Sonntag, 26.05.2013
Wo leben diese Menschen?
Sonnleitner nimmt bei der Landesversammlung den Zukunftsrat ins Visier BBV-Präsident Gerd Sonnleitner will mit dem falschen und verklärten Bild der Landwirt- schaft aufräumen. 200 Delegierte beschäftigten sich diese Woche auf der Herbstversammlung des Bauernverbandes in Herrsching mit den Themen Öffentlichkeits-arbeit und Flächenschutz sowie den Auswirkungen der GAP-Reform und der Energiewende.
Kraftakt für den Flächenschutz: BBV-Präsident Gerd Sonnleitner (r.) überreichte an Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner 15 000 Unterschriften gegen den Flächenfraß.
© Fotos: R. Königer
Der Zukunftsrat im Freistaat hatte bereits vor einiger Zeit zweifelhaften Ruhm erlangt. Jetzt ist der noch unveröffentlichte Jahresbericht des Gremiums durchgesickert. Und das, was sich darin findet, ist wieder eine echte Ohrfeige für den ländlichen Raum und seine Bevölkerung. Der ländliche Raum wird darin "zum Freizeitpark für die Stadtbevölkerung degradiert", so Bauernverbandspräsident Gerd
Sonnleitner bei der BBV-Landesversammlung diese Woche in Herrsching.
Die Gremiumsmitglieder darunter findet sich kein
Landwirt würden sich in London oder Singapur besser auskennen als im Bayerischen Wald, meinte Sonnleitner. Ihre Einschätzung ist dementsprechend. Bis zu zehn Prozent Flächenstilllegung werden vom Rat gefordert, dazu deutliche Einschränkung von
Düngung und Pflanzenschutz. Schöne, heile Welt für die Stadtbevölkerung mit braven Wildtieren und zum Heimatmuseum herabgewürdigte Landwirte , so könnte man drastisch ausgedrückt das Wunschbild des Zukunftsrats umschreiben. "Wo leben diese Menschen?", fragte sich Sonnleitner. Er forderte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse
Aigner in ihrer Funktion als CSU-Vorsitzende des Bezirksverbandes Oberbayern auf, dagegen vorzugehen. "Weg mit dem Zukunftsrat" oder Umbesetzung des Rats mit kompetenten Landwirtschaftsexperten, forderte Sonnleitner.
Nicht ausschlaggebend
Den Bericht des Zukunftsrats hat Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner diese Woche scharf kritisiert: "Die Vorschläge des Zukunftsrats zum Bereich Land- und Forstwirtschaft sind viel zu einseitig. Sie orientieren sich ausschließlich an ökologischen Kriterien und lassen ökonomische und soziale Aspekte völlig außer Betracht. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass die Empfehlungen die Handschrift des Vorsitzenden des Landesbunds für Vogelschutz tragen, der hier die Interessen seines Verbandes eingebracht hat." Mit einem rein ökologischen Ansatz, wie ihn jetzt der Zukunftsrat empfiehlt, könne man die gewaltigen Herausforderungen der Zukunft wie etwa Ernährungssicherung und Energiewende nicht bewältigen, so Brunner. "Deshalb ist dieser Vorschlag für meine Politik nicht ausschlaggebend", erklärte Brunner in einer ersten Stellungnahme.
Falsches Bild
Das falsche Bild der
Landwirtschaft in der Bevölkerung ist abgesehen vom Zukunftsrat ein größeres, gesellschaftliches Problem: "Es ist kein Kinderspiel, der Gesellschaft die heutige Realität auf den Bauernhöfen zu vermitteln", erklärte Sonnleitner. Während man in anderen Branchen effizientes und professionelles Arbeiten akzeptiere, werde die
Landwirtschaft mit Schlagworten wie Gewinnmaximierung, Massentierhaltung und industrialisierte
Landwirtschaft belegt und so in ein schlechtes Licht gerückt. Dem müsse entgegengesteuert werden. Sonnleitner: "Wir sind nur glaubwürdig, wenn wir selbst in die Offensive gehen." Als gute Beispiele nannte er unter anderem die 200 Botschafterbetriebe in Bayern und den diesjährigen Kindertag der Landfrauen. Bei dieser Landfrauenaktion "haben wir 53 000 Verbrauchern von morgen, sprich den Kindern, ein realistisches Bild von
Landwirtschaft vermittelt", stellte der Bauernverbandspräsident in Herrsching heraus. Ein "beeindruckendes Bild" habe in diesem Jahr auch die Bauernmarktmeile im Herzen Münchens abgegeben: "Je offener die Welt wird, desto mehr sehnt man sich nach Regionalität", erklärte Sonnleitner. Aber nicht nur gesellschaftlich, auch politisch gibt es für den bayerischen Bauernverband nach wie vor viel zu tun. Landwirtschaftliche Nutzflächen verschwinden mehr und mehr und in Brüssel bastelt man an einer Agrarreform mit zusätzlichen Umweltauflagen (Greening) und der verpflichtenden Bereitstellung von sieben Prozent ökologischer Vorrangfläche. Für den Präsidenten ist das Wort Vorrangfläche alleine schon der falsche Begriff: "Wenn es Stillegung ist, soll man es auch so nennen." All dies schränkt die ökonomische Handlungsfähigkeit der bayerischen Landwirte weiter ein. Dazu gesellt sich noch die Energiewende, die nach den Zahlen des Bauernverbands bundesweit rund 400 000 Hektar an Ausgleichsflächen verschlingen würde, wenn man bei den bestehenden Ausgleichsregelungen bliebe. Hier fordert Sonnleitner: "Keine Ausgleichsflächen für die Energiewende. Ohne wenn und aber."
Dicke Bretter
In den meisten Punkten ist sich der Bauernverband mit der Bundeslandwirtschaftsministerin, Ilse Aigner, einig. Wie
Aigner in Herrsching meinte, liege mit den Vorschlägen der Agrarkommission zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2013 "seit Oktober etwas auf dem Tisch." Im Bereich des Greenings könne man über ein Grünlandumbruchverbot und Fruchtdiversifizierung reden. Ein größeres Problem hat
Aigner mit den geplanten sieben Prozent ökologischer Vorrangfläche, "das geht genau in die falsche Richtung." Damit nehme man den Bauern die Flächen zur Lebensmittelproduktion und in zweiter Linie auch zur Energieproduktion. Das Problem des starken Flächenverbrauchs wird in den Augen der Ministerin "immer mehr Brisanz bekommen". Um hier etwas zu erreichen, "muss man dicke Bretter bohren." Gemeinsam mit dem Bauernverband und der vom
DBV eingebrachten Initiative zum Schutz landwirtschaftlicher Flächen könne man aber weiter kämpfen.
Aigner sprach sich dafür aus, die Ortskerne zu beleben und nicht noch weiter in die Außenbereiche zu gehen. Sie meinte aber auch, dass es die Landwirte seien, die ihre Flächen für den Siedlungsbau und andere Baumaßnahmen verkaufen. Neben einem Gartenbuch überreichte
Sonnleitner der CSU-Spitzenpolitikerin ein schweres und dicht geschnürtes Bündel: Nämlich 15 000 Unterschriften, die der
BBV in seiner Unterschriftenaktion zum Flächenschutz zusammengetragen hatte.
Rainer Königer
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Wo leben diese Menschen? (05.01.2012)
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