Zwist um Studie: Treibt Biogas Pachtpreise?
Berlin - Der Biogasrat reagiert mit harrscher Kritik auf eine WWF-Studie. Er wirft dem Umweltschutzverband 'agrar-romantische' Parteinahme vor, die Studie sei 'unter Niveau'.
Mit den Stärken von Biogas für die Speicherung bringt der Fachverband einen neuen Aspekt in die Debatte ein.
© Mühlhausen/landpixel
"Die Studie des WWF zu den Auswirkungen der Biogasproduktion auf die Landwirtschaft bleibt völlig unter dem Niveau, das wir sonst von dieser Umweltorganisation gewohnt sind", bedauert der Geschäftsführer des Biogasrat, Reinhard Schultz.
Die agrar-romantische Parteinahme für die traditionelle "gute" und zugleich "kleine" Landwirtschaft blende aus, dass es immer schon den Wettbewerb und darauf folgend Strukturwandel im Agrarsektor gegeben hat.
Wachsen oder Weichen: 'Gesetzmäßigkeit' des technischen Fortschritts?
"Die von früheren Bauernpräsidenten geprägte Formel "Wachsen oder
Weichen" sei nicht von der Biogaswirtschaft erfunden worden, sondern
beschreibe eine Gesetzmäßigkeit, die mit technischem Fortschritt, sich
verändernden Märkten und der unterschiedlichen Finanzkraft der
Marktteilnehmer zu tun hat. "Extrem sichtbar wird dieses Prinzip in
Veredelungsregionen", erklärt Schultz. "Der Boom der
Veredelungswirtschaft mit der Massentierhaltung führt zu Flächenbedarf
und verschärft den Wettbewerb um die Fläche. Da die Zahl von Schweinen
und Rindern, die ein Landwirt halten darf, an die Größe der Fläche
gebunden ist, auf die er die Gülle verbringen kann, führt das Wachstum
dieser Branche zu immer größeren Betrieben, während die kleineren
verschwinden", betont Schultz und verweist auf eine Befragung der
Landwirte durch das Landwirtschaftministerium in Schleswig-Holstein.
"Mit dieser Entwicklung hat die Erzeugung von Biogas so gut wie nichts
zu tun."
Biogasrat: 'Massentierhalter' die eigentlichen Preistreiber
Die vom WWF unterstellten EEG-Vergütungen in Höhe von 750.000 Euro für
eine 600 KW-Biogasanlage seien nicht mit den Zuschüssen zur
landwirtschaftlichen Produktion vergleichbar: Denn das EEG vergüte
ausschließlich die durchschnittlichen Mehrkosten der Strom- und
Wärmeerzeugung aus Biogas gegenüber den Marktpreisen für Strom. Der
Gewinn sei oft bescheiden und hänge von der Gesamteffizienz der Anlagen
ab. Im Übrigen würden die allermeisten Biogasanlagen in dieser
Größenordnung von Landwirten betrieben.
Der Boom der Veredelungswirtschaft in 15 von über 400 Landkreisen in
Deutschland, wie in Nordniedersachsen, Schleswig-Holstein, Teilen des
Münsterlandes und in Teilen von Bayern und Baden-Württemberg habe dazu
geführt, dass teilweise 70 Prozent der Anbauflächen mit Mais als
Futtermittel bepflanzt sind.
"Das sich in diesen Regionen Tierveredeler
und Fleischwirtschaft in ihrem Wachstum durch Biogasanlagen gestört
fühlen, ist aus Sicht dieser Unternehmen verständlich, lenkt aber davon
ab, dass sie selbst die eigentlichen und einzigen Verursacher des Drucks
auf Flächen und Pachtpreise sind." Trotz dieser Vorwürfe erklärt Schultz, dass er grundsätzlich auch
die Landwirte verstehe, die Opfer dieser Entwicklung sind, weil sie Pachtflächen
verlieren. "Aber die Schuld nur bei anderen zu suchen, verstellt den
Blick auf die Wirklichkeit und diskreditiert eine ganze Branche."
Im
Übrigen seien die WWF-Angaben zum Anstieg der Maisanbauflächen
irreführend. Auf das gesamte Bundesland Niedersachsen bezogen, liegt der
Anteil der landwirtschaftlichen Fläche, die für den Anbau von Biomasse
zur Biogaserzeugung genutzt wird, nur geringfügig über dem Anteil der
Flächen, die vor 2005 stillgelegt waren (EU Programm zum Abbau der
Produktionsüberschüsse).
Förderpolitik 'ökonomischer Schwachsinn'
Reinhard Schultz:
"Biogas leistet einen
hohen Beitrag zur CO2-Reduzierung und Versorgungssicherheit. In
Veredelungsregionen hilft die Vergärung von Gülle darüber hinaus, den
Boden und das Grundwasser durch ein kluges Nährstoffmanagement zu
entlasten. Wer die Ziele der EU und der Bundesregierung zum Ausbau
Erneuerbarer Energien und zum Klimaschutz ernst nimmt, muss den Anstieg
der Biogasproduktion fördern und darf ihn nicht verhindern."
Das Ziel der Biogasbranche sei es, möglichst flächenschonend und
kosteneffizient Biogas für die Erzeugung von Strom, Wärme und
Kraftstoffversorgung zur Verfügung zu stellen. Dabei spielt die
Landwirtschaft eine zentrale Rolle. Aber auch für sie gilt: Wettbewerb
und technischer Fortschritt bestimmen die Spielregeln.
Wer Subventionen
abbauen will, muss für eine möglichst wirtschaftliche Biogasproduktion
sein. "Das geht nicht mehr mit Kleinstanlagen, ebenso wie der Umbruch
großer Ackerflächen nicht mehr mit einem Gespann aus Ochsen und
Holzpflug bewerkstelligt werden kann", unterstreicht Reinhard Schultz.
"Unwirtschaftliche Kleinstanlagen erhalten im Übrigen eine deutliche
höhere Förderung als effiziente größere Anlagen. Das ist ökonomischer
Schwachsinn."
Löst Zuckerrübe den Mais ab?
"Auf mittlere Sicht
wird Biogas auch nicht mehr überwiegend aus Mais erzeugt werden", prognostiziert Schultz. Eine
große Rolle werde die Zuckerrübe spielen. Gemeinsam mit den
Pflanzenzüchtern will der Biogasrat auch anderen Energiepflanzen zum
Durchbruch verhelfen. "Damit sorgen wir für biologische Vielfalt - ein
Leitziel des Biogasrat. Und unabhängig von nachwachsenden
Rohstoffen werden biologische Abfälle in Zukunft eine größere Rolle bei
der Biogasproduktion spielen." Schultz tritt auch für eine vom Einsatzstoff unabhängige
Vergütung der Biogasproduktion ein.
EEG-Novelle: Marktprämie statt Sondervergütungen
Der Biogasrat merkt zudem an, dass eine Politik zur Förderung
Erneuerbarer Energien in erster Linie Energiepolitik sein muss und nicht
eine Fortsetzung der Agrarsubventionen mit anderen Mitteln. Der
Biogasrat fordert daher, dass bei der Neuausrichtung des EEG hohe
Maßstäbe für Umwelt- und Kosteneffizienz der Biogasanlagen die Grundlage
für die Förderung werden. Alle Sondervergüten sollen zugunsten einer
einheitlichen Marktprämie verschwinden. Marktprämie bedeute: Nur
Mehrkosten werden durch die Förderung abgedeckt, der Rest muss am Markt
erwirtschaftet werden. Ausnahmen solle es nur für die Förderung der
Kraft-Wärmekopplung und für die Biogaserzeugung aus Gülle geben. Neben
der Verstromung solle auch die Wärmeerzeugung und der Kraftstoffmarkt
für
Biogas erschlossen werden.
Der Biogasrat tritt für wasserdichte Nachhaltigkeitsnachweise ein, die
aber nicht nur die Biogasproduktion, sondern
auch die jeweiligen Wettbewerbsproduktionen mit einbeziehen müssen. Also
den Mais für Futtermittel genauso wie für Biogas. "Das würde für
Klarheit sorgen und manche regionalen Fehlentwicklungen transparent
machen."
ots
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