Donnerstag, 24.05.2012
Internationaler Milchmarkt auf der Kippe
Berlin - Die internationalen Spotmarktpreise haben im September durchweg nachgegeben. Noch ist nicht sicher, ob dies saisonale Ursachen hat oder ob dem Milchmarkt eine größere Korrektur bevorsteht.
Internationaler Milchmarkt auf der Kippe
Im September haben die Preise für die meisten Milchprodukte an den internationalen Handelsplätzen nachgegeben. Dies trifft für die wichtigsten Exportpreise in Westeuropa und Ozeanien ebenso zu, wie für die Auktionspreise der internationalen Handelsplattform GlobalDairyTrade. Von der Preiskorrektur an den internationalen Spotmärkten betroffen waren neben Mager- und Vollmilchpulver, diesmal auch Butter und Käse. Ungewiss ist bislang noch, ob der Preisrückgang hauptsächlich saisonale Ursachen hat und unter anderem dem deutlich ansteigenden Produktionsausstoß ("Spring Flash") der ozeanischen Länder geschuldet ist oder ob sich die globale Nachfrage weiter abschwächt und das insgesamt gewachsene Angebot nicht mehr oder nur noch zu niedrigeren Preisen aufgenommen wird.
Russland importiert weniger
Möglichweise kann sich die Nachfrage infolge der Preiskorrektur an den
Spotmärkten sogar wieder erholen. Eine ganze Reihe von Importeuren hatte
den Zukauf von Milchprodukten nämlich wegen der kräftig gestiegenen
Preise zuletzt gedrosselt. Die Experten der Rabobank rechnen jedenfalls
damit, dass die Chinesen ihre Zukäufe im vierten Quartal wieder
ausweiten. Insbesondere die neuseeländischen Exporteure könnten davon
profitieren, denn sie sind der mit Abstand größte Lieferant für das
Reich der Mitte. Auch die Zukäufe aus dem Mittleren Osten, aus
Nordafrika (Ägypten, Algerien, Marokko) sowie aus Brasilien sollen eher
wieder zunehmen. Dagegen sind die Aussichten für den russischen Markt
derzeit weniger günstig. Neben den deutlich gefallen Rohöl- und
Rohstoffpreisen und der sich abschwächenden Wirtschaftsdynamik könnte
nämlich auch die schrittweise Erholung der russischen Milchproduktion
(von den Folgen der vorjährigen Dürre und Futterknappheit) die Importe
drosseln. Dies hat insbesondere für die europäischen Exporte erhebliche
Auswirkungen. Für Deutschland ist Russland mittlerweile nach Italien und
den Niederlanden und noch vor Frankreich der wichtigste Absatzmarkt
für Käse überhaupt.
Europäischer Markt bislang stabil
Internationaler Milchmarkt auf der Kippe
In Europa ist die Marktlage bislang relativ stabil. Die Erzeugerpreise
bewegten sich nach den Daten der EU-Kommission im Juli sogar über der
Marke von 34 Cent je Kilogramm (Ct/kg) und damit auf dem höchsten Stand seit Sommer 2008.
Nur wenige Informationen deuten auf eine mögliche Marktschwäche hin. So
hat der niederländische Milchkonzern Friesland/Campina seine Preise
zuletzt um 5 Prozent (%) gesenkt. Anderseits halten die Notierungen für die
wichtigsten Milchprodukte in der EU auch Mitte September ihr hohes
Niveau. Die letzten Daten der EU-Kommission zeigen jedenfalls im
EU-Durchschnitt sowohl für Käse als auch für Butter und Milchpulver
stabile Notierungen. Die europäische Milchanlieferung bewegte sich im
Zeitraum Januar bis Juli 2,22 % über der Vorjahresmarke. Damit hat sich
die Produktionsexpansion im Vergleich zum Vormonat (Jan bis Juni = 2,1
%) leicht beschleunigt. Der Produktionsvorsprung gegenüber dem Vorjahr
lag in Frankreich bei 5,4 %, in Deutschland bei 2,6 %, im Vereinigten
Königreich bei rund 3 % und in Irland sogar bei 11 %. Die
Mehrproduktion floss ganz besonders in die Herstellung von
Magermilchpulver (+ 11,9 %) und Butter (+ 1,6 %).
Deutscher Käseexport rückläufig
In der Entwicklung der EU-Exporte spiegelt sich die zuletzt etwas
geringere Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes wider. Bei allen Produkten
hat der Vorsprung gegenüber dem Vorjahr abgenommen bzw. die
Wachstumsdynamik hat sich abgeschwächt. Deutlich über dem Vorjahr bewegt
sich immer noch der EU-Export von Magermilchpulver. Hier liegen die
europäischen Ausfuhren für den Zeitraum Januar bis Juli 2011 rund ein
Drittel über dem Vorjahreswert. Das deutsche Ausfuhrvolumen hat in
dieser Zeit sogar um 90 % auf 57.000 t zugenommen und übertrifft die
Exporte Frankreichs (47.000 t) deutlich. Bei der Ausfuhr von Käse
verfehlen die Europäer jedoch das Vorjahrergebnis knapp um - 0,5 %.
Ursache sind offenbar die rückläufigen Exporte nach Russland. Dieser
Umstand erklärt auch den kräftigen Rückgang der deutschen Käseausfuhren
(in Drittländer) von 14 % auf rund 73.000 t. Demgegenüber liegen die
Käseexporte Frankreichs, Italiens und der Niederlande weiterhin über dem
Vorjahreswert. Bei Butter verfehlen die Länder der EU 27 das
Exportvolumen des Vorjahres um 19,3 % und bei Vollmilchpulver um 10 %.
Gestützt werden dürfte der europäische Export in den nächsten Wochen
indessen durch die sehr deutliche Abwertung des Euros. Die Euroschwäche
hat die Wettbewerbsposition der Europäer gegenüber den ozeanischen
Ländern und den USA deutlich verbessert.
Hohe Preise und hohe Kosten in den USA
Internationaler Milchmarkt auf der Kippe
In den USA haben die Milchpreise im August mit umgerechnet 49 US-Ct /
kg einen historischen Höchststand erreicht. Seither gingen die sowohl
die Erzeuger – als auch die Großhandelspreise zurück und bis zum
Jahresende rechnet man am Terminmarkt mit einer Korrektur der
Erzeugerpreise um rund 10 Ct/kg. Danach geht man allerdings von einem
relativ stabilen Niveau aus. Gleichzeitig sind die Futterkosten in
US-Milchproduktion auf immer neue Rekordstände geklettert. Während die
Milcherzeugerpreise von Januar bis August um ein Drittel zulegten
verdoppelten sich die Futterkosten je kg Milch. Dies ist ebenfalls
historischer Höchststand und kostet die Milcherzeuger mehr als die
Hälfte der Verkaufserlöse. Auch die Verbraucherpreise haben in den USA
kräftig angezogen und dämpfen den Inlandskonsum spürbar. Im August
kosteten Milchprodukte 11 % mehr als ein Jahr zuvor. Der Verbrauch von
Trinkmilch rutschte in der Folge auf den niedrigsten Stand seit 25
Jahren. Anderseits haben die guten Absatzmöglichkeiten am Weltmarkt die
Inlandsproduktion spürbar angekurbelt. So lag die Milchproduktion in den
USA (trotz der Dürre im Süden) im August um 2,2 über dem Vorjahreswert
und im Gesamtjahr rund 1,7 % höher. Ein starkes Wachstum verzeichneten
die Amerikaner im Export. Dabei wuchs die Ausfuhr von Käse (+48 %) und
Magermilchpulver (+ 39 %) in den ersten 6 Monaten 2011 mit Abstand am
stärksten.
Neuseeländer sind optimistisch
In Neuseeland nimmt die Produktion dem saisonalen Verlauf folgend jetzt
deutlich zu und liegt ebenso über dem schwachen Vorjahr (Trockenheit im
Frühjahr). Auch in Australien wächst die Produktion kräftig, bewegt
sich aber wegen des witterungsbedingt verspäteten Saisonstarts leicht
unter der Vorjahresmarke. Trotz der zuletzt durchweg schwächeren
Spotmarkpreise hat der neuseeländische Milchriese Fonterra seinen
Auszahlungspreise an die das Unternehmen beliefernden Landwirte in der
dritten Septemberwoche angehoben und einen neuen Preisrekord (8,25
NZ$/kg Milchinhaltsstoffe) erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die
Auszahlungspreise ebenfalls rund 13 % höher. Ursache für die höheren
Auszahlungspreise ist der im vierten Quartal erwartetet Nachfrageschub
nach Milchprodukten (insbesondere nach Vollmilchpulver) aus China. Ab
Januar 2012 werden zudem die chinesischen Einfuhrzölle für die meisten
neuseeländischen Milchprodukte gekappt. Das könnte die chinesische
Nachfrage und den Export zusätzlich beflügeln.
Dr. Olaf Zinke/Marktanalyst dlv
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