Mittwoch, 23.05.2012
Mangelware Regen: Nervöse Märkte - Sorge um Lieferverträge
Bonn/Wiesbaden - Der Getreidemarkt reagiert angesichts der anhaltenden Frühjahrstrockenheit zunehmend nervös. In Hessen sorgt man sich inzwischen, bereits geschlossene Lieferverträge nicht einhalten zu können.
Rüben konnten nach Angaben des LIZ nicht in ihrer Entwicklung ausgebremst werden.
© Mühlhausen/landpixel
Angesichts der engen Marktversorgung, einer lang anhaltenden Frühjahrstrockenheit und kräftig gestiegener Preise ist die Nervosität am Getreidemarkt fast mit den Händen greifbar. Die Verunsicherung hat nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) inzwischen die gesamte Wertschöpfungskette erfasst, denn immer häufiger werden höhere Kosten für Brotweizen, Futtergetreide und
Braugerste auch für den Preisanstieg bei Lebensmitteln verantwortlich gemacht.
Ob die Kurve der Rohstoffpreise ihren Scheitelpunkt erreicht hat, wird maßgeblich vom Getreideangebot in der kommenden Saison abhängen.
Zweifel am USDA-Bericht
Neben der Entwicklung auf den Feldern vor unserer Haustür spielen dabei
vor allem die Angebotsaussichten in den wichtigsten Anbauregionen der
Welt eine Rolle - schließlich werden die Marktpreise auch hierzulande
längst von den Ernteergebnissen in der Schwarzmeerregion, den USA und
Australien beeinflusst.
Einen ersten Vorgeschmack auf die zukünftige
Versorgungssituation lieferte das US-Landwirtschaftsministerium (USDA). So prognostizierte das USDA nach einem defizitären Jahr
für 2011/12 wieder eine ausgeglichene Weizenbilanz. Begründet wird
diese Annahme mit deutlich höheren Ernten in der Schwarzmeerregion,
Indien und der EU. Auch für Mais, bei dem andere Analysten bislang von
einer weiteren Verschärfung der ohnehin äußerst knappen Versorgungslage
ausgegangen waren, erwartet das amerikanische Landwirtschaftsministerium
eine deutliche Entspannung und sogar einen Aufbau von Beständen. Diese
Aussagen konnten an den internationalen Terminmärkten allerdings nur
kurzzeitig für nachgebende Kurse sorgen.
Erhebliche Verzögerungen bei
der US-Maisaussaat und irreversible Trockenschäden bei Weizen im Süden
der USA sowie in Teilen Europas ließen bereits Zweifel an den
vorgelegten Prognosen aufkeimen, die jüngst in aktuellen nationalen
Schätzungen für Europas Haupterzeugungsländer Unterstützung fanden.
Westeuropa: Anzeichen für trockenheitsbedingte Ertragseinbußen nehmen zu
Vor
allem in Westen Europas mehren sich die Anzeichen für
trockenheitsbedingte Ertragseinbußen. In Großbritannien und Frankreich
wurden bereits Maßnahmen zur Bekämpfung der Dürre bzw. zum Wassersparen
getroffen. Für Frankreich geht der Marktanalyst Strategie Grains bei
Weizen von einem Ertragsrückgang um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr aus, in
Großbritannien werden Einbußen von bis zu 15 Prozent für möglich gehalten, in
Deutschland korrigierte der Deutscher Raiffeisenverband die
Getreideprognose auf 40,7 Millionen Tonnen und damit 8,2 Prozent unter Vorjahreslinie.
Insgesamt wurde die Weizen-Ernteschätzung für die EU-27 gegenüber dem
Vormonat um 3,6 Millionen Tonnen auf 131,5 Millionen Tonnen zurückgenommen, das wären
allerdings immerhin noch vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Hessen: Bauernverband richtet Grundfutterbörse ein - Sorge um Lieferverträge
"Die seit Februar anhaltende extreme Trockenheit bereitet den hessischen Bauern zunehmend Sorgen. Je nach Standort sind einzelbetrieblich gravierende Ertragsausfälle bei Getreide, Winterraps und auch dem Grünland zu befürchten". Das haben die Mitglieder des Erweiterten Präsidiums und des Erweiterten Verbandsrates des Hessischen Bauernverbandes auf einer Sitzung erklärt
Der erste Grünlandschnitt ist hessenweit sehr spärlich ausgefallen. Um Futterengpässe in Rinder haltenden Betrieben entgegenzuwirken, wurde beschlossen, bei den Kreis- und Regionalbauernverbänden und in der Hauptgeschäftsstelle des Hessischen Bauernverbandes ab sofort eine Grundfutterbörse für Mitglieder einzurichten. Betriebe, die Heu-, Gras- oder Maissilage abgeben oder verkaufen wollen, werden gebeten, bei den jeweiligen Geschäftsstellen ein entsprechendes Angebot abzugeben.
Verbandsmitglieder können dort nachfragen, ob in ihrem Umfeld oder Landkreis Grundfuttermengen angeboten werden.
Eine weitere Sorge der Landwirte besteht darin, dass mit dem Landhandel oder Raiffeisen-Genossenschaften abgeschlossene Getreide-Lieferverträge wegen drohenden Mindererträgen oder Qualitätsverlusten (beispielsweise Kümmerkorn) nicht eingehalten werden können. "Mögliche Erzeugerpreissteigerungen werden die zu befürchtenden Ertragseinbußen voraussichtlich nicht ausgleichen können", so die einhellige Meinung der Vertreter des Hessischen Bauernverbandes.
Turbulente Wochen
Die Situation in Hessen ist nur ein Beispiel für die derzeitige Lage der Landwirte in Deutschland. Angesichts der prognostizierten, trockenheitsbedingten Einbußen in ganz Westeuropa ist die erste Schätzung des USDA wohl mit einem Fragezeichen zu sehen - Abwärtskorrekturen sind in den kommenden Monaten sehr
wahrscheinlich. Jede Absenkung der Ernteprognosen wird aber angesichts
der engen Bilanzen entsprechende Preiswirkung entfalten. Landwirten,
Verarbeitern und Handel stehen wohl weitere turbulente Wochen bevor.
Wenn Sie Mitglied im Hessischen Bauernverband sind und sich an der Grundfutterbörse beteiligen wollen, können Sie sich per E-Mail
(hbv@agrinet.de) oder telefonisch (06172-7106–221) an den Verband wenden.
Reicht der Regen? Unterwegs bei Landwirten und Lohnunternehmern (16. Mai 2011)
AMI/pd
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