Donnerstag, 24.05.2012
Gefahr am Meeresgrund
Aus den Augen, aus dem Sinn. Dass dieses Motto das Problem nicht löst, zeigt sich auch bei den Altlasten in der Nordsee. Dort wurde nach Kriegsende massenhaft Munition entsorgt. Allein vor Niedersachsens Küste rosten laut Expertendarstellung bis zu eine Million Tonnen Kampfmittel am Meeresgrund vor sich hin. Ihr giftiger Inhalt könnte bald ins Meer strömen.
Nach Befürchtungen von Wissenschaftlern droht der Umwelt jetzt, nach gut 60 Jahren, eine erste Welle der Verseuchung. Menschen hingegen sind schon seit langem gefährdet: Bei Unfällen mit Munition gab es auch in jüngerer Zeit immer wieder Verletzte, sagte der Meeresbiologe und Umweltgutachter Stefan Nehring in Hannover bei einem von den Landtags-Grünen organisierten Fachgespräch zum Thema.
Das niedersächsische Umweltministerium warnte vor Panikmache. Die Belastung werde als „nicht signifikant" eingestuft, eine Anreicherung von Schadstoffen etwa in Fischen sei „bisher nicht nachgewiesen", gab Rudolf Gade die Sicht des Ministeriums wieder. Und im Meer gebe es „extrem hohe Verdünnungsraten".
Allerdings räumt der Ministeriums-Mann ein, dass diese Bewertung schon rund 15 Jahre alt ist. Neuere Zahlen gibt es nicht. Bis 2010 soll es aber „eine Überprüfung der ökotoxikologischen Lage" geben – auch auf Druck der Europäischen Union, die eine Neubewertung wünscht. Bund und Küstenländer haben sich zusammengetan und beraten über das Vorgehen, gehandelt wird aber wohl nicht vor 2010.
Experte Nehring sprach hingegen von „behördlichen Mythen", mit denen wissenschaftliche Fakten seit Jahren ignorieren würden. Der promovierte Biologe gilt als Experte auf dem Gebiet, er ist als freier Gutachter auch für Land und Bund tätig. „Es gibt viel mehr munitionsbelastete Flächen als auf den Karten verzeichnet." So sei beispielsweise die in der Jade nördlich von Wilhelmshaven gelegene Hooksiel Plate bisher nicht auf Altlasten untersucht worden. Dabei sei diese Fläche eines der größten Gebiete überhaupt gewesen, in denen Munition versenkt worden sei. Hunderttausende Tonnen lagerten dort. „Nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes Wilhelmshaven können es sogar bis zu eine Million Tonnen sein", berichtet Nehring über seine Recherchen.
Besonders brisant: An der Jade entsteht der Tiefwasserhafen JadeWeserPort. Bei den vielen Sandbewegungen gab es in diesem Sommer fast täglich explosive Funde, die Arbeiten gerieten ins Stocken. Die Behörden hatten Probleme, den ständigen Alarm zu bewältigen. „Wir rücken dort nicht mehr an, ein privater Dienstleister hat das nun übernommen", sagt Joachim Noparlik vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Nehring hält es gut für möglich, dass die großflächigen Arbeiten am JadeWeserPort die Strömungen verändern und bald noch mehr Munition von der Hooksiel Plate freispülen. „Die Chance ist relativ groß."
Wissenschaftler aus Russland hätten in Versuchen errechnet, dass Munition im Meer in der Regel erst nach 60 bis 70 Jahren so weit zersetzt sei, dass ihr giftiger Inhalt ins Wasser ströme. Bei nach 1945 versenkten Kampfstoffen müsste es also bald so weit sein.
Um ein Kommentar zu schreiben müssen Sie sich einloggen.