Mittwoch, 23.05.2012
Kühl-feuchtes Wetter bremst Mähdrescher aus
Berlin/Hamburg - Angesichts der kühlen und feuchten Witterung ist die Getreide- und Rapsernte in Deutschland zuletzt ins Stocken geraten.
Das nasskalte Wetter hat die Getreideernte fast überall in Deutschland ins Stocken gebracht.
© Mühlhausen/landpixel
Wie der Deutsche Bauernverband (DBV) am vergangenen Donnerstag berichtete, kommen die Landwirte mit den Druscharbeiten nur langsam voran. Die derzeitige Witterung mit leichten Regenschauern bis hin zu unwetterartigen Niederschlägen mit Hagel sorge für eine schwierige Ernte der reifen Getreidefelder, stellte der Bauernverband fest. Auch Sturm und Starkregen, die zu Lagergetreide führen könnten, seien regional, vor allem im Südwesten Deutschlands, aufgetreten. Eine zügige Fortsetzung der angelaufenen Ernte sei aufgrund der Feuchtigkeit derzeit nicht möglich. Der
DBV geht davon aus, dass bundesweit gut 40 Mio t Getreide eingebracht werden; das wären rund 4 Mio t weniger als im Vorjahr, als die Ackerbauern insgesamt 44,3 Mio t eingefahren hatten. In den Jahren 2008 und 2009 hatte das Aufkommen dagegen jeweils rund 50 Mio t erreicht.
Etwas optimistischer bezüglich der diesjährigen Erntemenge als der Bauernverband ist die Handelsfirma Toepfer International. Das Hamburger Unternehmen rechnet aktuell mit einem Getreideaufkommen von 41,4 Mio t bis 42,3 Mio t, wovon 23,0 Mio t bis 23,5 Mio t auf Weizen, 8,0 Mio t bis 8,5 Mio t auf
Gerste und 4,0 Mio t bis 4,5 Mio t auf Körnermais entfallen sollen. Die heimische Rapsproduktion wird von Toepfer International auf 4,2 Mio t bis 4,7 Mio t geschätzt, verglichen mit 5,7 Mio t im vorigen Jahr.
Maispflanzen mit enormem Wachstumsschub
Der Bauernverband wies darauf hin, dass durch die Frühjahrstrockenheit
bei hohen Temperaturen die Entwicklung des Getreides, insbesondere der
Wintergerste, vielerorts schon zeitlich weit vorangeschritten gewesen
sei. Die Ernte der Wintergerste habe daher früher als in den Vorjahren
begonnen. Doch seit einigen Tagen sei die Ernte regenbedingt ins
Stocken geraten. "Wir hoffen für den weiteren Verlauf der Ernte auf
beständigere und vor allem trockene Witterungsverhältnisse", betonte
DBV-Generalsekretär Dr. Helmut Born. Bessere Witterungsbedingungen
seien für einen zügigen und reibungslosen Fortgang der Ernte und ebenso
für die gleichmäßige Abreife des noch nicht erntereifen Winterweizens
und der Rapsbestände nötig. Der Mais als wärmeliebende Pflanze
profitiere hingegen von der derzeitigen feucht-warmen Witterung. So
hätten die Maispflanzen nach schwierigen Startbedingungen jetzt einen
enormen Wachstumsschub erfahren.
Qualitätsparameter der Gerste größtenteils gut
Toepfer International wies in seinem Juli-Marktbericht
darauf hin, dass die Gerstenerträge im südlichen Niedersachsen, in
Sachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen die Prognosen für eine
unterdurchschnittliche Ernte bestätigten. Die eingefahrenen Erträge
lägen zwischen 10 % und 50 % unter dem mittleren Ertragsniveau der
vergangenen Jahre. Gründe für die niedrigen Mengen sei der
Niederschlagsmangel während der Bestockung, Ährenanlage und
Kornfüllung. Die Qualitätsparameter Hektolitergewicht und Proteingehalt
seien größtenteils gut, berichtete Toepfer International.
Anders
sei die Situation beim Weizen. In manchen Regionen fehlten zwar
ebenfalls aufgrund der Trockenheit im April bis zu 100 ährentragende
Halme pro Quadratmeter, und die Ährenanlagen seien teilweise reduziert;
durch ausgiebige Regenfälle seit Mitte Mai habe jedoch genügend
Feuchtigkeit für die Kornfüllung zur Verfügung gestanden. Außerdem habe
durch den Regen Stickstoffdünger besser von den Pflanzen aufgenommen
werden können, so dass hohe Tausendkorngewichte zu erwarten seien. Die
drei heißen Tage mit Temperaturen über 25° C zu Beginn der letzten
Juniwoche hätten dazu geführt, dass der Weizen abreife.
Beim
Raps bleibt dem Handelshaus zufolge abzuwarten, inwieweit die späten
Regenfälle die Tausendkorngewichte steigerten. Eine um etwa 120 000 ha
- Umbruch nach Auswinterung - reduzierte Anbaufläche gegenüber 2010,
eine schlechte Verzweigung und starke Verunkrautung ließen nur deutlich
unterdurchschnittliche Rapserträge erwarten.
Bayerns Halmgetreideernte etwa auf Vorjahresniveau
In Bayern wird eine Halmgetreideerzeugung nahe dem
Vorjahresniveau von 6,35 Mio t erwartet. Wie Landwirtschaftsminister
Helmut Brunner bei der Erntepressefahrt im Landkreis Freising
mitteilte, zeichnet sich bei den Erträgen allerdings ein extremes
Süd-Nord-Gefälle ab. "Wegen der starken Witterungsunterschiede reichen
die Erwartungen von sehr schlecht bis hin zu rekordverdächtig", so der
Minister. Während in Südbayern vielerorts mit einer ausgesprochen guten
Getreideernte gerechnet werde, seien die Aussichten in Nordbayern
schlecht. Brunner zufolge hat vor allem die Trockenheit im Frühjahr die
Getreide- und Rapsbestände in weiten Teilen Frankens und der Oberpfalz
stark in Mitleidenschaft gezogen. Teilweise hätten sie sogar
umgebrochen werden müssen. Im Einzelnen sind nach Schätzung des
Münchener Agrarressorts in Nordbayern bei Wintergerste, Winterweizen,
Triticale und Sommergerste Einbußen von einem Drittel im Vergleich zum
langjährigen Schnitt zu erwarten. Bei Winterraps könne voraussichtlich
sogar nur die Hälfte geerntet werden, erklärte Brunner. Hier werde wohl
selbst in Südbayern das Ergebnis deutlich unter dem langjährigen
Durchschnitt liegen.
Extremwetterlagen immer häufiger
Die markanten Spätfröste Anfang Mai haben Brunner zufolge vor allem bei
Obst und Wein in Franken große Schäden angerichtet. Lokale Unwetter mit
Starkregen und Hagel hätten zudem für Ernteausfälle auf Feldern und in
Hopfenanlagen gesorgt. Damit bestätigten sich erneut die Prognosen der
Klimaforscher: "Extremwetterlagen werden in unseren Breiten
immer häufiger das Wachstum der Pflanzen und die Arbeit der Landwirte
beeinflussen", so der Minister. Beim Grünland wurde nach seinen Angaben
wegen der extremen Frühjahrstrockenheit beim ersten Schnitt nur ein
geringer Ertrag eingebracht. Auch hier sei ein deutliches Gefälle von
Süden nach Norden festzustellen. Der Mais stehe dagegen landesweit sehr
gut und habe einen Wachstumsvorsprung von rund zehn Tagen. Bei Silo-
und Körnermais sei deshalb mit sehr guten Erträgen zu rechnen. Laut
Brunner könnten die guten Silomaisbestände dieses Jahr den Ausfall beim
Grünland in Nordbayern ausgleichen und die Futterversorgung insgesamt
sicherstellen. Die Kartoffel- und Zuckerrübenbestände hätten sich in
ganz Bayern ebenfalls sehr gut entwickelt. Die Frühkartoffelernte habe
bereits begonnen; die
Zuckerrüben hätten einen Vorsprung von zwei
Wochen. Die Qualitäts- und Ertragserwartungen seien bei Kartoffeln gut,
bei
Zuckerrüben sogar sehr gut.
Ausweitung der Sojafläche von Brunner begrüßt
Gemäß den amtlichen Zahlen haben die Landwirte in Bayern zur
Ernte 2011 den Anbau von Getreide um 0,8 % auf 1,07 Mio ha ausgedehnt.
Winterweizen wurde auf etwa 513 000 ha angebaut, geringfügig mehr als
2010. Die Sommergerstenfläche hat nach dem Tiefstand im vergangenen
Jahr um gut 16 000 ha auf mehr als 119 000 ha zugenommen. Einen starken
Einbruch gab es dagegen bei der Winterrapsfläche: sie ging um 23 000 ha
auf 125 000 ha zurück. Das ist unter anderem auf Verschiebungen
zugunsten des Maises zurückzuführen, der weiter an Bedeutung gewonnen
hat und auf insgesamt 519 000 ha ausgesät wurde. Einen Anstieg um rund
ein Viertel auf mehr als 3 000 ha gab es bei den Sojabohnen - eine
Entwicklung, die Brunner ausdrücklich begrüßte. "Wir müssen uns
langfristig unabhängiger von Futtermittelimporten machen", betonte der
Minister und verwies auf das im Frühjahr aufgelegte Aktionsprogramm,
das den Anbau von Eiweißpflanzen wie Luzerne und Sojabohnen im
Freistaat voranbringen soll.
Kleinste Getreidefläche in Niedersachsen seit 1950
Mit relativ niedrigen Erträgen rechnen Niedersachsens
Getreidebauern nach dem Start der Ernte. Bei der Getreiderundfahrt des
Landvolkes Niedersachsen in der Region Hannover wurde als erste
Prognose eine Gesamtmenge von 5,4 Mio t genannt; das wären 10 % weniger
als das unterdurchschnittliche Vorjahrergebnis. In guten Jahren wurden
dem Landvolkverband zufolge um die 7 Mio t eingebracht. Mit etwa 800
000 ha falle auch die Getreidefläche so niedrig aus wie zuletzt 1950,
erklärte Jürgen Hirschfeld, Vorsitzender des Landvolk-Ausschusses
Pflanzliche Erzeugnisse. Besonders starke Einbußen bestätigten die
ersten Ergebnisse bei der Wintergerste. Hirschfeld bezifferte den
Minderertrag gegenüber 2010 hier auf bis zu 30 %. Nach den
Niederschlägen der vergangenen Woche würden viele Schläge zudem eher
wieder grüner als heller. Auch der Winterraps sehe nicht gut aus;
oftmals fungiere er nur noch als "Stützpflanze für Kamille". Der Weizen
dagegen habe die verspäteten Niederschläge noch nutzen können; die
Ertragsdepression falle mit bis zu 20 % geringer aus. Mais, Kartoffeln
und
Zuckerrüben dagegen profitierten von der warmen Frühjahrswitterung,
so Hirschfeld.
Unkalkulierbare Risiken gewachsen
Landvolkpräsident Werner Hilse wies darauf hin, dass weltweit aufgrund
des Wachstums der Weltbevölkerung jährlich 40 Mio t Getreide zusätzlich
benötigt werde, was der in Deutschland erzeugten Menge entspreche.
Hilse äußerte die Erwartung, dass "wir die hohen Preise mit in die neue
Ernte nehmen" bei deutlich höheren Einstandspreisen als 2010.
Allerdings laufe sehr viel über Vorverträge, schränkte der
Verbandspräsident ein. Der Landesbauernverband stellte außerdem fest,
dass trotz günstiger Marktaussichten das Auf und Ab der Preise allen
Marktteilnehmern zu schaffen mache. Ursache seien weniger
witterungsbedingte Einflüsse als vielmehr politische und
finanzwirtschaftliche Reaktionen. Dazu zählten die Angst vor einer
Wirtschaftskrise in den USA, die Schwankungen der Wechselkurse oder
auch die direkten Eingriffe in den Markt, die der russische Staat im
vergangenen Jahr über Handelsbeschränkungen ausgelöst habe. Nachdem die
EU im Gemeinschaftsmarkt die Weichen Richtung Liberalisierung gestellt
habe, würden derartige unkalkulierbare Risiken zunehmen, erklärte der
Landvolkverband. Über Verträge und das Preisabsicherungsinstrument der
Warenterminbörse versuchten die Getreideerzeuger wie auch Handel und
Verarbeitungsunternehmen das Preisrisiko zu minimieren.
Deutlich weniger Raps in Hessen
Von deutlichen Ertragseinbußen beim Winterraps berichtete
der Präsident des Hessischen Bauernverbandes (HBV), Friedhelm
Schneider, am vergangenen Mittwoch in Friedrichsdorf. Erste
Erntemeldungen aus Südhessen zeigten einen Minderertrag von 20 % bis 50
% auf. Grund für die Mindererträge seien vor allem die lang anhaltende
Trockenheit von März bis Anfang Juni, aber auch die schlechten
Aussaatbedingungen im Spätsommer 2010 gewesen. In Nordhessen werde die
Ernte, die derzeit durch den Regen unterbrochen werde, erfahrungsgemäß
zwei Wochen später starten, erklärte Schneider. Die hessischen
Landwirte hätten zur Ernte 2011 Winterraps auf insgesamt rund 66 800 ha
angebaut. Damit liege die Ölfrucht an dritter Stelle, was die
Anbaufläche betreffe, und zwar hinter Winterweizen mit 164 600 ha und
Wintergerste mit 71 300 ha. Zwei Drittel des Rapsöls gingen in die
Biokraftstoffproduktion, hob der HBV-Präsident außerdem hervor. Im
Jahre 2009 seien in Deutschland 2,3 Mio t Biodiesel als Beimischung und
0,24 Mio t Biodiesel als Reinkraftstoff verbraucht worden. "Damit
leistet der Rapsanbau einen großen Beitrag zu einer klima- und
ressourcenschonenden Energieversorgung in unserem Land", betonte
Schneider.
Blick zum Himmel
Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau (BWV) sprach von einem "glücklosen" Witterungsverlauf für die Landwirtschaft in diesem Jahr.
Der häufigste Blick der Landwirte dürfte 2011 der Blick zum Himmel
gewesen sein. Die Frühjahrstrockenheit sowie Spätfröste hätten den
Landwirten, Winzern und Obstbauern stark zugesetzt. Derzeit gehe die
Ernte in Rheinland-Pfalz nur langsam voran, da Regenschauer und
unbeständiges
Wetter für schwierige Erntesituationen sorgten,
berichtete der BWV am vergangenen Freitag in Koblenz. Der Mähdrusch
werde kontinuierlich unterbrochen. Sowohl die Erntemengen als auch die
Erntequalitäten würden regional sehr unterschiedlich ausfallen, da die
Bodenstrukturen bei starker Trockenheit sehr viel stärker zur Geltung
kommen würden. Lediglich der Mais profitiere von der zurzeit
feuchtwarmen Witterung. Die Maispflanzen stünden insgesamt sehr gut.
AgE
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