Der jetzige Besitzer des Kalkstickstoffwerks in Trostberg (Lks. Traunstein, Bayern), die Firma Alzchem GmbH, feierte mit einem Symposium den 100. Jahrestag der Produktion in Deutschland. Am 6. November 1908 war die Gründerfirma, die Bayerische Stickstoff-Werke AG mit Sitz in München, gegründet und der Bau der Fabrik in Trostberg begonnen worden. 1911 begann die Produktion. Bis dahin vermarktete die Firma Kalkstickstoff aus Italien, wo die ersten Werke bereits errichtet waren.
Der Start war fulminant, die Ware war bis zu zwei Jahre im Voraus verkauft, denn: Zu Beginn seiner nun 100-jährigen Karriere war Kalkstickstoff ein Preisbrecher! Am Anfang des 20. Jahrhunderts war eine der drängendsten Menschheitsfragen, wie die teuren und zur Neige gehenden Stickstoffquellen Chile-Salpeter und Guano abgelöst werden können – also, wie der überall vorhandene, aber sich der landwirtschaftlichen Nutzung entziehende Luft-Stickstoff zu
Dünger umgewandelt werden kann. Das gelang erstmals mit der Herstellung von Kalkstickstoff. Großtechnisch hergestellt war er günstiger als die von Übersee importierten Düngemittel.
Heute gilt er als teurer Spezialdünger mit fungiziden und herbiziden Nebenwirkungen. Doch quasi rechtzeitig zum Jubiläumsjahr profitiert die Firma Alzchem von günstigen Rahmenbedingungen: Die hohen Preise für landwirtschaftliche Produkte steigern die Nachfrage nach
Dünger und die gestiegenen Preise für Stickstoffdüngemittel verringert deren Preisabstand zu Kalkstickstoff. Die Folge ist, dass nach 100 Jahren wieder einmal die Läger in Trostberg leer sind und manch interessierter Käufer vertröstet werden musste.
Das Verfahren, aus Branntkalk und sehr viel elektrischer Energie Carbid herzustellen und dieses in Öfen mit Luftstickstoff in Kalkstickstoff umzuwandeln, war von deutschen Forschern 1895 ursprünglich zum Einsatz in der Gold- und Silbergewinnung entwickelt worden. 1911 wurde an der Alz die erste Düngerfabrik in Deutschland gebaut. Die Wasserkraft stellte den hohen Energiebedarf sicher. Noch heute steuert die Alz über drei Kraftwerke etwa ein Drittel des nötigen Stroms bei.
Seit 1919 lieferten in Deutschland fünf Werke den wertvollen und seinerzeit billigsten Dünger. Bald erkannten Berater und Landwirte seine damals einzigartigen Nebenwirkungen auf bodenbürtige Schaderreger. Aus Samen keimende Unkräuter und pilzliche Halmbasiserkrankungen waren lange Zeit anders kaum zu bekämpfen. Dazu kamen die Wirkung gegen Bodenschädlinge wie Drahtwurm und Engerlinge oder gegen den Kartoffelkäfer.
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und die Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein waren die Blütejahre des Kalkstickstoffs. Billige Düngerimporte, hohe Energiekosten und chemische Herbizide und Fungizide haben ihm dann zugesetzt. Heute ist Trostberg das letzte Kalkstickstoffwerk in Europa.
Seine positive Wirkung auf die Bodenhygiene gilt immer noch als wichtiges Argument. Der
Dünger selbst hat sich aber verändert. Bis in die 1960er Jahre wurde er mit Kastenstreuern staubförmig ausgebracht, heute dominiert die anwenderfreundliche granulierte Ware unter dem Markennamen Perlka.
Mehrere Umfirmierungen und Besitzerwechsel markieren die nun 100-jährige Firmengeschichte. Aus den „Bayerischen Stickstoffwerken“ (seit 1923 Teil der IG Farben) wurde in den 1930er Jahren die „Süddeutsche Kalkstickstoffwerke AG“ (kurz SKW). Sehr viel später, 1978, entstand daraus die SKW Trostberg AG. Durch Veränderungen in der Mutter-Gesellschaft VIAG verschmolz 2001 die SKW Trostberg mit der Degussa-Hüls AG zur neuen Degussa. Im Herbst 2006 wurde die Kalkstickstoffproduktion als Alzchem GmbH wieder ausgegliedert. Heute ist sie ein Teil der Chemiesparte der Evonik Degussa GmbH.
Das Symposium am Firmensitz beleuchtete die wechselvolle Firmengeschichte und zeigte in mehreren Fachvorträgen auf, weshalb der Kalkstickstoff immer noch als moderner
Dünger zu gelten hat. Dr. Hans-Jürgen Klasse, Vertriebsleiter Deutschland, fasste zusammen, warum er ihn als „Wegbereiter des modernen Pflanzenbaus“ einschätzt:
- Kalkstickstoff war der erste in großem Umfang hergestellte synthetische Stickstoffdünger.
- Er war das erste über Jahrzehnte großflächig eingesetzte Herbizid.
- Er ist der Prototyp aller stabilisierten Stickstoffdünger.
- Er ist Ausgangsprodukt für zahlreiche Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln.
Auch für die Zukunft hält Klasse den Kalkstickstoff geeignet. Enger werdende Fruchtfolgen erhöhen den Bedarf an einem Mittel, das die Bodenhygiene steigert. Und die gestiegenen Erlöse müssten es den Landwirten erlauben, mehr in den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit zu investieren.