In den letzten Wochen und Monaten wird bei Herstellern und Händlern über nichts häufiger diskutiert, als über die von der John Deere Führungsspitze ausgegebene Parole 50 Milliarden und 25 Millionen.
John Deere: Fit für die Zukunft
So hatte der Chairman und CEO, Samuel
R. Allen im Herbst 2010 eine
geplante weltweite Umsatzsteigerung
des Konzerns bis zum Jahr 2018 auf
50 Milliarden Dollar verkündet – was
fast einer Verdoppelung innerhalb von
acht Jahren gleichkommt, wenn man
sich die in 2010 erzielten 26 Milliarden
Dollar vor Augen führt! Und die operative
Marge soll schon bis 2014 auf zwölf
Prozent klettern.
Gleichzeitig wurde die Forderung erhoben,
dass die
JohnDeere Vertriebspartner
der Zukunft zumindest in Deutschland
einen Mindestumsatz von 25
Millionen Euro erreichen müssten. Dass
diese pauschale Aussage selbst in den eigenen
Reihen für so viel Aufruhr sorgen
würde, erstaunt die beiden Interviewpartner
der Agrartechnik doch etwas:
Christoph Wigger ist seit 2009 Vice
President Sales & Marketing für Europa,
CIS, Nord Afrika und Mittlerer Osten
der Landtechnik und Turf Division.
Helmut Korthöber leitet das deutsche
John Deere Verkaufshaus in Bruchsal.
Agrartechnik: Die geplante weltweite
Umsatzsteigerung von
JohnDeere bis
zum Jahr 2018 auf 50 Milliarden Dollar
und damit eine annähernde Verdoppelung
halten viele Brancheninsider schon
für sehr ambitioniert und mit Blick auf
das derzeitige weltweite Umsatzvolumen
der Landtechnik für unrealistisch!
Christoph Wigger: Warum soll uns nicht
gelingen, was wir von 2002 auf 2008
schon einmal geschafft haben, und zwar
weit weniger global aufgestellt? Wobei wir
im Rahmen unserer Wachstumsstrategie das Hauptaugenmerk nicht allein auf die
Landtechnik richten - in der Bau- und
Forstmaschinensparte steckt noch erhebliches
Potenzial. Die anderen Segmente,
also Grundstückspflege, Ersatzteile,
Motoren, Intelligente Lösungen und
Finanzdienstleistungen spielen ebenfalls
eine strategisch sehr bedeutsame Rolle bei
der Unterstützung oder Ergänzung der
Wachstumsbereiche. Da wir uns auf eng
miteinander verknüpfte Bereiche konzentrieren
können, ist
JohnDeere besser in
der Lage, die eigenen Stärken auszubauen,
die Investitionen zu optimieren sowie die
Führungskräfte und Mitarbeiter gezielt
und effizient einzusetzen. Deshalb wird es
uns auch gelingen, unsere Wettbewerbsfähigkeit
auf dem Weltmarkt auszuweiten.
Das erfordert natürlich etwas Zeit.
Und wenn wir über das derzeitige Umsatzpotenzial
reden – allein in der Region
2 liegt es für die gesamte Landtechnikbranche
irgendwo zwischen 32 und 35
Milliarden Dollar, in den EU 27-Ländern
bei 25 Milliarden und in der GUS bei weiteren
sieben bis zehn Milliarden Dollar. In
Südamerika ist der oft zitierte "Gordische
Knoten" durchschlagen. Dort weist die
gesamte Landmaschinenindustrie zweistellige
Zuwachsraten auf. In Indien wird
der Gesamttraktorenmarkt in 2012 auf
mehr als 500.000 Einheiten geschätzt. Die
dort produzierte Baureihe 5E wird im Übrigen
bereits in 65 Länder exportiert. In
China haben wir schon sechs Werke, in
Kürze kommt ein siebtes dazu. Und der
Bedarf wird weiter steigen, schließlich ist
dort erst ein Mechanisierungsgrad von 25
Prozent erreicht.
JohnDeere ist im Übrigen
auch in der Vergangenheit schonnöfter einmal wegen der verlautbarten
Wachstumsperspektiven scheel angesehen
worden – zu Unrecht, denn mittlerweile
ist das meiste davon eingetroffen.
Helmut Korthöber: Was die Sparte Bauund
Forstmaschinen betrifft, so wird sich
der Konzern hinsichtlich Baumaschinen
vor allem auf außereuropäische Märkte
konzentrieren. Zum einen haben wir Lieferabkommen
mit Herstellern, die die Vermarktung
in Europa ausschließen, und
zum anderen sehen wir auch in den Regionen,
die verstärkt Nahrungsmittel produzieren
werden, einen weitaus höheren
Bedarf für Baumaschinen. Dort müssen ja
auch erst noch die notwendigen Infrastrukturen
geschaffen werden.
Christoph Wigger, Vice President Sales & Marketing
für Europa, CIS, Nord-Afrika und Mittlerer
Osten der Landtechnik- und Turf-Division.
Agrartechnik: Das gerade taufrisch veröffentlichte
Jahresergebnis lässt die Dynamik
erahnen, die in dem Unternehmen
steckt!
Christoph Wigger: Die 23-prozentige Steigerung
in dem am 31. Oktober zu Ende
gegangenen Wirtschaftsjahr hat John
Deere einen Rekordumsatz von über 32
Milliarden Dollar beschert. Was aber mit
Blick auf das Erreichen unserer strategischen
Ziele noch von viel entscheidenderer
Bedeutung ist, ist die 50-prozentige
Steigerung des Jahresüberschusses auf 2,8
Milliarden Dollar. Und das nach Abzug
von 1,2 Milliarden Dollar für Forschung
und Entwicklung beziehungsweise von
über einer Milliarde Dollar für Kapitalinvestitionen.
Und um die Argumentation hinsichtlich
der Bau- und Forstmaschinensparte zu unterstreichen
– hier konnte der Umsatz um
45 Prozent von 3,7 auf über 5,3 Milliarden
Dollar gesteigert werden. Bei der Sparte
Landtechnik und Maschinen für die Rasenund
Grundstückspflege lag die Umsatzsteigerung
mit 21 Prozent deutlich niedriger,
wobei wir dort mehr als zwei Drittel generieren
– nach knapp 20 Milliarden in 2010
waren es über 24 Milliarden in 2011.
Agrartechnik: Die bessere Rendite
scheint in erster Linie durch eine Steigerung
der innerbetrieblichen Effizienz
erzielt worden zu sein, schließlich steht
dem Mehrumsatz von 23 Prozent nur eine
zehnprozentige Personalerhöhung zum
Stichtag auf aktuell 61 278 gegenüber.
Allerdings ist die realisierte Marge von 8,75
Prozent noch weit entfernt von den angestrebten
zwölf Prozent!
Christoph Wigger: Auf unsere Gesamtumsatzsteigerung
sowie das Investitionsvermögen
können wir stolz sein. Bezüglich
der Marge sind wir in der Industrie deutlich
im oberen Drittel anzusiedeln. Auch
hier muss ich nochmals anmerken, dass es
etwas dauert, bis Veränderungen richtig
greifen. Der in den letzten Jahren erfolgte
Umbau des Gesamtkonzerns zeigt schon
mehr als deutlich, wohin die Reise geht.
Die Margensteigerung wird jedenfalls
nicht zu Lasten unserer Kunden erkauft.
Dies würde ja die Konkurrenz auch gar
nicht zulassen, die Preise für unsere Produkte
müssen ohne wenn und aber jederzeit
wettbewerbsfähig sein. Dass unser
Ziel, in allen Sparten Marktführer zu werden,
nur mit der besten Technologie
erreicht werden kann, ist im Konzern
unstrittig. Die Weichen dafür sind schon
seit längerem gestellt.
Helmut Korthöber: Diese Aussage kann
man mit zwei Argumenten untermauern:
Auch wenn andere Hersteller gerne für
sich die Innovationsführerschaft in Anspruch nehmen, es gibt keinen anderen
Hersteller, der in den letzten zehn Jahren
auch nur annähernd so viele Goldund
Silbermedaillen auf der Agritechnica
überreicht bekommen hat. Zu den fünf
Gold- und 21 Silbermedaillen seit 2001
sind in diesem Jahr weitere fünf in Silber
dazu gekommen: für den Active Seat II,
für den Frontlader H, einen automatisierten
Frontlader mit elektrohydraulischer
Parallelführung, für Machine Sync, einer
Optimierungshilfe für die Getreideabfuhr
zwischen Mähdreschern und Traktoren
auf einem oder mehreren Schlägen sowie
für HarvestLab, einer Inhaltsstoffmessung
für Erntegüter bei Feldhäckslern.
Gemeinsam
mit
Grimme haben wir auch noch
eine erhalten für Potato Suite – dahinter
verbirgt sich eine umfangreiche Steuerung
des Traktors durch den Roder für
eine bessere Kartoffelqualität. Und wenn
man sich vor Augen führt, wie viel Geld
unser Konzern jedes Jahr für Forschung
und Entwicklung ausgibt, dann dürfte der
Abstand eher noch größer denn kleiner
werden. Unsere Wettbewerber reden von
Millionenetats,
JohnDeere hat nach einer
17-prozentigen Steigerung im letzten
Wirtschaftsjahr wie bereits erwähnt mehr
als 1,2 Milliarden Dollar für F&E aufgewendet.
Helmut Korthöber, Geschäftsführer des deutschen
John Deere Verkaufshauses in Bruchsal:
"Es gehört nicht zu unserer Strategie, die Zahl
der Standorte zu verringern."
Agrartechnik: Kommen wir zu den Diskussionen
über die Größe der Vertriebspartner
der Zukunft...
Christoph Wigger: Warum diese jetzt so
aufflackern, kann ich eigentlich nicht
wirklich nachvollziehen. Wir haben 2006
in Warschau bei der vorletzten großen
europäischen Produktvorstellung die Veränderungswelle
in Richtung "Vertriebspartner
der Zukunft" angekündigt. Wir
haben unseren Vertriebspartnern schon
lange signalisiert, wohin die Reise gehen
muss. So klar wie wir artikuliert es kein
anderer Hersteller. Die großen, komplexen
Maschinen in Verbindung mit der
künftig verstärkt zum Einsatz kommenden
Telemetrie erfordern ein anderes
Werkstattmanagement. Damit die Vertriebspartner
die Anforderungen der Kunden
auch morgen noch erfüllen können,
benötigen sie ein gewisses Umsatzvolumen.
Wobei wir uns auch im Klaren darüber
sind, dass man die einzelnen Gebiete
unterschiedlich betrachten muss.
Da, wo
keine Mähdrescher oder kaum Häcksler
verkauft werden wie beispielsweise im
Schwarzwald oder im Bayerischen Wald,
ist verständlicherweise ein anderes Volumen
erforderlich. Und es wird kaum
jemand bestreiten, dass
JohnDeere so
konsequent wie kein anderer Hersteller
ausschließlich auf die Vertriebspartner
setzt. Und da ein Produkt nur so gut ist,
wie der Service der dahinter steckt, sind
wir darauf angewiesen, dass sich die Partner
entsprechend entwickeln und fit für
die Zukunft machen. Die anderen Hersteller
stehen vor genau der gleichen Problematik,
gehen damit nur nicht so an die Öffentlichkeit. Auch sie müssen ihre Vertriebsnetze
entsprechend gestalten oder
selbst aktiv am Markt agieren, Stichwort
Direktvertrieb. Hinter vorgehaltener
Hand wird uns öfter bescheinigt, dass wir
den Wettbewerbern um mindestens fünf
Jahre voraus sind, was den Umbau betrifft.
Helmut Korthöber: Es gibt sicherlich viele
Vertriebspartner, die nicht wirklich an die
beschleunigte Umsetzung der Strategien
und damit Strukturen geglaubt haben.
Dabei verhält sich
JohnDeere so transparent
wie kein anderer Hersteller. In Lissabon
haben wir im Juni im Grunde vor
den insgesamt 6 000 Teilnehmern aus 57
Ländern nur noch einmal vertieft, was
seinerzeit in Warschau bereits angekündigt
worden ist. Dabei beschreibt unsere
aktuelle Strategie "Vertriebspartner von
Morgen" vor allem die Notwendigkeit zur
zügigen Umsetzung aufgrund einer sich
sehr schnell verändernden Kundenstruktur,
mit der wir aber vor allem und insbesondere
unsere Vertriebspartner konfrontiert
sind.