Montag, 21.05.2012
Wissenschaftler sehen große Chancen für regenerative Energien weltweit
München – Welche Chancen bieten die Nachwachsenden Rohstoffe für die Energieversorgung und wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien?
Professor Martin Faulstich, Lehrstuhl für Rohstoff- und Energietechnologie, TU München.
© Gudrun Zercher
Diesen Fragen gingen Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen beim zweitägigen Rundgespräch über die Zukunft der Energieversorgung, den Atomausstieg, die Versorgungssicherheit und den Klimawandel nach, zu dem die Bayerische Akademie der Wissenschaften Ende Januar eingeladen hatte. Dass dabei das Wirtschaftsforschungsinstituts ifo Mitveranstalter war, war deutlich zu hören. Zum einen kamen überwiegend Volkswirte zu Wort, zum anderen verengten die ihre Einschätzung auf die gesellschaftlichen Kosten, die die Erneuerbaren derzeit verursachen.
"Ausbau der NaWaRos ist in Deutschland nur begrenzt möglich"
Eine Ausnahme davon bildete Professor Martin
Faulstich, der den Lehrstuhl für Rohstoff- und Energietechnologie an
der TU München inne hat, obwohl auch er die Schwachstellen der
Erneuerbaren in Deutschland benannte. Für die Photovoltaik schlug er vor, die Vergütung
nicht zurückzuschrauben sondern zu deckeln. Auf die Biomasse ging er detaillierter ein: Ihr Ausbau sei begrenzt, weil die landwirtschaftliche
Fläche in Deutschland ebenso limitiert sei. Für die Zukunft der Nachwachsenden
Rohstoffe in Deutschland sehe er deshalb keine große Intensivierungsmöglichkeiten.
FAO rechnet bis 2020 mit Ausdehnung des Energiepflanzenanbaus weltweit
Für Deutschland sehe er keine Gefahr, dass
Energiepflanzen die Lebensmittelerzeugung gefährdeten, anders sehe dies
im Rest der Welt aus. Global würden auf 65 % der Ackerfläche
Nahrungsmitteln angebaut, berichtete Faulstich, auf 33 % Viehfutter und auf 2 %
Energiepflanzen. Die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) gehen davon aus, dass sich bis 2020 die weltweite Flächen für Energiepflanzen auf 60 bis 70
Millionen Hektar ausdehnt, heute sind es ca. 45 Millionen Hektar.
Die wachsende Weltbevölkerung werde die Nachfrage nach Nahrungsmitteln ansteigen lassen, die Ackerfläche pro Kopf werde kleiner und die Fruchtbarkeit der Böden nehme weltweit ab, prognostizierte der Wissenschaftler. Um diesen Problemen zu begegnen, empfiehlt er die Einführung von Nachhaltigkeitsstandards und die Zertifizierung der Land- und Forstwirtschaft.
"Wenn man Deutschland aus erneuerbaren Energien versorgen möchte, muss man die Onshore-Windkraft um 60 bis 70 Prozent ausbauen", sagte Ingenieur
aus Straubing, der auch kein
Problem darin sieht den Weltstrombedarf komplett aus regenerativen Energien zu decken, "wenn man sie
an den optimalen Standorten einsetzt".
RWE-Vertreter kritisiert geringe Wettbewerbsfähigkeit der Erneuerbaren
Weniger optimistisch waren hingegen die Aussagen von Professor
Fritz Vahrenholt, dem Geschäftsführer von RWE Innogy, einem
RWE-Tochterunternehmen, das sich mit der Stromerzeugung aus
erneuerbaren Energien beschäftigt. Er kritisierte die geringe
Wettbewerbsfähigkeit der regenerativen Energien in Deutschland.
"Die Photovoltaik ist die unwirtschaftlichste Form der Stromerzeugung
in Deutschland, gleichzeitig ist sie aber auch die beliebteste". Die
durchschnittliche Zahl von 750 Volllaststunden im "Sonnenland
Deutschland" sei bescheiden, verglichen mit beispielsweise Spanien, das
auf 1500 Volllaststunden im Jahr komme. Die Zahl der Volllaststunden gibt an, wie hoch die Ausnutzung einer Anlage ist.
"Bestehende Kohlekraftwerke mit Biomasse befeuern"
Der Biomasse bescheinigte Vahrenholt, dass ihre Technologie
schon weitgehend ausgereift sei, "die Kosten werden sich nicht
weiter nach unten bewegen". Er rechne damit, dass künftig viel
Biomasse importiert werde und schlug vor, bestehende Kohlekraftwerke
mit Biomasse zu befeuern. Auch die Stromerzeugung aus Wasserkraft sei
nicht weiter ausbaufähig, vor allem aus Naturschutzgründen, bemängelte
der Hamburger Professor.
Lediglich bei der
Stromerzeugung aus Windkraft sah er noch Potenzial. "Die Technologie
steht am Anfang ihrer Reifekurve. Wenn man die Rotorblätter vergrößert und die Nabenhöhe
auf 180 bis 200 Meter erhöht, kann man die erzeugte Strommenge noch
erheblich steigern, wodurch die Kosten im Laufe der kommenden Dekade
sinken." Gleichzeitig wandte er jedoch ein: "Um die
Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten, reichen Windkraft
und Photovoltaik nicht aus, weil sie zu unregelmäßig Strom liefern. Der
Schlüssel der Energiewende liegt somit in der Speicherung.
Pumpspeicherkraftwerke sind mit unter 10 Cent/KWh die erste Wahl für
die Stromspeicherung, allerdings sind sie schwierig zu realisieren".
Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren hängt vom Ölpreis und Zertifikatepreis ab
Mit seiner Meinung, dass Strom aus erneuerbaren Energien
derzeit nicht wettbewerbsfähig sei, lag Vahrenholt auf einer Linie mit
Hans-Dieter Karl vom Wirtschaftsforschungsinstitut ifo, der die
Produktionskosten für Wind (onshore) mit 8 ct/KWh und Photovoltaik 22
ct/KWh in Relation zum Strompreis, der an der Strombörse bezahlt wird
(5 ct/KWh), stellte. Angesichts dieser großen Preisdifferenzen ging die
Tatsache fast unter, dass die genannte Zahlen nur Augenblicksaufnahmen
sind und die Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren steigt,
wenn sich die Preise von Öl und CO2-Emmissionszertifikaten erhöhen.
Einen ausführlichen Bericht über die Veranstaltung finden Sie in der neuen Ausgabe der "Joule".
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Gudrun Zercher
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