Dienstag, 22.05.2012
Keine rosigen Aussichten für die EU-Biodieselindustrie
Berlin - Die Aussichten für die europäische Biodieselindustrie sind alles andere als rosig; der Branche dürfte eine schmerzhafte Anpassung ihrer Kapazitäten an die realen Absatzmöglichkeiten bevorstehen.
Drei Prozent der weltweiten Ackerfläche wird für die Produktion von Energiepflanzen genutzt.
© Mühlhausen/landpixel
Diese Schlussfolgerung geht
aus einem Bericht des Beratungsunternehmens Ecofys
zu den internationalen Biodieselmärkten hervor, der
im Auftrag der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen
(UFOP) erstellt worden ist und der im
Wesentlichen auf den Ergebnissen einer Studie des
Bioenergieexperten Patrick Lamers zum Zusammenspiel
der Politik- und Marktfaktoren auf den internationalen
Bioenergiemärkten basiert.
In
dem Ecofys-UFOP-Bericht stellen die Autoren fest,
dass sich die Biodieselherstellung in der EU-27 von
4,89 Mio t im Jahr 2006 auf 9,57 Mio t im Jahr 2010
fast verdoppelt hat, sich die zugrunde liegenden
Produktionskapazitäten aber seit 2006 mehr als verdreifachten,
und zwar auf 22,12 Mio t.
Trotz der schlechten Auslastung wächst der Angebotsdruck
Hochrechnungen zufolge dürfte die Gemeinschaft dieses
Jahr gut 2,4 Mio t Biodiesel aus Drittstaaten beziehen,
darunter fast 1,25 Mio t aus Argentinien und
etwa 900 000 t aus Indonesien. Die Experten gehen
davon aus, dass die Lieferungen von Biodiesel in die
EU noch zunehmen werden. Die Margen der europäischen
Biodieselhersteller dürften deshalb unter den
bestehenden Politiken - überwiegend Beimischungsverpflichtungen
- gering bleiben, so dass komparative
Kostenvorteile in Zukunft genutzt werden müssten.
Dies werde zu einer Zunahme von Produktionskapazitäten
an strategisch günstigen Standorten führen, die
eine breite Basis an preiswerteren Inputstoffen einschließlich
der Arbeitslöhne böten. Eine volle Ausnutzung
der derzeitigen Produktionskapazitäten in der
EU bleibe daher unwahrscheinlich.
Hafennähe entscheidend
Mögliche zukünftige Investitionen in die Infrastruktur
und technische Ausrüstung in Osteuropa, sowohl in EU-Mitgliedstaaten
als auch in Anrainerstaaten, könnten
nach Ansicht der Fachleute aber dazu beitragen, die Versorgung
mit wettbewerbsfähigen, in Europa angebauten
Ölsaaten für die Biodieselherstellung zu steigern. In der
Vergangenheit habe das größte Wachstum an Produktionskapazitäten
in der EU entlang der Nordsee und den
daran angeschlossenen Binnenschifffahrtswegen, insbesondere
in Frankreich, Belgien, Deutschland und Großbritannien,
festgestellt werden können. Diese Entwicklung
habe im Wesentlichen auf den bereits bestehenden
Strukturen der Ölsaatenverarbeitungsindustrie basiert,
die ihre Biodieselanlagen direkt neben den Ölmühlen
installiert hätten.
Im Laufe der Jahre habe diese Entwicklung
dazu geführt, dass sich viele europäische Häfen,
zum Beispiel Antwerpen in Belgien, Rotterdam und Amsterdam
in den Niederlanden - verbunden mit Biokraftstoffanlagen
entlang des Rheins - oder Hamburg in
Deutschland zu strategischen Knotenpunkten für den
Handel und die Produktion von Biokraftstoffen entwickelt
hätten. Die Knotenpunkte deckten hierbei den
Berichtsautoren zufolge den Import, die Mahlung, Produktion,
Beimischung und den Reexport von Biokraftstoffen
und ihrer Produktionsstoffe ab. Obwohl Reexporte
grundsätzlich weltweite Destinationen haben
könnten, dienten diese Zentren weitestgehend als Umschlagplätze
zur Verteilung internationaler Importe innerhalb
der EU.
Konsolidierung schon in Gang
Wie in dem Bericht außerdem dargelegt wird, zeigt das
Biodieselproduktionsvolumen in der EU einen deutlichen
Rückgang in der Anlagenauslastung von durchschnittlich
noch rund 81 % im Jahr 2006 auf nur noch etwa 43 % im
vergangenen Kalenderjahr. Als mögliche Ursachen für
diese Überkapazitäten gelten nach Darstellung der Berichtsautoren
die sehr attraktiven Marktbedingungen und
die nur geringfügige Konkurrenz durch Biodieselimporte
aus Übersee zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidungen,
die Weiterentwicklungen beziehungsweise Veränderungen
der politischen Rahmenbedingungen im Laufe der
Zeit, das relativ langsame Verbrauchswachstum - teilweise
beeinflusst durch Nachhaltigkeitsabwägungen - und
schließlich die Probleme bei der Wirtschaftlichkeit der
Anlagen aufgrund einer zunehmenden Kluft zwischen
Biodieselpreisen und Produktionskosten.
Die Überkapazitäten
hätten in der EU bereits zu einer Konsolidierung
der Branche geführt. Die Wettbewerbsintensivierung habe
sich vor allem auf kleinere, weniger vertikal integrierte
und potentiell weniger effiziente, weiter verstreute Biodieselanlagen
unter anderem in Deutschland, Österreich
und Großbritannien ausgewirkt.
Iberische Biodieselindustrie destabilisiert
Die Biodiesel-Handelsbilanzen der einzelnen Mitgliedstaaten
bezüglich der außer- und innereuropäischen Einfuhrmengen
gestalten sich dem Ecofys-UFOP-Bericht
zufolge sehr unterschiedlich. So bestehe die Biodieselversorgung
in den Niederlanden, Großbritannien, Spanien,
Portugal und Italien zu einem großen Teil aus EU-externen
Importen, wohingegen diese in der deutschen und
französischen Handelsbilanz eine eher marginale Rolle
spielten. Die Niederlande seien aufgrund der großen Raffineriekapazitäten
für fossile Brennstoffe in Rotterdam
und Amsterdam einer der größten Umschlagsplätze für
Biokraftstoffe.
In den vergangenen Jahren hätten Importe
aus Argentinien zu Preisen deutlich unterhalb der Gestehungskosten
in Spanien und Portugal die dortige Biodieselindustrie
destabilisiert, so die Autoren. Großbritannien
habe traditionell eine liberale Handelspolitik und eine
begrenzte inländische Produktion von Biodiesel. Die italienische
Biodiesel-Politik verlange EU-weite Ausschreibungsverfahren,
was die inländische Produktion einem
EU-weiten Preiswettbewerb aussetze. In Frankreich sei
die Ausschreibung beschränkt, was die Importströme bislang
habe deutlich begrenzen können.
AgE
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