26.04.2008
Quotenpolitik
BDM verärgert über Medienkommentar

(Foto: agrarfoto.com)
Stellungnahme des BDM: "Dieser Kommentar ist nicht nur in weiten Teilen fern jeder Marktkenntnis, sondern zudem auch äußerst zynisch. Dem Autor blinden Globalisierungsglauben zu unterstellen, ist wohl nicht übertrieben. Wieder einmal die Formulierung „Der Markt diktiert den Preis.“ Hier wird nur allzu gerne vergessen, dass es DEN MARKT als abstrakte und handlungsfähige Größe nicht gibt. Ein Markt entsteht durch Aktionen (Angebot und Nachfrage!) der Marktteilnehmer und dazu gehören eben auch die Milcherzeuger. Wenn die Milcherzeuger also mit einem Lieferstopp eine friedliche Mengenregulierung bewirken, beeinflusst das die Angebotsmenge und damit den Preis. Nicht vergessen werden darf außerdem, dass einige große Molkereien mit gezielter Animation und Belohnung von Mehrproduktion den Angebotsüberhang und damit den Preisdruck überhaupt erst verursacht haben.
Herr Nitsche fordert echten Wettbewerb und vergisst darüber, dass es dafür eine mehr oder weniger ausgeglichene Machtposition der Marktteilnehmer braucht. Die ist auf dem Milchmarkt nicht gegeben. Knapp 100.000 Milcherzeuger stehen Marktpartnern gegenüber, die durch Fusionen und die bisherige EU-Politik eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Fällt die Quote, liefert man damit die Milcherzeuger noch mehr als bisher den übermächtigen Marktpartnern aus. Das Ergebnis ist nicht Wettbewerb, sondern Marktversagen. Schon jetzt – mit der vermeintlich so „schützenden“ Milchquote – werden die Milcherzeuger von den Marktinteressen ihrer Vermarktungspartner beherrscht sowie vom Interesse der Politik an niedrigen Lebensmittelpreisen. Denn statt die Quote bestimmungsgemäß mengenbegrenzend einzusetzen, hat man über Jahrzehnte damit Politik gemacht.
Nicht die Abschottung der EU durch Importzölle ist das Problem. Die Erzeuger in den Entwicklungsländern sind noch weit davon entfernt, soviel zu produzieren, dass ein relevanter Export stattfinden könnte. Es ist vielmehr so, dass man durch jahrelanges Exportdumping die Existenz der Erzeuger in den Entwicklungsländern vernichtet hat und damit Hunger befördert hat. Dieses Exportdumping hat man auf dem Rücken der Bauern in der EU betrieben. Jahrzehntelang hat man den EU-Milcherzeugern erzählt, dass sie aufgrund der großen Übermenge selbst schuld wären an ihren niedrigen Milchpreisen. Gleichzeitig hat man den Erzeugern vorgegeben, sie müssten trotz höchster Qualitätsstandards zu Weltmarktpreisen produzieren, um diese Übermengen absetzen zu können. Milch zu Dumping-Preisen, die für viele EU-Bauern nicht mehr kostendeckend waren und Subventionen erst nötig machten. Diese Billig-Milch wurde mit zusätzlichen Exportbeihilfen so billig abgesetzt, dass die Erzeuger in den Entwicklungsländern damit nicht mehr konkurrieren konnten. Die EU-Milchbauern werden nun für diese Missverhältnisse abgestraft – und das nicht nur mit dem ewig schlechten Image des Subventionsempfängers.
Gleichzeitig wischt man alle Konzepte der Milcherzeuger, wie der Markt alternativ – zum Nutzen aller - gestaltet werden könnte, mit dem Argument vom Tisch, die Bauern wollten sich nicht dem Markt stellen. Das ist schlicht Blödsinn. Die Milcherzeuger des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter WOLLEN sich nur zu gerne dem Markt stellen, aber eben nur auf Augenhöhe mit den Marktpartnern. Eine Abkehr vom bisherigen Quotensystem hin zu einer bedarfsgerechten, flexiblen Mengensteuerung, die in Abstimmung zwischen Erzeugern und Molkereien geschieht, hat viele Vorteile:
- Durch die flexible Anpassung der Angebotsmenge an die zu erwartende Nachfrage kann ein stabiler und kostendeckender Milchpreis für die Erzeuger erzielt werden.
- Ein Preis, der sich durch eine bedarfsgerechte Produktion ergibt und der an die in der EU geforderten höchsten Qualitätsstandards angepasst ist, ist zumindest so hoch, dass damit ein Exportdumping und damit die Zerstörung der Erzeugerstrukturen in den Entwicklungsländern verhindert werden kann.
- Mit einer weltweiten, flexiblen Mengensteuerung könnte die Ernährungssouveränität aller Länder gesichert werden.
- Die Sicherheit der heimischen Versorgung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln kann so gewährleistet werden.
- Subventionen werden zum ganz großen Teil überflüssig, wenn die Milcherzeuger ihr Einkommen aus einer kostendeckenden Vermarktung ihrer Milch erzielen können.
- Den wachsenden Bedarf der Weltbevölkerung – der vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern entsteht - deckt man am besten dadurch, dass man die Erzeuger stärkt, nicht durch eine blinde Liberalisierung, die langfristig nur dazu führt, dass die Nahrungsmittel dahin wandern, wo man am meisten dafür zahlt.
Mehr als einmal haben übrigens MISEREOR und „Brot für die Welt“ darauf hingewiesen, wie wichtig faire Erzeugerpreise und eine funktionierende Mengenregulierung in der EU für den Erhalt der Erzeugerstrukturen in den Entwicklungsländern ist.
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter fordert eine Agrarpolitik, die die soziale Funktion der Landwirtschaft hinreichend würdigt. Die Landwirtschaft erzeugt qualitativ hochwertige Lebensmittel und erhält Arbeitsplätze in den ländlichen Räumen. Die BDM-Mitglieder stehen für Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz. Nicht zuletzt wollen sie eine Bewahrung der Biodiversität.
Wenn Herr Nitsche dazu auffordert, umzudenken und mit Qualitätsprodukten und regionaler Vermarktung sinkenden Preisen auszuweichen, ist das schlicht eine Ohrfeige für die Milcherzeuger. Sie produzieren längst eines der qualitativ hochwertigsten Lebensmittel und sind auch in der regionalen Vermarktung stark. Dass Qualität aber nicht zum Nulltarif zu haben ist, sollte auch Herrn Nitsche bekannt sein. Oder anders formuliert: Steigende Produktionskosten für qualitativ immer hochwertigere Lebensmittel bei gleichzeitig sinkenden Preisen kann sich kein Milcherzeuger auf Dauer leisten." (Originaltext)
Lesen Sie hierzu auch
Artikel
Artikel drucken
Artikel versenden
Artikel kommentieren
Leserbrief schreiben