerspitzengefühl und Kraft, hat ein Schaf doch gerne mal 100 oder 120 Kilogramm. Schattenseite: Für ein Kilogramm Wolle vom Braunen Bergschaf gibt es derzeit gerade mal einen Euro, wohingegen der Scherer pro "frisiertes" Schaf drei Euro verlangen muss, um einen fairen Stundenlohn zu haben. "Bei Meisterschaften werden Lämmer geschoren. Die Tiere sind neun bis zehn Monate alt und speziell für den Wettkampf vorbereitet, damit alle Teilnehmer die gleichen Bedingungen haben", erzählt Bertl Zwerger. In einer Vorrunde sind fünf Schafe zu scheren was nur acht bis neun Minuten dauert. Im Finale geht es dann acht Schafen "an die Wolle". Dauer: Zwölf bis 15 Minuten. "Für Nachzüge, also wenn der Scherer ein zweites Mal in die eben gezogene Spur der Schermaschine fahren muss, gibt es Abzüge", beschreibt Zwerger den Wettkampf. "Wenn gar Blut fließt, folgt die Disqualifikation." Die Spezialisten und absoluten Profis seien in den klassischen Schafländern Australien, Neuseeland oder Irland zuhause. Aus Australien stammt auch die spezielle Vorrichtung, die dem Scherer bei der Bodenschur die Arbeit erleichtert: An einer gefederten Aufhängung schwebt der Scherer quasi über dem Schaf und kann so seinen Rücken etwas entlasten. "Wenn du im Akkord Schafe scheren sollst, dann merkst du das über kurz oder lang im Kreuz." Rund 1000 Tiere schert Zwerger jedes Jahr, "so im Nebenberuf". Allerdings klagen die Schafhalter nicht nur im Allgäu über Mangel an guten Schafscherern. Franz Greber denkt schon daran, für seinen Verein einen Kurs anzubieten. Die Zahl der Hobby- oder Nebenerwerbs-Schafthalter nehme zu. "Gerade im Allgäu, weil hier Landschaftspflegemaßnahmen anstehen, die für Schafe geradezu ideal sind", wie Greber betont. Und, so will es der Tierschutz und die Natur des Schafes, die Wolle muss mindestens einmal im Jahr runter. Sonst würde das Schaf im eigenen Vlies ersticken, weil die Atmung der Haut durch das dichte Wollgeflecht unterbunden würde. Das Schaf habe durchaus Zukunft, zeigt sich der Vereinsvorsitzende der Allgäuer Schafhalter optimistisch. Die Zahl der Mitglieder, Profis wie Amateure, steige und habe die 100er-Marke übersprungen. "Der Nachwuchs zeigt Interesse an der Schäferei", freut sich Franz Greber aus Gestratz im Westallgäu über den Zulauf. Entsprechende Informations- und Schulungsangebote auch für Nichtmitglieder seien wichtig, um "Neue" zu gewinnen. So gibt es im kommenden Februar einen Kurs, der den "Befähigungsnachweis für Tiertransport" begründet. Bei Hütevorführungen im Gelände zeigte Schäfer Rudolf Schuster schließlich, wie Schäferarbeit mit Hunden aussieht, als sein Boarder Collie eine fremde Herde zielgenau in einen Pferch bugsierte. Schuster machte den interessierten Zuschauern auch seine Befürchtungen deutlich, die er auf die Schäferei im Alpenraum zukommen sieht: Wenn der Wolf wieder angesiedelt werde, drohe das Ende der Weidehaltung für Schafe und Ziegen. Nicht allein die tatsächlichen Verluste von Tieren gelte es zu beachten. Zwar gebe es Entschädigungsregelungen bei Verlusten durch reißende Wölfe, "aber was ist wenn der Entschädigungstopf leer ist?", fragt Schuster. Eine generelle Beunruhigung der Herden durch umherstreifende Wölfe werde so leichtfertig in Kauf genommen. "Die Weidetiere sind ständig beunruhigt und verlieren das wichtige Zutrauen zum Menschen", warnt Rudolf Schuster vor einer leichtfertigen Wiederansiedlung von Wolfspopulationen, wie es von "allzu forschen Naturschützern" gefordert werde.
JG