AT-Fachbeiträge "Weltmarkt im Fokus" aus der AGRARTECHNIK 05/2015

Trelleborg künftig auch in Amerika und Australien | Vor allem weil der Überseetransport rund 20 Prozent der Kosten verursacht, lautet die Strategie von Trelleborg Wheel Systems: Die Produktion muss lokal in den Kontinenten erfolgen. Im Laufe des Jahres soll deshalb in den USA, in Spartanburg, das modernste Reifenwerk mit dem höchsten Automatisierungsgrad in Betrieb gehen.

{BILD:634263:jpg}Wenn ein in der Landtechnik beheimatetes Unternehmen wie Trelleborg Wheel Systems für das letztjährige Geschäftsjahr nur einen einprozentigen Umsatzrückgang verzeichnet, dann kann dies schon als gro­ßer Erfolg gefeiert werden. Noch dazu, wenn gleichzeitig im Geschäftsbericht sogar noch eine leichte Renditesteigerung auf 12,1 Prozent ausgewiesen wird.
AGRARTECHNIK hat sich in Tivoli, unweit von Rom, mit Paolo Pompei, Präsident des Geschäftsbereichs Landwirtschafts- und Forstreifen von Trelleborg Wheel Systems, über die Erfolgsfaktoren und die Unternehmensstrategie unterhalten.




{BILD:634258:jpg}AGRARTECHNIK: Wie erklären Sie sich das gute Abschneiden von Trelleborg in einem insgesamt doch rückläufigen Landtechnikmarkt mit erneut umgerechnet rund 450 Millionen Euro?
Paolo Pompei: Wer heutzutage und vor allem künftig erfolgreich in unserer Branche bestehen will, der muss zum einen extrem flexibel und zum anderen zunehmend global agieren. Was uns allen das Geschäfte erschwert ist, dass die Prognosen immer komplexer und kurzfristiger werden. Man muss sich ja nur einmal die Begleiterscheinungen der Währungsschwankungen 2014 vor Augen führen, oder welchen Einfluss das Wetter auf die lokale Produktion hatte. Von den Spekulationen die Rohstoffpreise betreffend ganz zu schweigen.
AGRARTECHNIK: Dass der Traktorenmarkt 2014 in Frankreich rückläufig sein würde, war ein ganzes stückweit vorhersehbar – dass es am Ende jedoch 35 Prozent sein werden, damit dürfte wohl keiner gerechnet haben. Spanien hat wiederum mit plus 13 Prozent positiv überrascht. In den Staaten legte über alle Leistungsklassen hinweg der Verkauf um drei Prozent auf 207 833 Traktoren zu, während der Mähdrescherabsatz um ein Viertel auf 7 993 Einheiten einbrach. Rund 20 Prozent weniger Traktoren konnten in Brasilien abgesetzt werden. Wie sieht denn Ihre Prognose für das laufende Geschäftsjahr aus?
Paolo Pompei: Wir gehen derzeit davon aus, dass für uns 2015 ähnlich laufen wird, wie 2014. Wobei wir ein etwas schwächeres Erstausrüstergeschäft, dafür einen stärkeren Aftermarket erwarten. In diesem Zusammenhang muss ich aber auch erwähnen, dass wir uns einen höheren Beitrag aus denjenigen Ländern erwarten, in denen wir investieren, sprich China, den Staaten und Australien.
{BILD:634262:jpg}{BILD:634261:jpg}AGRARTECHNIK: Erzählen Sie uns doch etwas mehr über das neue Werk in den Staaten!
Paolo Pompei: Es ist eigentlich kein ganz neues Werk, weil wir ein vorhandenes Werk des Mutterkonzerns Trelleborg für die Produktion von Fasern und Fallschirmen in Spartanburg, in Süd-Carolina übernommen haben und entsprechend umbauen und erweitern.  Das Ergebnis der Investition von 50 Millionen Dollar wird das modernste Reifenwerk mit dem höchsten Automatisierungsgrad sein, in dem 2018 rund 150 Mitarbeiter auf 40 000 Quadratmeter Produktionsfläche beschäftigt werden sollen. Aktuell gehen wir davon aus, dass die ersten Reifen „Made in USA“ noch im Herbst 2015 die Werkstore verlassen werden. Die Ausbildung der Mitarbeiter erstreckt sich im Übrigen auf mehr als drei Monate. Dass wir den angesprochenen hohen Automatisierungsgrad anstreben, hat weniger etwas mit Kostenersparnis zu tun, sondern damit, dass Maschinen die Qualität besser halten.
AGRARTECHNIK: In früheren Interviews haben Sie immer betont, dass die High-Tec-Reifen hier in Tivoli produziert werden. Warum jetzt der Sinneswandel?
Paolo Pompei: Wir werden uns auch weiterhin in Tivoli primär den High-Tec-Reifen widmen, aber in den Staaten und Kanada steigt die Nachfrage vor allem im Segment der so genannten Extra-Large-Reifen, wo wir bekanntlich Marktführer sind. Und der Transport dieser Reifen in Containern hier von Italien in die Staaten verursacht nun einmal rund 20 Prozent der Kosten. Wir hatten deshalb im Vergleich mit Wettbewerbern, die in den Staaten produzieren, einen klaren Nachteil, den wir jetzt egalisieren.
AGRARTECHNIK: Ganz aktuell wurde ja die Vereinbarung für die Übernahme von Armstong Tyres in Australien vermeldet!

Paolo Pompei: Die Zentrale von Armstong Tyres sitzt in Bendigo, im Bundesstaat Victoria. Das Unternehmen hat sich als Zulieferer für die Erstausrüster von Reifen und Kompletträdern sowie Landtechnikhändlern einen guten Namen gemacht und gilt als Marktführer. Das Geschäft ist am 1. April über die Bühne gegangen. Trelleborg Wheel Systems erwartet sich von der Übernahme eine noch bessere Position in Australien hinsichtlich des Aftermarktes. Wie bereits erwähnt, ein wesentliches Element unserer Strategie ist die lokale Präsenz.
AGRARTECHNIK: In Paris auf der SIMA wurde Ende Februar der erste Serienreifen mit Trelleborgs ProgressiveTraction-Technologie präsentiert, der wir ja zusammen mit unseren europäischen Redaktionskollegen anlässlich der Agritechnica einen Sonderpreis verliehen haben!
Paolo Pompei: Es hat uns natürlich gefreut, dass wir in den letzten rund 20 Monaten jede Menge Aufmerksamkeit für die ProgressiveTraction-Technologie gewinnen konnten. Die Auszeichnungen „Maschine des Jahres 2014“ auf der Agritechnica 2013, der „Silver Ears Award 2013“ auf der Agribex 2013 und jüngs­tens der „FinOvation Award 2015“ der Farm Industry Leserwahl in den USA, sprechen Bände. Wir sind sehr stolz darauf, dass das Trelleborg-Engagement stetig neue Lösungen zu entwickeln, die Effizienz, Produktivität und Nachhaltigkeit der modernen Landwirtschaft weiter steigern, seitens der Landtechnikbranche auch anerkannt wird.
AGRARTECHNIK: Dass das Doppelstollen-Profil die Leistungsübertragung von der Maschine auf den Boden weiter verbessern und darüber hinaus eine erhöhte Flotation durch seine extrabreite Aufstandsfläche eine gleichmäßigere Druckverteilung gewährleisten soll, sind ja auch überzeugende Argumente! Warum haben Sie sich entschieden, diese Technologie zuerst bei den Serie-70-Reifen zu bringen?
Paolo Pompei: Führende Traktoren-Hersteller konzentrieren sich wieder in zunehmenden Maß auf den mittleren Traktoren-Leistungsbereich von 100 bis 240 PS. Diese neuen Maschinen fordern von den Reifen zusätzliche Leistungen bezüglich Traktion und Kraftstoffeffizienz. Der neue TM700 ProgressiveTraction liefert genau das. In Verbindung mit dem Einsatz unserer BlueTire-Technologie bei den neuen TM700 ProgressiveTraction haben wir die Messlatte wieder etwas höher gelegt, was die Steigerung der Effizienz und der Produktivität der Landwirtschaft, bei gleichzeitiger Erhöhung der Umweltleistung der Traktoren von heute und morgen angeht. Das neue Design reduziert den Reifenschlupf und erhöht die Traktionsfähigkeit um bis zu 18 Prozent, verglichen mit dem Marktdurchschnitt. Gleichzeitig wird der Kraftstoffverbrauch um bis zu zehn Prozent verringert und eine um bis zu 500 Stunden erhöhte Lebensdauer im Vergleich zum Marktdurchschnitt erreicht. Insgesamt können professionelle Landwirte im Laufe von 1 000 Einsatzstunden auf der Straße eine Ersparnis von rund 1 700 Euro erreichen. Die ersten Reifendimensionen auf dem Markt der neuen TM700 ProgressiveTraction werden 520/70R38 und 420/70R28 sein. Im Laufe des Jahres wird die Linie mit den gängigsten Größen der 70er Serie erweitert.
AGRARTECHNIK: Wie werden sie preislich positioniert sein und wann ist diese Technologie auch im 65er-Segment verfügbar?
Paolo Pompei: Im Vergleich zu den bisherigen TM700 werden die ProgessiveTraction drei bis fünf Prozent teurer sein. Da wir derzeit all unsere Anstrengungen darauf verwenden müssen, das 70er-Sortiment zu komplettieren, wird es schon noch zwei oder sogar drei Jahre dauern, bis die 65er-Reifen dran kommen.
AGRARTECHNIK: Dass Reifen nicht nur rund und schwarz sind, wird derzeit ja auch von den Wettbewerbern gezeigt. Wo sieht Trelleborg weitere Schwerpunkte in der Reifenforschung?
Paolo Pompei: Eine der großen Herausforderungen wird sicherlich das Thema Komplett-Rad sein. Damit in Verbindung stehen ja so wichtige Parameter wie die Übertragung hö-herer Zugkraft, die Verringerung der Vibrationen und ganz allgemein die bessere Einsatzfähigkeit. (dd)