Mittwoch, 23.05.2012
Energiefahrplan 2050: Ausbau der Erneuerbaren sehr wichtig
Brüssel - Die EU-Kommission zählt den Ausbau erneuerbarer Energien zu den wichtigsten Maßnahmen, um bis Mitte des Jahrhunderts eine nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen.
Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg: "Zwar entstehen überall Windkraftanlagen und andere Einrichtungen der alternativen Energieerzeugung, leider hält der notwendige Netzausbau dabei nicht Schritt."
© Mühlhausen/landpixel
Außerdem seien Anreize zum Energiesparen von besonderer Bedeutung. Ziel ist eine Verringerung des Treibhausgasausstoßes um mehr als 80 Prozent bis 2050 verglichen mit dem Stand von 1990. Das geht aus dem „Energiefahrplan 2050“ hervor, der vergangene Woche in Brüssel vorgestellt wurde. Klassische Biotreibstoffe wertet die Kommission als einen Baustein im Energiemix, aber gemessen am Raum, den dieser Punkt in dem 20-Seiten-Papier einnimmt, nicht unbedingt als den wichtigsten. Allerdings wird eingeräumt, dass auf dem Weg hin zu einer CO2-armen Gesellschaft große Mengen an Biomasse für die Wärme- und Elektrizitätserzeugung sowie den Transportbereich benötigt würden. Für den Transportsektor bedürfe es einer Mischung mehrerer alternativer Quellen. „Biotreibstoffe sind möglicherweise eine wichtige Option für den Flugverkehr, Langstreckentransporte auf der Straße sowie für die Eisenbahn, wo Gleisabschnitte nicht elektrifiziert werden können“, heißt es. Die Kommission unterstreicht, dass die Arbeit zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit von Biotreibstoffen weitergehe - beispielsweise zur Berücksichtigung indirekter Landnutzungsänderungen.
Handel voranbringen
Die Behörde bekennt sich dazu, die Markteinführung von Energieformen,
die mit einer geringeren landwirtschaftlichen Nutzfläche auskommen und
höhere Netto-Treibhausgaseinsparungen aufweisen, weiter zu fördern. Als
Beispiele werden Abfälle, Algen und Reste der Forstwirtschaft genannt.
Ferner könnten der Handel zwischen den EU-Mitgliedstaaten ebenso wie
Importe aus Drittländern die Kosten mittel- bis langfristig senken. An
den bestehenden Zielen zum Ausbau erneuerbarer Energien - als auch dem
Bekenntnis, bis 2020 ein Zehntel des Bedarfs im Transportbereich über
die Alternativen einschließlich Biodiesel und Bioethanol abzudenken -
soll nicht gerüttelt werden.
Anteil Erneuerbarer an Gesamtversorgung auf 55 Prozent steigern
Den Anteil aller erneuerbarer Energieformen an der Gesamtversorgung will
die Kommission auf mindestens 55 Prozent bringen; derzeit sind es
gerade einmal 10 Prozent. Als Träger dürfte insbesondere die Bedeutung
von Strom steigen. Als weitere Energiequellen werden neben Biomasse Gas,
Erdöl, Kohle und die Kernenergie genannt - um den Mitgliedstaaten
„weiterhin flexible Optionen in Bezug auf ihren Energiemix“ zu
ermöglichen. Dazu müsse ein gut vernetzter Binnenmarkt zügig
verwirklicht werden. EU-Energiekommissar Günther Oettinger erklärte:
„Nur ein neues Energiemodell wird langfristig dafür sorgen, dass unser
System sicher, wettbewerbsfähig und nachhaltig ist. Wir verfügen jetzt
über einen europäischen Rahmen dafür, dass die politischen Maßnahmen zur
Sicherung der notwendigen Investitionen getroffen werden.“ Durch eine
europäische Herangehensweise sieht die Kommission Kostenvorteile und
eine bessere Versorgungssicherheit verglichen mit Systemen, die auf
einzelne Mitgliedstaaten beschränkt sind.
Rösler: Europa muss stärker auf Erneuerbare setzen
Sowohl Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen als auch
Wirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler begrüßten den Fahrplan. „Um
seine Klimaziele zu erreichen, muss Europa stärker als bisher auf
erneuerbare Energien und Energieeffizienz setzen“, erklärte Röttgen in
Berlin. Daneben zeigten die vorgelegten Szenarien, dass der Umstieg auch
unter ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoll sei. Der
Bundesumweltminister betonte, dass die Kommission bewusst keine
Empfehlung für einen künftigen Energiemix abgegeben habe. Er sieht darin
eine Bestätigung der von der Bundesregierung beschlossenen
Energiewende, die den Ausstieg aus der Kernenergie beinhaltet. Rösler
bescheinigte der Kommission, die Versorgungssicherheit und die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Europas im Blick zu haben. Die
Kommission habe recht, dass die Fördersysteme für erneuerbare Energien
effizienter ausgestaltet werden müssten. „Deshalb müssen wir uns nun der
Aufgabe stellen, sie stärker an den Markt heranzuführen“, so Rösler.
Erneuerbare Energien müssten zunehmend an kostengünstigen Standorten
konzentriert werden. Gleichzeitig müssten die nationalen und
grenzüberschreitenden Netze modernisiert und ausgebaut werden.
Grüne: Zurück in die Vergangenheit
Scharfe Kritik kam hingegen vom energiepolitischen Sprecher der
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Josef Fell. Insbesondere
der ausdrückliche Einbezug von Kohle und Kernkraft stößt den Grünen
sauer auf. „Die EU-Kommission hätte ihre Strategie ehrlicherweise
’Roadmap 1950’ statt ’Roadmap 2050’ nennen sollen“, empörte sich Fell.
Die Behörde finde die Zukunft in der Vergangenheit und berechne die
tatsächlichen Kosten falsch. Brüssel träume von „dutzenden neuen
Atomkraftwerken, die angeblich jetzt sicher werden, sowie von
massenweise scheinbar günstigen CCS-Kraftwerken“. Fell warf der
Kommission vor, die Realitäten zu ignorieren. Die Zukunft der
europäischen Energiepolitik müssten die erneuerbaren Energien sein, wenn
die Versorgung sicher, umweltfreundlich und bezahlbar sein solle. Kohle
und Atom hätten ihre Zukunft hinter sich.
BEE: Potenzial Erneuerbarer unterschätzt
Auch der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sieht die Möglichkeiten
erneuerbarer Energien nicht ausreichend beachtet. Der Fahrplan
missachte nicht nur die kostensenkenden Effekte der erneuerbaren,
sondern gehe von viel zu optimistischen Annahmen für die
Kostenentwicklung der konventionellen Energieträger aus, monierte
BEE-Präsident Dietmar Schütz. Die These der Kosteneffizienz durch eine
EU-weite Harmonisierung der Fördersysteme werde außerdem nicht
richtiger, wenn man sie nur oft genug wiederhole. Gerade ein dezentraler
Ausbau der Alternativen könne zu einer Verringerung des Ausbaubedarfs
im Übertragungsnetz beitragen. Immerhin räume die Kommission der
vollständigen Umsetzung der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie höchste
Priorität ein.
Schütz forderte Planungssicherheit und ausreichend Zeit
für die notwendigen Investitionen. Der künftige Schwerpunkt müsse
eindeutig auf einer ernsthaften Umwandlung des bestehenden
Energiesystems liegen. Der heutige Markt sei noch in der Logik fossiler
und atomarer Energien konzipiert und daher für eine auf erneuerbaren
Energien ausgerichtete Energieversorgung nicht geeignet. Schütz forderte
die rechtliche Verpflichtung, den Anteil alternativer Quellen bis 2030
auf mindestens 45 % anzuheben.
Müller: Regionalmärkte vorschalten
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) signalisierte
grundsätzliche Unterstützung für das Ziel der Kommission, einen
europäischen Rahmen für die künftige Energiepolitik zu entwickeln. Bevor
jedoch ein gesamteuropäischer Energiebinnenmarkt Wirklichkeit werde,
müsse die Liberalisierung auch vollständig in allen EU-Mitgliedstaaten
umgesetzt werden, forderte die Vorsitzende der
BDEW-Hauptgeschäftsführung, Hildegard Müller. Nur bei gleichen
Wettbewerbsbedingungen lasse sich ein gesamteuropäischer
Energiebinnenmarkt schaffen. Deutschland sei hier ein Vorreiter. Die
hierzulande bereits übliche freie Wahl zwischen zahlreichen Strom- und
Gasanbietern sei in Europa noch nicht selbstverständlich. Müller
plädierte für die Schaffung von Regionalmärkten als Zwischenschritt.
Bestätigt fühlt sich die deutsche Energiewirtschaft „in ihrer
Branchenmeinung, dass Erdgas und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) für die
Energieversorgung der Zukunft weiter wichtige Pfeiler sein werden“.
Sehen Sie dazu auch unser Video "Windkraft im Wald":
AgE
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