Donnerstag, 24.05.2012
Eurogipfel: Keine Einigkeit - 23 Länder beschließen Fiskalunion
Brüssel - Im Kampf gegen die Schuldenkrise schließen 23 EU-Staaten einen verbindlichen Pakt für mehr Haushaltsdisziplin.
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse des Gipfels in Brüssel.
© EbS
Neben den 17 Eurostaaten ziehen noch sechs Länder mit, die bisher den Euro noch nicht haben.
Eine große Lösung unter Einbeziehung aller 27 EU-Mitglieder ist dagegen beim Gipfel in Brüssel in der Nacht gescheitert.
Kanzlerin Angela
Merkel setzte dennoch viele ihrer Forderungen durch. Sie lobte den Kompromiss als "sehr gutes Ergebnis".
Merkel fügte hinzu: "Wir werden eine neue Fiskalunion schaffen, die zugleich auch eine Stabilitätsunion ist." Dazu gehöre eine Schuldengrenze und automatische Sanktionen für Haushaltssünder.
Es soll nun ein neuer zwischenstaatlicher Vertrag geschlossen werden - der Text wird im März kommenden Jahres vorliegen.
Insbesondere Großbritannien verhinderte mit weitreichenden Forderungen eine Einigung im Kreis aller 27 Staaten, berichtete der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach rund zehnstündigen Verhandlungen am frühen Freitagmorgen. Sarkozy sagte, Großbritannien habe in der Vertragsdebatte zugunsten
seiner Finanzwirtschaft "inakzeptable Forderungen" gestellt. Es werde
sich deshalb ebenso wie Ungarn nicht dem angestrebten neuen Vertrag
anschließen. Diplomaten ergänzten aber, dass sich Budapest noch bewegen
könnte. Schweden und Tschechien wollten erst ihre Parlamente
konsultieren.
"Es war nicht möglich, Einstimmigkeit zu erzielen", erklärte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.
Cameron verteidigt ablehnende Haltung
Großbritanniens Premier David Cameron hat seine
Blockadehaltung beim EU-Krisengipfel verteidigt. Was geboten wird, sei
nicht im Interesse Großbritanniens, sagte Cameron beim Brüsseler Gipfel.
Kommissionspräsident Barroso sagte, er hätte eine Vereinbarung im Kreis der 27 EU-Mitglieder
vorgezogen. Besonders Berlin und Paris hatten auf eine
Vertragsveränderung gepocht, um rechtsverbindliche Regeln zum Schutz der
bedrohten Eurowährung festzuschreiben.
EU-Gipfelchef Herman Van Rompuy sagte: "Verträge zwischen Regierungen
können schneller gebilligt werden als Vertragsveränderungen.
Geschwindigkeit ist wichtig, um glaubwürdig zu sein."
Das nun anstehende Vorgehen innerhalb der Eurogruppe birgt nach Ansicht
von Experten aber zahlreiche rechtliche Probleme, denn die Bestimmungen
dürfen Regeln der EU-Verträge nicht widersprechen.
Keine Einigung bei Eurobonds
Alle 27 EU-Staats- und Regierungschefs vereinbarten auch kurzfristige Maßnahmen, um die Eurowährung glaubwürdiger und stabiler zu machen. So sollen für den Internationalen Währungsfonds (IWF) 200 Milliarden Euro verfügbar gemacht werden, damit die Washingtoner Finanzfeuerwehr dann ihrerseits Eurostaaten in Not beistehen kann. Das Geld soll von den Zentralbanken zur Verfügung gestellt werden. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, lobte die Vereinbarung. "Das ist ein sehr gutes Ergebnis für die Eurozone. Das kommt einem guten Haushaltspakt sehr nahe." Der Italiener hatte einen solchen verbindlichen Pakt als Vorbedingung für ein Eingreifen der EZB auf den Märkten gemacht, beispielsweise beim Anleihenkauf.
Die "Chefs" vereinbarten auch, dass die Ausleihkapazität des Krisenfonds für klamme Eurostaaten EFSF mit eines Kredithebels bald ausgeweitet wird. Geplant ist eine Verdreifachung auf etwa 750 Milliarden Euro. Der dauerhafte Europäische Stabilitätsmechanismus ESM soll um ein Jahr auf Juli kommenden Jahres vorgezogen werden. Die EU gesteht auch ein, dass die Einbeziehung von Banken und Versicherungen bei der Rettung Griechenlands ein Fehler war. Dieses Verfahren soll nicht mehr für andere Länder angewendet werden, da es zur Verunsicherung der Märkte führte.
Keine Einigung gab es in der Debatte um gemeinschaftliche europäische Anleihen, die sogenannten Eurobonds. Van Rompuy, Barroso und Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker werden bis zum nächsten Juni einen Bericht dazu vorlegen. Im Laufe des Freitags wollen die Regierungchefs weiter über die Euro-Stabilisierung debattieren und den EU-Beitrittsvertrag mit Kroatien unterschreiben.
dpa
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