Mittwoch, 23.05.2012
Ciolos: EU-Agrarhaushalt wird nicht gekürzt
Brüssel - EU-Agrarkommissar Dr. Dacian Ciolos hat die Pläne seiner Behörde zur Ausgestaltung des EU-Finanzrahmes 2014 bis 2020 verteidigt.
EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos geht auf die Mitgliedsstaaten zu. Nationale Agrarumweltmaßnahmen könnten jetzt für das Greening angerechnet werden.
© EbS
Gegenüber dem Landwirtschaftsausschuss des Europaparlaments wies er am Montag vergangener Woche darauf hin, dass der Agrarhaushalt für diese sieben Jahre in nominalen Preisen mit insgesamt 418,4 Mrd Euro auf dem Stand von 2013 - der Jahreshaushalt beläuft sich dann auf 59,8 Mrd Euro - belassen werde. Die Verringerung auf 371,7 Mrd Euro sei der Inflation geschuldet; sie ergebe sich, wenn man die Summe der Ersten und Zweiten Säule in Preisen von 2011 ausweise. "Die Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik werden der wichtigste einzelne Haushaltsposten sein", betonte der Kommissar.
Er widersprach Vorwürfen, die Kommission habe aktiv gekürzt und damit den Willen des Hohen Hauses ignoriert. "Das Parlament hat eine Beibehaltung des Budgets verlangt", so Cioloş. Genau das habe man erreicht. Die Vorschläge drückten also alles andere als ein Resignieren aus. Die Europäische Kommission verschickte auf Anfrage eine Tabelle mit dem zugrundeliegenden Kalkül. Cioloş’ Sprecher betonte, Direktzahlungen seien niemals an die Inflation angepasst worden. Ein
Landwirt in den alten Mitgliedstaaten, der seine Bewirtschaftung über die Jahre nicht ändere und dessen Betriebsprämie sich aktuell auf 5000 Euro belaufe, habe die gleiche Summe in den vorangegangenen Jahren bekommen und werde diesen Betrag auch nächstes Jahr erhalten.
Hinter dem Zeitplan
Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses, Paolo de Castro,
protestierte gegen Cioloş’ Darstellung am darauffolgenden Dienstag vor
Journalisten. "Ich weise zurück, dass die Kommissionsvorschläge dem
Willen des Parlaments entsprechen", so de Castro. Er räumte ein, dass
die Forderung nach einem Inflationsausgleich für den Agrarhaushalt im
Sonderausschuss für die EU-Finanzen nach 2013 keine ausdrückliche
Berücksichtigung fand. "Aber die Abstimmung war sehr knapp", betonte
der Italiener.
Der amtierende Vorsitzende des Agrarministerrats, Marek Sawicki,
kritisierte, die Diskussion um die künftige Agrarpolitik hinke dem
Zeitplan hinterher. Eigentlich hätten die Eckpunkte vor der
Veröffentlichung der Vorschläge zur finanziellen Vorausschau feststehen
müssen. "Jetzt sind wir Geiseln des mehrjährigen Finanzrahmens", so der
Pole. Er sprach sich dafür aus, den Agrarhaushalt aufzustocken. Als
Referenz müsse man den Durchschnitt der gesamten aktuellen
Haushaltsperiode heranziehen, nicht nur das Jahr 2013. Sowohl Sawicki
als auch de Castro zeigten sich skeptisch, ob Cioloş’ Plan aufgeht,
Teile der Agrarmittel in andere Haushaltsbereiche zu verlagern, aber
trotzdem die Kontrolle darüber zu behalten. Damit werde die
Agrarpolitik untergraben, meinte Sawicki.
Gemeinsam nur dem Namen nach
Vor dem Landwirtschaftsausschuss bekräftigte Sawicki ebenfalls am
Dienstag seine Forderung nach einer ausgewogeneren Verteilung der
Mittel zwischen den Mitgliedstaaten. Hinsichtlich der
Verteilungsgerechtigkeit gebe es einige Probleme. Denn obwohl am
Binnenmarkt einheitliche Preise herrschten, seien die Beihilfen pro
Hektar in Deutschland dreimal so hoch wie in Lettland. Die Gemeinsame
Agrarpolitik heiße leider nur so, in Wirklichkeit gebe es 27
unterschiedliche Ansätze. Daneben pochte der Minister darauf, dass der
Agrarsektor eine Quelle des Wirtschaftswachstums sein könne. Die
zusätzliche Nachfrage, die durch das Wachstum der Weltbevölkerung
ausgelöst werde, müsse zumindest teilweise auch von europäischen Bauern
gedeckt werden. Besonders am Herzen liegt Sawicki ferner die Förderung
von erneuerbaren Energien aus Neben- und Abfallprodukten der Agrar- und
Ernährungswirtschaft. Das könne zur Diversifizierung der Einkommen im
ländlichen Raum betragen.
Kein Spielraum nach unten
Cioloş unterstrich während seiner Aussprache mit den Abgeordneten,
er und seine Kommissarskollegen hätten keinen Puffer für die
Haushaltsverhandlungen eingeplant. Die ausgewiesenen Beträge seien das
Minimum, das für die Agrarpolitik als notwendig erachtet werde. Einen
Spielraum für Absenkungen gebe es nicht. In Reaktion auf
Unmutsbekundungen, dass sich die Kommission bereits vor der
Präsentation ihrer konkreten Verordnungsvorschläge darauf festgelegt
habe, 30 % der Direktzahlungen an zusätzliche Umweltauflagen zu binden,
hielt Cioloş nach wie vor daran fest, dieses "Greening" so
unbürokratisch wie möglich anzugehen. Ferner stellte er klar, dass die
Ökologisierung der Ersten Säule nicht dazu führen dürfe, der ländlichen
Entwicklung Mittel zu entziehen.
Globalisierungsfonds nicht nur für Handel
Hinsichtlich der vergleichsweise langsamen Anpassung der
Direktzahlungen zwischen den Mitgliedstaaten - für die derzeitigen
Schlusslichter soll sich die Lücke zum Niveau von 90 % des
EU-Durchschnitts bis 2020 um lediglich ein Drittel schließen - stellte
der Rumäne fest, dass dies vor dem Hintergrund der
Strukturfondsentwicklung geschehe. Hier dürften die neuen
Mitgliedstaaten überdurchschnittlich profitieren. "Es gibt Grenzen, die
beachtet werden müssen", sagte Cioloş.
Daneben trat der
EU-Agrarkommissar Befürchtungen entgegen, der neue Globalisierungsfonds
werde nur dazu eingeführt, um die Landwirte in anstehenden
Freihandelsgesprächen mit Drittstaaten ruhigzustellen. Einerseits
räumte Cioloş ein, dass mit diesem Geld punktuell Kompensationen
geleistet werden könnten, andererseits beharrte er darauf, dass dies
nicht dazu verleiten dürfe, für den Agrarsektor nachteilige Abkommen zu
schließen. Dann würden die für den Globalisierungsfonds veranschlagten
2,5 Mrd Euro auch gar nicht ausreichen. Insgesamt wolle man die Mittel
aber in einem weiteren Rahmen nutzen - beispielsweise auch zur
Abmilderung extremer Preisschwankungen.
AgE
Um ein Kommentar zu schreiben müssen Sie sich einloggen.