Die Situation der zugelassenen Insektizide für den Ackerbau hat sich in den vergangenen Jahres stetig zugespitzt. Mengenmäßig scheinen immer noch genügend Mittel verfügbar zu sein. Schaut man genauer hin, fällt auf, dass viele Mittel aus gleichen Wirkstoffklassen stammen. Da die Resistenzproblematik auch im Insektizidbereich an Dynamik gewinnt, fehlen bereits heute oft geeignete Alternativen, um ein sinnvolles Resistenzmanagement durchzuführen.
Nur mit einem strikten Resistenzmanagement erhält sich die Landwirtschaft die Chance, Rapsglanzkäfer auch zukünftig noch mit wirksamen Insektiziden zu bekämpfen. Foto: Dr. Werner
Ein bundesweit anerkannter Experte auf diesem Gebiet ist Dr. Udo Heimbach vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig, der auch Leiter des Fachausschusses Pflanzenschutzmittelresistenz-Insektizide, Akarizide ist. Er zeigte auf dem Insektizidsymposium der Firma DuPont in Fulda kritische Konstellationen im Resistenzmanagement bei wichtigen Schaderregern auf. Hierzu zählen insbesondere der Rapsglanzkäfer und der Kartoffelkäfer.
Resistenz entsteht seinen Angaben zufolge bei Insekten einerseits durch die Nutzung von nur einer Wirkstoffgruppe über viele Jahre. Auch dies ist eine Folge mangelnder Alternativen. Die Bauern können oft nicht auf andere Wirkstoffgruppen ausweichen, da zu wenig Ausweichwirkstoffe zugelassen sind. Ferner werden natürlich bestimmte Insektizide häufiger eingesetzt, wenn sie eine gute Wirkung zeigen, preisgünstig sind oder mit anderen Präparaten gut mischbar sind. Auch der Bienen- und Anwenderschutz spielt bei der Auswahl eine bedeutende Rolle.
Andererseits werden Resistenzen durch die steigende Anzahl der Anwendungen gefördert, da die Anbauflächen und die Anbauintensität bei immer weniger Kulturen weiter zunehmen. Hinzu komme, dass vermehrt prophylaktisch gespritzt wird, weil der Wert der Ernte angestiegen ist, ungenügende und aufwendige Schwellenwerte vorliegen bzw. die Insektizide selbst sehr preisgünstig sind. Ebenso sei zu beachten, dass von den Schaderregern auch infolge der Erwärmung oft mehrere Generationen nacheinander auftreten, die eine mehrfache Anwendung der Mittel erforderlich machen.
Kaum Alternativen
Am Beispiel der Pfirsichblattlaus zeigte Heimbach auf, warum dieser Schädling in Kartoffeln eine multiple Resistenz gegen Pyrethroide, Organophosphate und Pirimicarb mit verschiedenen Resistenzmechanismen und eine Sensitivitätsverschiebung bzw. Resistenz gegenüber Neonicotinoiden aufweist. Er führte diese Entwicklung darauf zurück, dass einige Blattlausarten nicht nur bei der Bekämpfung des Kartoffelkäfers immer mit den gleichen insektiziden Wirkstoffen konfrontiert werden, sondern auch in anderen Kulturen regelrecht auf Resistenz hin selektiert werden.
So sauge z. B. die Pfirsichblattlaus nicht nur an Kartoffeln, sondern auch am Raps, der Zuckerrübe und an verschiedenen anderen gartenbaulichen Kulturen. In all diesen Fällen werde sie immer mit Neonicotinoiden (in Form einer Saatgut- bzw. Pflanzgutbehandlung oder einer Spritzung mit Biscaya) und/oder Pyrethroiden bekämpft.
In Deutschland sind nach Aussage von Dr. Heimbach derzeit 27 insektizide Wirkstoffe im
Ackerbau im Grünland zugelassen. Davon entfallen allein elf auf die Gruppe der Pyrethroide. Vier Wirkstoffe könnten nur zur Saatgutanwendung eingesetzt werden. Elf Wirkstoffe würden zudem nur einen sehr engen Wirkungsbereich zeigen, z. B. wirken sie nur gegen Blattläuse oder sind nur in einer Kulturart zugelassen. „In der Breite ist also wenig vorhanden, deshalb müssen wir auch vorsichtig mit den verbliebenen Präparaten umgehen, mahnte der Wissenschaftler. Die geringere Wirksamkeit verschiedener Wirkstoffgruppen habe sich auch bei Resistenztests im Labor gezeigt. Laut Heimbach konnte nachgewiesen werden, dass auch in Kartoffelrandgebieten wie Braunschweig weniger sensitive Kartoffelkäferpopulationen auch bei höheren Dosierungen des Pyrethroids Karate Zeon nicht mehr abgetötet wurden. In Sachsen seien deshalb bei der Bekämpfung des Kartoffelkäfers die vom Jahr 2000 bis 2004 dominierenden Pyrethroide bis zum Jahr 2007 von den Neonicotinoiden nahezu verdrängt worden.
Kennzeichnungspflicht
Der Wissenschaftler begründete die alternativlose Resistenzstrategie bei Insektiziden damit, dass durch bestehende Resistenzen nur unnötige Anwendungen entstehen, die viel Geld und Ertrag kosten, aber nicht mehr die erwartete Wirkung zeigen. Auch die chemische Industrie sei direkt betroffen, da solche Produkte nicht mehr nachgefragt würden und es in Einzelfällen sogar zu Schadenersatzforderungen kommen könnte. Da die Resistenz unnötige Risiken für den Landwirt, die Verbraucher und die Umwelt heraufbeschwöre, fordere die EU mittlerweile Daten zur Resistenz sowie wirksame Antiresistenzstrategien in Zulassungsverfahren, führte Heimbach aus.
Positiv bewerte er die Tatsache, dass mittlerweile eine Kennzeichnungspflicht der Wirkstoffe in sogenannten IRAC-Klassen vorliegt. Weiterhin gebe es Auflagen zur Resistenzvermeidung, in denen auf Wirkstoffwechsel hingewiesen wird. Vereinzelt werde auch die Anzahl der Anwendungen eingeschränkt. Um das Wissen auf eine breite Plattform zu stellen, ist laut Heimbach in Deutschland der Fachausschuss Pflanzenschutzmittelresistenz - Insektizide, Akarizide gegründet worden, der vom amtlichen Dienst der Länder, den beteiligten Behörden, Pflanzenschutzmittelfirmen, Handel, Beratung und Forschung getragen wird. Dieser Fachausschuss gibt bundesweite Empfehlungen zu Resistenzstrategien heraus.
Für den Einsatz von Neonicotinoiden in Kartoffeln empfiehlt der Ausschuss eine unterschiedliche Nutzung der zugelassenen und zur Verfügung stehenden Mittel in Abhängigkeit des Zeitpunkts und der Intensität des Blattlausauftretens sowie des notwendigen Bienenschutzes. Die Landwirte seien für die Umsetzung der Strategie im Sinne der guten fachlichen Praxis mit verantwortlich und müssten die Empfehlungen aktiv unter Nutzung aller zugelassenen Mittel umsetzen. „Das beinhaltet die strikte Beachtung der Bekämpfungsrichtwerte, wobei keine unnötigen Anwendungen bzw. Beimischungen von anderen Insektiziden erfolgen sollten“, stellte der Experte klar.
Ferner sollte bei der Anwendung einer adäquaten Spritztechnologie auf einen genügenden Wasseraufwand und volle Aufwandmengen geachtet werden. Selbstverständlich sei bei der Ausbringung von Neonicotinoiden auch der Bienenschutz strikt zu berücksichtigen und ein Mittel auszuwählen, das innerhalb einer Wirkstoffklasse eine möglichst gute Wirksamkeit aufweist.
Wie sieht nun eine konkrete Resistenzstrategie für Neonicotinoide in der Kartoffelpflanzproduktion aus, bei der oft mehr als fünf Insektizidanwendungen notwendig werden? Wurde das Pflanzgut bereits mit einem Neonicotinoid behandelt, sollte laut Heimbach zuerst ein Insektizid mit einem anderen Wirkmechanismus angewendet werden. Danach könnten maximal zwei Spritzanwendungen eines Neonicotinoids, eventuell unterbrochen durch den Einsatz eines Insektizids mit einem anderen Wirkmechanismus, erfolgen.
Falls keine Pflanzgutbehandlung mit einem Neonicotinoid vorgenommen worden sei, könnten in der Vegetationsperiode maximal drei Spritzanwendungen eines Neonicotinoids, unterbrochen jeweils durch ein Insektizid mit einem anderen Wirkungsmechanismus, erfolgen, empfahl der Experte.
Resistente Käfer
Gegen den Rapsglanzkäfer sind in der Vergangenheit immer wieder Pyrethroide eingesetzt worden. Da auch dieser Schädling resistente Populationen entwickelt hat, gilt es auch hier, sinnvolle Resistenzstrategien zu entwickeln. Wie Dr. Heimbach berichtete, werden die Pyrethroide der Resistenzgruppe „IRAC 3“ in zwei Klassen unterteilt: Als stärker wirksam gelten Insektizide aus der Klasse 1 wie Talstar (B4), Trebon (B1) und Mavrick (B4). Als weniger wirksam sind Pyrethroide aus der Klasse 2 eingestuft. Dazu zählen Bulldock (B2), Decis flüssig (B2), Fastac SC Super Contact (B4), Fury (B2), Karate Zeon (B4), Sumicidin alpha EC (B2), Trafo WG (B4) und Nexide (B1). In der Resistenzgruppe „IRAC 4A“ wird ferner noch das hoch wirksame Neonicotinoid Biscaya (B4) aufgeführt.
Aus den Erfahrungen des Jahres 2009 hat der Fachausschuss laut Heimbach eine Resistenz- und Bekämpfungsstrategie für 2010 entwickelt. Die vorläufige Empfehlung lautet:
- Für die Bekämpfung von Rapsglanzkäfern bei Starkbefall sind für die Saison 2010 hochwirksame Mittel für 275.000 ha Winter- und Sommerraps und für den Gemüsebau notwendig. Diese Mittel müssen noch verfügbar gemacht werden.
- Bei der Bekämpfung sollten bevorzugt Mittel ohne Selektion auf Pyrethroid-Resistenz genutzt werden
- Bekämpfungsrichtwerte beachten
- Nutzung adäquater Spritztechnologie mit ausreichendem Wasseraufwand und vollen Aufwandmengen
- Bienenschutz strikt beachten
- Mittelauswahl innerhalb einer Wirkstoffklasse nach bester Wirksamkeit vornehmen.
Diese Strategie gilt in allen Regionen Deutschlands.
Selektionsdruck hält an
Die beste Anti-Resistenzstrategie sind seinen Angaben zufolge aber immer noch ausgelassene Spritzungen, vorausgesetzt der Befall bleibt unter den Bekämpfungsrichtwerten. Welche konkreten Mittelempfehlungen sich daraus für die Praxis im nächsten Jahr ergeben, kann der Tabelle entnommen werden.
Den Ernst der Lage beweisen auch die Ergebnisse des Rapsglanzkäfer-Resistenzmonitorings. Es hat 2009 in Niedersachsen gezeigt, dass keine sehr sensitiven und auch kaum noch sensitive Populationen des Rapsglanzkäfers vorkommen. Die meisten Populationen weisen bereits eine hohe bzw. normale Resistenz auf. Deutschlandweit wurden 2009 über 90 % der getesteten Rapsglanzkäfer in den beiden höchsten Resistenzklassen eingeordnet. In Niedersachsen hätten Testkit-Ergebnisse gezeigt, dass 2009 etwa 82 % der getesteten Populationen in den beiden höchsten Resistenzklassen vier und fünf vertreten waren, in Baden-Würtemberg waren es sogar knapp 100 %.
Aus den Versuchsergebnissen der vergangenen Jahre schlussfolgerte Dr. Heimbach, dass sich die Resistenz beim Rapsglanzkäfer immer weiter ausbreitet und intensiviert. Trotz der bundesweit angewandten Anti-Resistenzstrategie sei von 2008 auf 2009 ein Anstieg der Resistenz zu beobachten gewesen. Dies wertete der Wissenschaftler als ein Zeichen, dass der Selektionsdruck noch nicht nachgelassen habe.
Aus diesem Grund sollten 2010 so wenig wie möglich Pyrethroide gegen den Rapsglanzkäfer eingesetzt werden. Gleichzeitig müsse aber auch eine Selektion auf Resistenz gegenüber den noch wirksamen Neonicotinoiden unbedingt vermieden werden. Bei der Fokussierung auf den Rapsglanzkäfer sollten ferner auch auffällige Rüssler- und Erdflohpopulationen beachtet werden, die bei Spritzungen gegen den Rapsglanzkäfer oft mitbehandelt werden. Auch hier steige deshalb der Anteil der Populationen an, die weniger gut auf eine Insektizidspritzung reagieren, warnte der Experte.
Trotz der geschilderten Vorsichtsmaßnahmen war sich Heimbach sicher, dass für ein nachhaltiges Resistenzmanagement dringend Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen nicht nur im Raps, sondern auch anderen Kulturen benötigt werden.