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Somit muss für den Grünlandaufwuchs, der dann nicht mehr über den Rindermagen verwertet werden kann, eine andere Nutzung gefunden werden. Sonst würden viele landschaftsprägende Wiesen zu Wald oder sogar verwildern. Laut Kalkulationen der Bundesanstalt für Alpenländische Landwirtschaft in Gumpenstein werden mittelfristig in Österreich jährlich 750.000 Tonnen Grünland-Biomasse frei. Das entspricht etwa 70.000 bis 80.000 Hektar Wiesenfläche - für ein Zehntel der Grasflächen fehlt bereits die verwertende Kuh - und einem Hektar-Energieertrag von rund 30.000 kWh.
Demonstrationsanlage in Utzenaich
Mit interessierten Förderern aus dem Gas/Stromsektor und mit wissenschaftlicher Unterstützung hat Josef Stockinger vor einem Jahr die OÖ Bioraffinerie in Utzenaich gestartet. Die Pilotanlage ist mit einer seit sechs Jahren sehr effizient arbeitenden bäuerlichen Biogasanlage (8.700 h/Jahr) gekoppelt. In der Versuchs-Bioraffinerie wird aus Grassilage der Saft abgepresst und daraus in ausgeklügelten technischen Verfahren Milchsäure und Aminosäure gewonnen. Das Verfahren soll bis 2012 perfektioniert und wirtschaftlich optimiert werden. "Erst dann soll über den praxisgerechten Bau großer Anlagen entschieden werden", erläutert Stockinger.
Bisherige Erfahrungen positiv
Die bisherigen Erfahrungen stimmen den Leiter des Energieinstitutes der Johannes Kepler Universität Linz und "geistigen Vater" der Anlage, Horst Steinmüller, zuversichtlich: "Die eingesetzten Technologien in unterschiedlicher Größe haben bereits Industriestandard", betont er und nennt einige Zahlen der vorerst kleinen Anlage. So werden pro Stunde bis zu vier Tonnen Grassilage mit 30 Prozent Trockensubstanz gepresst.
Gewinnung von Milchsäure aus Grassäften
Die Saftaufbereitung mit Ultra- und Nanofiltration, Enthärtung, Elektrodialyse, Umkehrosmose und Ionentauscher funktioniert und erreicht bis zu 400 Kilogramm pro Stunde. Produziert werden stündlich 6 bis 12 Kilogramm Aminosäure sowie 12 bis 16 Kilogramm Milchsäure. Der Presskuchen wird dem Gärsubstrat der Biogasanlage für die Energieproduktion beigegeben. Erste Kennwerte für die Gewinnung von Milch- und Aminosäure wurden bereits gewonnen, eine Weiterentwicklung läuft. Die Ionenaustauscheranlage kann Milchsäure bis zur Lebensmittelqualität aufbereiten. Ab kommendem Sommer soll die Pilotanlage auch kontinuierlich laufen.
Gras als wertvoller Rohstoff verheißt auch Rentabilität
Für Milchsäure besteht derzeit in der Lebensmittelindustrie sowie als Grundstoff für biologische Lösungsmittel und Kunststoffe ein globales Marktvolumen von rund 120.000 Tonnen jährlich und ein Weltmarktpreis von 1 bis 1,20 Euro pro Kilogramm. Steinmüller kalkuliert vorsichtig mit nur 0,70 Euro. Aminosäuren werden sowohl im Lebensmittelbereich, in Futtermitteln als auch in der Kosmetik eingesetzt. Dafür sind aktuell 5 bis 10 Euro pro Kilogramm erzielbar. Das jährliche Marktwachstum in Mitteleuropa liegt derzeit bei 1.000 Tonnen.
Blick in die Zukunft
Wenn bis 2012 die wirtschaftliche Machbarkeit dieser kaskadischen Grasnutzung für Lebensmittel, die gentechnikfrei, rein pflanzlich und natürlich sind, sowie in der Kunststoffproduktion abgesichert werden kann, sollen weitere Entscheidungen fallen. Stockinger hält es dann für realistisch, dass zehn derartige Bioenergieraffinerien mit insgesamt 15.000 Hektar Grünland als Rohstoffbasis in Oberösterreich betrieben werden. Eine Bioraffinerie würde einschließlich Biogasanlage rund 10,7 Millionen Euro kosten. Für die in Utzenaich laufende Pilotanlage wurden 1,8 Millionen Euro investiert. Lieferverträge und präzise Qualitätsanforderungen an die Grassilagen sollen einen für Bauern und Anlagenbetreiber rentablen Langzeitbetrieb ermöglichen und gleichzeitig das wichtige Grünland erhalten. (aiz)

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