Brüssel/London - Erneuerbare Energie werden künftig mehr als die Hälfte zur Stromerzeugung beitragen. Allerdings müssen Flächennachfrage und die Konkurrenz zu Nahrungsmitteln verringert werden.
Die Umstellung der europäischen Energieversorgung auf CO2-arme Technologien wird große Mengen an Biokraftstoffen gerade im Transportbereich benötigen. Allerdings sollte dabei weniger auf Biodiesel oder Bioethanol aus Energiepflanzen, sondern auf Treibstoffe der zweiten und dritten Generation, beispielsweise aus Algen, gesetzt werden. Dieser Auffassung ist die Europäische Kommission laut einem durchgesickerten Entwurf des "EU-Energiefahrplans 2050". In der Mitteilung, die noch vor Jahresende erscheinen soll, werden die großen Herausforderungen für die Energieversorgung bis zur Jahrhundertmitte umrissen.
Die Umstellung auf effizientere Methoden zur Biotreibstoffgewinnung hält
die Brüsseler Behörde für notwendig, um die Nachfrage nach Flächen zu
verringern, die ansonsten auch für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt
werden könnten.
Ferner geht sie davon aus, dass dadurch die
Netto-Treibhausgaseinsparungen gegenüber Erdöl weiter gesenkt werden.
Sie kündigt an, im nächsten Jahr eine eigene Strategie vorzulegen, wie
der Anteil von Biokraftstoffen an der Energieversorgung nach 2020
gesteigert werden kann.
Strom wird wichtiger
Die Kommission stellt klar, dass die derzeitige Abhängigkeit von
fossilen Energieträgern ein Ende haben muss. Den größten Anteil sollen
nach ihrer Einschätzung künftig erneuerbare Energien stellen - also
neben Biokraftstoffen insbesondere Wind- und Wasserkraft sowie
Sonnenenergie.
Allerdings will sie auf herkömmliche Energieträger nicht
vollständig verzichten. Die Verwertung von Gas und Öl soll effizienter
gemacht werden. Der Atomenergie wird weiter eine wichtige Rolle beim
Energiemix zugeschrieben. Insgesamt soll Strom als Energieträger in den
Vordergrund rücken.
Die günstigsten mittleren Strompreise für 2050 -
knapp unter 150 Euro/MWh - simuliert die Kommission unter Annahme von
Szenarien, in denen die unterschiedlichen Technologien entweder im
freien Wettbewerb miteinander stehen oder eine besonders hohe
Energieeffizienz gefördert wird. In diesen Fällen würden die
Erneuerbaren 59 bis 64 Prozent zur Stromerzeugung beitragen. Lautet die
Zielvorgabe jedoch, den Anteil erneuerbarer Energien weiter auf drei
Viertel des Bedarfs zu steigern, berechnet die Kommission rund 35 Prozent
höhere Strompreise.
Umwelt-Sachverständigenrat: Kein Kostenpessimismus
Dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) sind die Prognosen der
Kommission nicht optimistisch genug. Der SRU hält eine nachhaltige
Stromversorgung aus erneuerbaren Energiequellen bis zur Mitte des
Jahrhunderts für wenig Geld erreichbar. Seinen Berechnungen für 36
Länder in Europa und Nordafrika zufolge ist eine vollständige
regenerative Stromversorgung bis 2050 bereits zu Durchschnittskosten von
65 Euro/MWh möglich. "Damit werden die erneuerbaren Energien auch
europaweit der kostengünstigste Energieträger in der EU", erklärte
SRU-Mitglied Prof. Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg
am vergangenen Donnerstag anlässlich der Vorstellung einer
entsprechenden Studie vor dem britischen Unterhaus in London.
Für die
meisten europäischen Länder sei die Windenergie die kostengünstigste
Technik, während sich im Mittelmeerraum hohe Anteile von Sonnenenergie
durchsetzten. Entscheidend für den Erfolg der Energiewende sei es, den
nationalen Ausbau erneuerbarer Energien europäisch zu flankieren. Der
EU-Kommission warf Hohmeyer in diesem Zusammenhang "Kostenpessimismus"
vor. Die Behörde unterschätze systematisch das Potential der
erneuerbaren Energien. Der Sachverständige warnte davor, solche
Prognosen könnten die politische Akzeptanz für den weiteren Ausbau der
erneuerbaren Energien in der EU behindern. Stattdessen solle die
Gemeinschaft verbindliche Ausbauziele bis 2030 formulieren und die
europäischen Stromnetze systematisch darauf ausrichten.