Die forstwirtschaftliche Nutzung wird mehr und mehr von europäischem Recht bestimmt.
Der Wald und seine Leistungen bekommen eine zunehmende gesellschaftliche Bedeutung und gehören auch auf Grund des Klimageschehens zu den wichtigsten Themen unserer Zeit. Das betonte der scheidende NFV-Vorsitzende Ludolf von Oldershausen, der im Rahmen der anschließenden Mitgliederversammlung aus dem Amt ausschied. Als sein Nachfolger wurde Mark von Busse (Landwirtschaftskammer Niedersachsen) gewählt. Der Wald sei ein unentbehrlicher, natürlicher CO2-Speicher, unterstrich von Oldershausen. „Die veränderte Situation führt zu neuen Produkten und Aufgaben für die Forstwirtschaft".
Viele Einschränkungen
Waldbesitzer haben derzeit allen Grund, sich zu freuen, denn Holz ist so begehrt, wie seit Jahren nicht und die Marktlage äußerst positiv. Dennoch sind die gut gestimmten Forstleute besorgt. Sie befürchten erhebliche Nutzungseinschränkungen durch die EU-Umweltrichtlinien und die damit verbundenen Schutzgebietsausweisungen. Sorge bereitet darüber hinaus die vom EuGH geforderte Aufhebung der Landwirtschaftsklausel innerhalb des NATURA 2000-Netzes. Die sog. Landwirtschaftsklausel bestimmt, dass die ordnungsgemäße land- und forstwirtschaftliche Nutzung nicht als Eingriff in Natur und Landschaft anzusehen ist. In der Folge müsste künftig jede geplante Bewirtschaftungsmaßnahme einer Verträglichkeitsprüfung unterzogen werden, damit sichergestellt ist, dass die Erhaltungsziele und der Schutz des Gebietes nicht gefährdet sind.
„Manche Revierleiter wissen heute nicht mehr, welche Verordnung sie zuerst lesen sollen", meinte Christian Boele-Keimer, der über die Europäischen Umweltrichtlinien sprach. „Bis zu vier verschiedene Schutzgebietskategorien können auf einer Waldfläche liegen", schilderte der Experte von den Niedersächsischen Landesforsten. Zu den Europäischen Umweltrichtlinien gehören nicht nur die Vogelschutz-Richtlinie (VS-RL) von 1979 und die 1992 aufgelegte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH), sondern auch die Wasserrahmenrichtlinie, die Umwelthaftungs-Richtlinie von 2004, die Mitteilung der EU-Kommission zur Biodiversität (2006) und der EU-Forstaktionsplan aus diesem Jahr.
Artenvielfalt sichern
Aktuell, aufgrund des Urteils des EuGH gegen die Bundesrepublik Deutschland vom Januar 2006, nach dem das Bundesnaturschutzgesetz in sechs Punkten gegen das EU-Recht verstößt, seien die FFH- und die VS-RL, erklärte Boele-Keimer. Ziel dieser beiden Richtlinien ist es, ein europäisches Schutzgebietssystem – das so genannte Natura 2000-Netz - zur Sicherung der Artenvielfalt zu entwickeln, in dem bestimmte Lebensraumtypen unter Schutz stehen. In Deutschland umfassen beide Gebietskategorien jeweils mehr als 4 Mio. ha Fläche, wobei auch Überlappungen möglich sind. Sie setzen sich aus gut 4.500 FFH- und gut 500 VS-Gebieten zusammen.
Ein Bewertungsschema – angewendet auf alle Besitzarten und auf jeden einzelnen Waldbesitz herunter gebrochen - führt zu einem Gesamturteil, das hervorragend (A), gut (B) oder mittel bis schlecht (C) ausfallen kann. Das erläuterte Dr. Christian Eberl, Staatssekretär im Niedersächsischen Umweltministerium. In Niedersachsen sind zusammen rund 790.000 ha als FFH- oder VS-Gebiete gemeldet. In den FFH-Gebieten auf einer Fläche von 580.000 ha wurden, je nach Lebensraumtyp (z.B. atlantischer, saurer Buchenwald oder Hainsimsen-Buchenwald), Flächenanteile von teilweise mehr als 25 % mit C beurteilt, von den montanen bis alpinen bodensauren Fichtenwäldern in den Hochlagen des Harzes sogar mehr als 85 %. Diese Teile müssten nach einem Managementplan in die Bewertungstufe B oder A überführt werden, erklärte der Staatssekretär.
Die Vielzahl der europäischen Regelungen werde nicht 1:1 in deutsches Recht umgesetzt, sondern auf nationaler Ebene noch verschärfend für die Forstwirtschaft, bemängelte Boele-Keimer und forderte eine stärkere Einbindung der Waldeigentümer und der Forstwirtschaft insbesondere in die Facharbeit der Bundesumweltbehörden. Nach dem Vorbild der Umweltverbände müsse sich jedoch auch die Forstwirtschaft selbst stärker bemühen, politische Prozesse auf europäischer Ebene mitzugestalten.
Neue Berufsfelder
Von der Bestandserfassung, über die Erstellung von Bewirtschaftungsplänen, die in komplexen Landschaftsregionen zunehmend komplizierter werden, bis hin zu regelmäßigen, pflichtgemäßen Kontrollen und nicht zuletzt wichtigen Forschungsarbeiten – Christian Eberl sieht im Bereich des europäischen Naturschutzes ein weites Feld an Aufgaben und Perspektiven für die heutigen Absolventen der Forststudiengänge.
Diese Ansicht vertrat auch Dr. Frederik Volckens vom Betriebswirtschaftlichen Büro in Göttingen. „Der Arbeitsmarkt befindet sich in einem rasanten Wandel, das mögliche Aufgaben- und Verwendungsspektrum der Absolventen wird breiter, gleichzeitig seien die Anforderungen oftmals höher." Durch die rasanten Marktstrukturveränderungen in der Holzwirtschaft entstehen neue Aufgabenfelder. Die verstärkt nachgefragten Holzmengen müssten mobilisiert und bereitgestellt werden. Das verlange größere und schlagkräfigere Strukturen, stellte Volckens fest.
Mit 3,4 % aller Erwerbstätigen beschäftige die Forst- und Holzwirtschaft in Deutschland schon jetzt mehr Menschen als angenommen. Diese hohe sozioökonomische Bedeutung verlange nach einem anderen Selbstverständnis und neuen Organisationsformen, meinte der Betriebswirtschaftler.
„Die Absolventen haben gute Chancen in forstnahen Berufen Verwendung zu finden", machte Volckens den bei der Tagung anwesenden Studenten Mut. Ein Drittel der Hochschulabgänger landet im Forstsektor und über 50 % wählen eine Weiterqualifikation nach dem Studium; das ergab eine Umfrage unter Absolventen, deren Ergebnisse Dr. Volckens vorstellte. Nach dieser Befragung haben räumlich unabhängige Bewerber mit internationaler Studienerfahrung die besseren Zukunftschancen. Die Bereitschaft, sich in Organisationen, Parteien oder Vereinigungen zu engagieren, korreliert ebenfalls mit den Chancen für eine Erwerbstätigkeit. Für diejenigen, die eine klassische, forstliche Berufslaufbahn anstreben, wirkt sich das breiter gefächerte Studienangebot positiv aus. Demgegenüber stehen aber die massiven Stellenkürzungen im privaten und öffentlichen Forstdienst. „Studienbegleitende Arbeitserfahrungen erhöhen die Jobchancen", erläuterte Volckens, „aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass man später Berufsfelder außerhalb der Forstwirtschaft ergreift."
Verhaltener Mut
Wie die Ergebnisse einer Forst-Cluster-Studie ergeben haben, treffen die Bewerber auf einen weiten Bereich mit forstnahen Arbeitsfeldern. 40.978 Personen sind in gut 2.100 Betrieben in der Holzbearbeitung beschäftigt, mehr als 182.000 Menschen arbeiten in 2.800 Betrieben der Holzverarbeitung, im Handwerk sind es mehr als 452.000 Beschäftigte in fast 116.000 Betrieben und 999 Betriebe der Papier- und Zellstoffindustrie beschäftigen fast 140.000 Menschen sowie mehr als 35.000 in den Bereichen Transport und Holzhandel in mehr als 2.800 Betrieben.
Hier sind die Führungspositionen zwar begrenzt, aber es gibt ein hohes Interesse an qualifiziertem Personal, das mit einer verbesserten Kommunikation, sinnvoller Arbeitsteilung und Logistik innovative Entwicklungen und einen besseren Marktzugang herbeiführt. „Es gibt Chancen für junge Leute, diese Schnittstellen zu besetzen", unterstrich Volckens.
Die Aufbruchstimmung und der Mut der jungen Leute sei noch verhalten resümierte Prof. Max Krott vom Institut für Forstpolitik der Uni Göttingen, der die Veranstaltung moderiert hatte. Das liege zum Teil an der noch schwachen Forst-Positionierung und einem bislang, wenig professionellen Lobbyismus der Forstwirtschaft. „Alles ist im Umbruch.", so der Wissenschaftler. „Für Jobsuchende gibt es viele Chancen, aber nur für diejenigen, die sich trauen."