Business Wende ohne Ende

Die Solarbranche darf der Profilsuche einzelner Politiker nicht zum Opfer fallen. Falls Wirtschaftsminister Philipp Rösler die Deckelung der Solarvergütung in Deutschland einführt, steht die hiesige Branche vor dem Aus. Ein Kommentar von joule-Chefredakteur Johann Wörle

Johann Wörle, Chefredakteur des Energiemagazins joule und dem Onlineportal agrarheute.com.
Die Berliner Solon AG, einst Vorzeigefirma des deutschen Solar-Wunders, ist pleite. Solon beschäftigt in Deutschland, Italien und den USA insgesamt 800 Mitarbeiter. Von der Insolvenz betroffen seien die deutschen Gesellschaften mit rund 530 Beschäftigten, erklärte eine Sprecherin.
 
Aktien brechen um 60 Prozent ein
 
Solon war bereits 2009 infolge des Preisverfalls für Solarmodule in die Bredouille geraten und hatte im Jahr darauf nur über eine Staatsbürgschaft neue Kreditzusagen erhalten. Der Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern gewährten insgesamt 146 Mio. € an Ausfallbürgschaft. Solon geriet dennoch immer weiter in den Strudel der Branchenkrise.
 
Das Vertrauen der Anleger in die Solarwerte wurde Mitte Dezember damit erneut tief erschüttert: Während Solarworld knapp drei Prozent und die defizitären Q-Cells und Conergy je vier Prozent verloren, brach die Solon-Aktien um über 60 Prozent auf das Jahrestief von 33 Cent ein. Die Pleite des mit über 400 Mio. € verschuldeten Unternehmens komme zwar nicht überraschend, sei aber dennoch ein Belastungsfaktor, sagte ein Börsianer.
 
Die Entwicklung der Branche lässt befürchten, dass Solon nicht das einzige Unternehmen bleiben wird, das mit einer Schieflage zu kämpfen hat. Schuld daran ist der extreme Preisverfall für Module, der mit einem immer härter werdenden Konkurrenzkampf einhergeht. „Selbst schuld!“, hört man jetzt Solar-Kritiker rufen. „Erst Riesenfabriken hinstellen, Jahr für Jahr die Wachstumsraten verdreifachen, unmoralische Renditen auf Kosten der Verbraucher mitnehmen und beim ersten Wind der freien Marktwirtschaft hilflos in die Pleite rasen!“
 
Strom soll bezahlbar bleiben
 
Diese Stimmung ist für politische Profilbestrebungen ein idealer Katalysator. So will der arg gebeutelte Wirtschaftsminister Philipp Rösler mit der geballten FDP-Wirtschaftskompetenz die Solarförderung im kommenden Jahr drastisch kürzen. Ab Juli 2012 will er nur noch neue Solaranlagen bis zu einer Gesamtleistung von 1.000 MW fördern.
 
Strom müsse auch in Zukunft bezahlbar sein, erklärt der Minister seinen Wunschwählern. Richtig sei es seiner Ansicht nach, bei den größten Kostentreibern anzusetzen. „Das ist vor allem die Photovoltaik.“ Neue Anlagen sollen daher ab Juli 2012 nicht mehr gefördert werden, wenn die in ganz Deutschland neu installierte Leistung die Grenze von 1.000 MW erreicht hat.
 
Das Problem eines solchen Deckels: Niemand, der eine Solaranlage auf dem Dach anbringen oder einen Solarpark bauen will, weiß, ob die 1.000 MW bis zum Netzanschluss bereits erreicht sind und somit überhaupt noch eine Refinanzierung möglich ist. Eine Begrenzung könnte Branchenprognosen zufolge den Solarmarkt um 90 Prozent einbrechen lassen und zahlreiche Firmen in Mittelstand und Handwerk die Existenz kosten - gegenwärtig hängen in Deutschland weit über 100.000 Arbeitsplätze an der Solarbranche.
 
Publikumswirksamer Sündenbock 
 
Eine dieser treibenden Kräfte des Mittelstandes ist Bernd Reisinger, Chef der süddeutschen „Reisinger-Solargruppe“. Er hält es für einen Skandal, dass rund 600 große Unternehmen mit einem Verbrauch von 87 Terawattstunden von der EEG-Umlage befreit sind - das entspricht rund 15 Prozent des Verbrauchs der Bundesrepublik: „Dabei handelt es sich um energieintensive Unternehmen, die ihren eigenen Strom mit alten Kohlekraftwerken produzieren. Das treibt die Stromkosten für die Haushalte in die Höhe, dennoch steht die Photovoltaik wegen publikumswirksamer Aussagen als Sündenbock da.“
 
Kurios wird die Diskussion, wenn EU-Energiekommissar Günther Oettinger die Atomkraft als „wichtigen Faktor“ bezeichnet und in seiner „Energy-Roadmap 2050“ ein Szenario für den Neubau von bis zu 40 EU-Atomkraftwerken allein bis 2030 vorsieht - selbstverständlich mit staatlicher Förderung und selbstverständlich ohne Rücksicht auf eine „Energiewende“ - womit Deutschland in ein energiepolitisches Inseldasein getrieben würde.
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