Donnerstag, 24.05.2012
Agrarminister bekennen sich zum weltweiten Kampf gegen Hunger
Berlin - Am Rande der Grünen Woche in Berlin haben sich 64 Agrarminister aus der ganzen Welt auf neue Strategien und eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen den Hunger verständigt.
Video: 'Wir müssen die Menschen lehren, wie man richtig isst'
Die teilnehmenden Länder, darunter neben zahlreichen europäischen Staaten auch China, Brasilien, Japan, Indonesien und 15 afrikanische Länder, haben sich in einem Abschlusskommuniqué zu einem verstärkten Schutz knapper Ressourcen bekannt. Anzustreben sei eine Landwirtschaft, die sich konsequent an den Prinzipien der Nachhaltigkeit ausrichtet. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse
Aigner sagte zum Abschluss des Treffens: "Der Internationale Agrarministergipfel eröffnet neue Strategien zur Sicherung der Welternährung. Unser gemeinsames Ziel ist eine noch engere Kooperation innerhalb der internationalen Gemeinschaft und eine bessere Vernetzung zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Ohne eine nachhaltige und produktive Land- und Ernährungswirtschaft wird der Kampf gegen den Hunger nicht zu gewinnen sein." Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation (FAO), José Graziano da Silva, betonte: "Kein Land kann den Hunger allein bekämpfen." Mehr als 900 Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen.
Die Vorschläge der Agrarministerkonferenz sollen in eine Konferenz der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung im Juni in Rio de Janeiro eingebracht werden. Die Schwerpunkte von Rio + 20 sind die Förderung einer ökologischen Wirtschaftsweise, der Green Economy, als Grundlage für nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung sowie die Schaffung der dafür notwendigen institutionellen Rahmenbedingungen.
Kleinbauern sollen investieren
Aigner verwies darauf, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts die Weltbevölkerung von sieben auf neun Milliarden Menschen wachsen werde. Ohne produktive Ernährungswirtschaft sei der Kampf gegen den Hunger nicht zu gewinnen. Angestrebt wird, dass vor allem Kleinbauern die Möglichkeit zu Investitionen erhalten und der Zugang zu Böden und Wasser weltweit gesichert wird. Gestärkt werden sollen laut Abschlusserklärung die Rechte von Frauen, die vor allem in Afrika einen Großteil der Agrar-Beschäftigten stellen. Ernteverluste bei Transport und Lagerung sollten reduziert werden.
FAO-Chef da Silva forderte, der UN-Sicherheitsrat solle sich mit Konflikten etwa in Afrika befassen, die oft Ursache für Hungerkrisen seien. Die Steierung der Nahrungsmittelproduktion allein werde das Problem nicht lösen. Es gebe eigentlich genügend Nahrung auf der Welt. In ärmeren Ländern könnten sie viele Menschen aber nicht bezahlen. Zugleich gebe es in den Industrieländern mehr als eine Milliarde Übergewichtige. "Wir müssen die Menschen lehren, wie man richtig isst."
Indonesiens Landwirtschaftsminister Asyraf Suswono kritisierte, Ausfuhren von Entwicklungsländern würden in Industrieländern zu oft mit abwehrenden Zöllen belegt. EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos erklärte, dass der Marktzugang in Europa so frei wie nirgendwo sonst auf der Welt sei. Kenias Ressortchefin Sally Jemng'etich Kosgei hob hervor, dass etwa bei Bewässerungssystemen und gutem Saatgut noch großer Nachholbedarf bestehe. Brasiliens Agrarminister Jorge Mendes Ribeiro Filho versicherte, sein Land habe trotz des Trends zu Biokraftstoffen nicht die Absicht, Nahrungsmittel in Treibstoff umzuwandeln.
Verschwendung von Lebensmitteln ist keine Preisfrage
Ein zentrales Thema war die Verschwendung von Lebensmitteln in den Industrieländern. Nach Schätzungen ist beispielsweise von jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel in Deutschland auszugehen. Diskutiert wurde die Frage, ob Nahrung in den wohlhabenderen Ländern zu billig sei. Für EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos ist die Verschwendung keine Frage des Preises. Das Problem sei nicht nur auf leichten Nahrungszugang zurückzuführen, sondern hänge auch mit Gewohnheiten und Erziehung zusammen. Die Ursachen seien sehr komplex.
Ländliche Regionen müssen "Megacitys" versorgen
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, 2050 wird der Anteil nach Schätzungen bei 70 Prozent liegen. Das Wachstum der Städte und der so genannten „Megacitys“ sei nicht umkehrbar, betonte Ilse Aigner. „Die Versorgung dieser Ballungszentren kann nur mit Hilfe der Nahrungsmittelproduktion in den ländlichen Regionen sichergestellt werden. Dazu muss der Zugang zu Land für Kleinbauern und vor allem für Frauen sichergestellt sein. Sie sind die wichtigsten Nahrungsmittel-Produzenten vor Ort“, so die Ministerin.
Regionale Agrarmodelle entwickeln
Ein entscheidendes Instrument seien daher die internationalen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern der „Food and Agriculture Organisation“ (FAO). Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe zudem gezeigt: „Langfristig lässt sich der Hunger nur mit einer regional angepassten Landwirtschaft und der sorgsamen Nutzung der knappen Ressourcen wirksam bekämpfen. Beides muss im Mittelpunkt der politischen Anstrengungen zur Sicherung der Welternährung stehen“, unterstrich Ilse Aigner. Dabei habe der Rio+20-Gipfel den Weg einer nachhaltigen “Green Economy“ schon vorgezeichnet. „Nicht jedes Mittel führt jedoch an dieses Ziel. Wir müssen alle Potenziale darauf ausrichten, das jeweils beste Agrarmodell zu finden, das in den einzelnen Regionen traditionelle Arbeitsweisen mit innovativen Methoden verbindet. Hierin bin ich mit José Graziano da Silva völlig einer Meinung."
Da Silva begrüßt deutsches Engagement
Da Silva übernahm am 1. Januar 2012 die Führung der FAO von seinem Vorgänger Jaques Diouf. In seiner Heimat hatte sich der brasilianische Agrarökonom bereits als „Minister für soziale Entwicklung und Kampf gegen den Hunger“ verdient gemacht. Mit Hilfe von regional angepassten Hilfsmaßnahmen war es ihm gelungen, die Zahl der in Armut lebenden Bürger deutlich zu senken. Graziano betonte bei dem Treffen mit
Aigner in Berlin: „Um den Hunger zu beseitigen, müssen wir unserer Soforthilfe eine langfristige entwicklungspolitische Dimension verleihen und nachhaltigere Ansätze in der Produktion und im Verbrauch von Nahrungsmitteln verfolgen. Dies erfordert gemeinsame Anstrengungen der Industrie- und Entwicklungsländer, der Regierungen, Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft. Ich begrüße das kontinuierliche deutsche Engagement in dieser Hinsicht."
Investitionen in Infrastruktur sind notwendig
Etwa neun Milliarden Menschen werden bis Mitte dieses Jahrhunderts die Welt bevölkern. Die Nachfrage nach Lebensmitteln wird vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern massiv steigen. Die natürlichen Ressourcen dagegen werden knapper: Anbauflächen sind begrenzt, der fortschreitende Klimawandel macht gerade in den ärmsten Regionen der Welt immer mehr Land unfruchtbar. Wasser ist bereits heute in vielen Ländern nicht in ausreichender Menge und Qualität vorhanden. „Wir brauchen vor allem in den Entwicklungsländern eine nachhaltige Steigerung der Produktion und wir müssen Verluste deutlich reduzieren“, sagte Aigner. Das betrifft sowohl Ernteverluste als auch Flächen, die häufig durch Versiegelung, Erosion, Versalzung, Verschmutzung, Kontamination oder Übernutzung unbrauchbar werden.
„Wir können es uns nicht mehr leisten, dass ein großer Teil der Ernte bei der Lagerung oder dem Transport verloren geht“, so die Ministerin. Hier sind Investitionen in die Infrastruktur und in die Verarbeitungs- und Lieferkette erforderlich sowie Wissensvermittlung an die Menschen vor Ort.
Der Agrarministergipfel in Berlin diente der Vorbereitung der Konferenz der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung im Juni 2012 in Rio. Die Schwerpunkte von Rio + 20 sind die Förderung einer ökologischen Wirtschaftsweise, der Green Economy, als Grundlage für nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung sowie die Schaffung der dafür notwendigen institutionellen Rahmenbedingungen.
dpa/pd/bg
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