Montag, 21.05.2012
Strengere Kontrollen gegen hohen Antibiotika-Einsatz gefordert
Düsseldorf/Berlin - Die Studie über den hohen Antibiotika-Einsatz in der heimischen Geflügelhaltung schlägt hohe Wellen. Vertreter der verschiedensten politischen Parteien fordern strengere Kontrollen.
Die Zahl der Küken für die Mast blieb relativ konstant.
© Mühlhausen/landpixel
Antibiotika ist in der Hähnchenzucht laut der von Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne) am Dienstag vorgelegten Studie zufolge die Regel. Bei einer Untersuchung fast aller
Hähnchenmastbestände in NRW entdeckten Gutachter,
dass mehr als 96 Prozent der Tiere mit Antibiotika behandelt worden
waren. Ein Zustand, den Remmel nicht hinnehmen möchte. Falls
Bundesagrarministerin Ilse
Aigner (CSU) nicht zügig handle, werde NRW "über den Bundesrat dafür sorgen, dass die notwendigen
Gesetzesreformen in Angriff genommen werden".
Bundesagrarministerium: Ergebnisse sind besorgniserregend
Das Bundeslandwirtschaftsministerium nannte die Ergebnisse in einer
Mitteilung besorgniserregend und forderte die Bundesländer auf, von
ihren zahlreichen Überwachungs- und Sanktionsmöglichkeiten mit aller
Konsequenz Gebrauch zu machen. Sollten die Instrumente im Kampf gegen
unsachgemäßen Antibiotikaeinsatz nicht ausreichen, sei das
Bundesministerium aber selbstverständlich bereit, mit den Ländern
über Verbesserungen zu sprechen.
Laut Arzneimittelgesetz dürfen Antibiotika nur zur Behandlung
kranker Tiere eingesetzt werden.
Aigner hatte nach Bekanntwerden der
ersten NRW-Ergebnisse bereits in der vergangenen Woche angekündigt,
die Vergabe von Antibiotika besser zu erfassen, insgesamt
einzuschränken und engmaschiger zu kontrollieren. Seit Anfang des
Jahres wird in einer zentralen Datenbank die Arzneimittelverwendung
bei Schweinen und Rindern erfasst, bislang aber nicht bei Geflügel.
CDU: Arzneimittel darf es nur in Ausnahmefällen geben
Zur Vorstellung der Ergebnisse der Untersuchung "Antibiotikaeinsatz
in der Tierzucht" erklärte der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion in
NRW, Karl-Josef Laumann: "Der Arzneimitteleinsatz ist ein wichtiger Indikator dafür, ob die
Rahmenbedingungen in einer Tierhaltung in Ordnung sind. Wenn mehr als
96 Prozent der Masthähnchen innerhalb ihrer kurzen Lebenszeit krank
oder so anfällig sind, so dass sie zum Teil mehrfach mit Antibiotika
behandelt werden, dann ist etwas nicht in Ordnung. Wir werden die
Ergebnisse der LANUV-Studie genau prüfen.
Ich will keine pauschalen
Urteile oder Verurteilungen. Wir müssen uns sehr genau anschauen, wie
moderne Tierhaltung funktioniert und wie Tierärzte und Landwirte
zusammenarbeiten. Hier brauchen wir mehr Transparenz. Wenn die
Verantwortung des einzelnen Landwirts für das, was in seinem Betrieb
mit den Tieren geschieht, eingeschränkt wird oder verloren geht, dann
geraten wir auf eine schiefe Bahn. Arzneimittel darf es nur in
Ausnahmefällen geben. Sollten bestehende Strukturen nicht stimmen,
müssen wir sie ändern."
Grüne: Antibiotika wird zur Wachstumsförderung eingesetzt
Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen fordert von
Ilse
Aigner eine neue
Antibiotikastrategie, die klare Maßnahmen definiert. Transparenz,
Forschung, konkrete Regelungen im
Arzneimittelgesetz und Kontrolle müssten her. Laut der Studie aus NRW
wurden fast alle Tiere mit antimikrobiellen Substanzen behandelt (96,4
Prozent). 53 Prozent der Tiere wurden nur 1-2 Tage mit Antibiotika
behandelt. "Das ist ein Verstoß gegen die Zulassungsbedingungen von
Antibiotika und ein klarer Hinweis darauf, dass die Mittel zur
Wachstumsförderung eingesetzt werden. Die Studie belegt, dass
permanente Antibiotika-Gabe die Grundbedingung in enger industrieller
Tierhaltung ist." Kleine Betriebe mit höherer Mastdauer wiesen eine
deutlich geringere Behandlungsintensität aus.
FDP: Antibiotika in der Tierhaltung verantwortungsbewusst einsetzen
"Die Zahlen aus Nordrhein-Westfalen sind äußerst besorgniserregend. Es
ist zu prüfen, ob dieses Ausmaß des Antibiotikaeinsatzes bundesweit
zutrifft", sagt die agrarpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christel Happach-Kasan. Die Haltungsbedingungen für Masthähnchen müssten so ausgestaltet werden, dass die antibiotikafreie Mast die Regel, der Einsatz von Antibiotika die Ausnahme werde. Schließlich lebten die Tiere kaum länger als einen Monat.
"Der enorme Preisdruck ist eine Ursache für den hohen Antibiotikaeinsatz.
Es ist offensichtlich, dass die von der Bundesregierung 2008 beschlossene Deutsche Antibiotika Resistenzstrategie (DART) in der Hähnchenmast nicht gegriffen hat. Geflügelbetriebe müssen in die zentrale Datenbank zum Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung aufgenommen werden." Darüber hinaus seien die Geflügelhalter aufgefordert, Maßnahmen zur Antibiotikareduzierung vorzulegen.
DBV: Antibiotikaeinsatz weiter senken
Der Deutsche Bauernverband (DBV) lehnt in einer Pressemitteilung den wiederholten Einsatz von geringen Dosen Antibiotika zur
Steigerung der Mastleistung oder zur Kompensierung schlechter
Haltungsbedingungen entschieden ab und weist auf einen wachsenden Anteil
von Landwirten hin, die keine Antibiotika einsetzen. Dies belege,
dass tiergerechte Haltungsverfahren auch ohne diese Arzneimittel
möglich sind. Ferne setze sich der DBV im Qualitätssicherungssystem der gesamten
Produktionskette - QS - für ein kontinuierliches Monitoring des
Antibiotikaeinsatzes ein, um deren Einsatz weiter zurückzuführen. Auf
diese Weise werde auch dem Risiko von Resistenzbildungen bei
Keimen Rechnung getragen.
dpa/pd
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