Samstag, 04.02.2012
Studie: Klimawandel lässt Getreideernten schrumpfen
Stanford/Braunschweig - Der Klimawandel lässt die Getreideernten weltweit schrumpfen. Das ist das Ergebnis von Ernte- und Klimaauswertungen der vergangenen 30 Jahre, die jetzt veröffentlicht wurden.
Schonender Umgang mit Energiereserven in der Landwirtschaft: Auch energiesparende Landmaschinen tragen dazu bei.
© Mühlhausen/landpixel.de
Untersuchungen von Forschern der US-Universitäten Stanford und Columbia zufolge, die im Fachjournal "Science" veröffentlicht wurden, hat die Landwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren weltweit 5,5 Prozent weniger Weizen produziert, als ohne Klimawandel möglich gewesen wäre. Das bedeute einen absoluten Ausfall von 33 Millionen Tonnen und komme damit dem gleich, was Frankreich in einem Jahr an Weizen produziere.
Den weltweiten Ertrag von Mais habe der Klimawandel um knapp vier Prozent und damit um 23 Millionen Tonnen verringert. Dadurch seien die Lebensmittelpreise um über sechs Prozent gestiegen, haben die Wissenschaftler berechnet.
Ein Grad Temperaturanstieg entspricht zehn Prozent geringerer Ernte
David Lobell und seine beiden Kollegen haben sich die Ernten aller
getreideproduzierenden Länder weltweit zwischen 1980 und 2008 genauer
angesehen und die Temperaturen ausgewertet, die dort jeweils in diesen
Jahren gemessen wurden.
In fast allen Ländern, die Mais und Weizen
anbauen, seien die Temperaturen seit 1980 angestiegen, schreiben die
Forscher. Außerdem zeigten ihre Modellberechnungen: Je wärmer ein Land
ist, desto geringer fallen die Ernteerträge aus. Steigt die Temperatur
um ein Grad Celsius, sinken die Ausbeuten parallel dazu um bis zu zehn
Prozent.
Zwar ermöglicht der Fortschritt im Agrarbereich heutzutage sehr
viel höhere Ausbeuten als vor einigen Jahrzehnten, aber "zehn Jahre
Klimawandel haben den gleichen Effekt wie ein Rückschlag im
Technologiegewinn von etwa einem Jahr", heißt es in "Science".
Erträge bei Soja und Reis nicht betroffen
Hingegen
habe der Klimawandel die weltweiten Erträge von Sojabohnen und Reis
nicht verschlechtert; hier hätten sich Gewinner und Verlierer
größtenteils aufgewogen. In höheren Breiten, also kälteren Ländern, habe
der Klimawandel die Reisernte sogar verbessert: Reis braucht relativ
hohe gleichbleibende Temperaturen, um zu wachsen.
Die USA sei eines der
wenigen Länder, in dem die Durchschnittstemperaturen in den letzten
dreißig Jahren nicht gestiegen, sondern sogar leicht gesunken seien. Als
Folge finden die Wissenschaftler dort keine Einbußen in den
Ernteerträgen. Natürlich seien ihre Berechnungen lediglich Modelle und
hätten ihre Grenzen, schreibt das Team um Lobell: "Unser Ansatz könnte
zu pessimistisch sein, weil er nicht berücksichtigt, dass sich die
Landwirte an den Klimawandel anpassen, beispielsweise ihre Felder in
kühlere Regionen ausdehnen, neue Pflanzenarten verwenden oder früher im
Jahr anpflanzen."
Wissenschaftler: Trockenheit Vorbote für Jahreszeitenverschiebung
Georg von Wühlisch, Wissenschaftler am Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischer in Braunschweig, geht indes davon aus, dass die aktuelle Trockenperiode in Deutschland der Vorbote für eine Jahreszeitenverschiebung sein. "Alles deutet darauf hin, dass es in Deutschland früher Frühling und später Herbst wird", sagt von Wühlisch.
Die hohen Temperaturen und der geringe Regen im April und Mai seien zwar nicht ungewöhnlich, aber der Trend zu einem längeren Sommer mit Blick auf die vergangenen Jahre sei zu merken.
Langfristige Folgen werde die Trockenheit durch die Jahreszeitenverschiebung vor allem auf die Zusammensetzung der Wälder haben, sagte der Wissenschaftler.
Künftig zwei Ernten möglich?
Auch auf die Felder werde sich die Trockenheit auswirken: Dadurch
steige Gefahr von Sandstürmen.
Abhilfe können nach Meinung des Experten sogenannte "Agroforstsysteme"
schaffen. Auf sandigen Feldern werden zwischen die Nutzpflanzen wie
Mais, Raps oder
Gerste rund zwölf Meter breite Baumreihen gepflanzt.
"Die Gehölzstreifen verringern die Winderosionsbildung", meint von
Wühlisch. Der Wind werde durch die Bäume gebremst und der Sand weniger
aufgewirbelt. Derzeit erforscht der Forstexperte,
inwieweit sich Agroforstsysteme in ehemaligen Kohleanbaugebieten in
Brandenburg umsetzen lassen. "Brandenburg ist die trockenste Region in
Deutschland."
Durch die Jahreszeitenverschiebung und die länger werdende
Vegetationsperiode sieht von Wühlisch jedoch auch neue Möglichkeiten für
die deutsche Landwirtschaft. "Möglicherweise lassen sich in Deutschland
zukünftig zwei Fruchtarten pro Jahr anbauen und entsprechend zweimal
jährlich ernten."
dpa/pd
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