Mit der zum Jahreswechsel bevorstehenden Zertifizierungspflicht für Biokraftstoffe hat der Wettbewerb um die nachhaltig produzierten Agrarrohstoffe für den Tank begonnen. Gleichzeitig rufen Biosprithersteller weiter nach Verbesserungen an den Nachhaltigkeitsvorschriften.
Sie gelten zwar schon in wenigen Wochen EU-weit, national wurden sie aber bisher nur von Deutschland und Österreich umgesetzt. Das ist vergangene Woche Mittwoch bei einer Tagung der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) in Berlin deutlich geworden. Johannes Daum vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) sieht aufgrund der bisher fehlenden Umsetzung der EU-Vorschriften Unsicherheiten im Binnenmarkt. Der Import von Raps nach Deutschland sei fast zum Erliegen gekommen.
Nachbesserungsbedarf an den in Deutschland geltenden Nachhaltigkeitsvorschriften hält Daum mit Blick auf das Massenbilanzierungssystem für notwendig, durch das zwischen nachhaltiger und konventioneller Ware unterschieden wird. Hier will er den Spielraum, der für die Unternehmen zur Abgleichung der zwei verschiedenen Warenströme besteht, von drei Monaten auf ein Jahr erhöhen.
Dies soll auch dazu dienen, die Gefahr von Rohstoffengpässen zu bannen. Eine ähnliche Position vertritt die Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (UFOP). Ein Massenbilanzierungszeitraum bis Ende Juni 2011 würde auf der Rohstofferzeugungs- und Erfassungsstufe angesichts der Vielzahl zu zertifizierender Unternehmen den Zeitdruck nehmen, erklärte der Verband.
Von einem Handeln unter sehr hohem Zeitdruck wegen der geringen Umsetzungsfrist für die Nachhaltigkeitsstandards sprach Dr. Andrea Wenzel von der BayWa AG bei der FNR-Veranstaltung. „Es wurde ein komplexes, kontrolllastiges und kostenintensives System geschaffen, das in vielen Punkten vereinfacht und an die Bedürfnisse der Praxis angepasst werden muss, um im europäischen Wettbewerb keine Nachteile zu erleiden“, betonte die Leiterin des Qualitätsmanagements Agrar.
Schwer vermittelbar
Die Vor-Ort-Kontrolle der landwirtschaftlichen Betriebe sieht Wenzel mit erheblichem finanziellen Aufwand behaftet. Sie seien den Landwirten auch nur schwer zu vermitteln. „Diese Kontrollen bringen inhaltlich keinen Mehrwert, sondern dokumentieren nur den bestehenden Status Quo“, konstatierte Wenzel. Daher sollten die Vor-Ort-Kontrollen durch die Cross Compliance-Prüfungen abgedeckt werden. Die Aktivitäten der Agrarminister der Bundesländer, die Vor-Ort-Kontrollen zu vereinfachen, indem andere Kontrollen anerkannt würden, wiesen in die richtige Richtung.
Mit Blick auf die Bereitstellung zertifizierter Agrarrohstoffe sprach FNR-Geschäftsführer Dr. Andreas Schütte von einem großen Spektrum an Prognosen, das von einer Gruppe, die keine Probleme bei der Rohstoffversorgung befürchtet bis hin zu Marktteilnehmern reicht, die Engpässe erwarten. Das Problem liege bei den Ersterfassern. Es lasse sich nicht sagen, welche Mengen tatsächlich hinter den zertifizierten Betrieben stünden.
Viele offene Fragen
Der FNR-Geschäftsführer sieht bei der Zertifizierung insgesamt noch viele offene Fragen. Er sieht nunmehr die EU-Kommission, aber auch die nationalen Stellen in der Verantwortung, diese offenen Punkte zu klären. Dass die Befindlichkeiten in der Biokraftstoffbranche variieren, zeigen Unterschiede zwischen Ottomotor- und Dieselsparte. So haben die großen Bioethanolhersteller in Deutschland, Südzucker, Nordzucker und Verbio, bereits ihre Nachhaltigkeitszertifizierung bekanntgegeben. Bedenken zur künftigen Rohstoffversorgung kommen hingegen aus der Biodieselsparte. So warnte VDB-Experte Daum vor einem Stocken des Warenflusses in der Lieferkette bei Biodiesel.
Dr. Norbert Schmitz vom ISCC als einem von zwei zugelassenen Zertifizierungssystemen in Deutschland gab in Berlin einen Überblick über die bisherigen Anstrengungen zur Bescheinigung der umweltfreundlichen Produktion von Bioenergie. Bis Mitte Oktober seien mehr als 140 Unternehmen für die ISCC-Zertifizierung registriert worden. Insgesamt seien fast 49 ISCC-Zertifikate ausgestellt worden, davon nahezu die Hälfte in Deutschland.
Bei REDCert, das von großen deutschen Agrarverbänden gestützt wird, liegt der Fokus auf Deutschland bzw. europäischen Nachbarländern. Nach eigenen Angaben kann REDCert bisher 255 zertifizierte Betriebe vorweisen, darunter Regionalzentralen großer Landhandelsunternehmen wie BayWa und RWZ. Die Ausstellung zahlreicher weiterer Zertifikate ist in den nächsten Wochen zu erwarten, denn zwischen der eigentlichen Kontrolle und der Erlangung des Zertifikats liegt üblicherweise etwa ein Monat.
Hoher Aufwand
Als Herausforderungen im Tagesgeschäft und Bedarf für Weiterentwicklungen benannte ISCC-Chef Schmitz unter anderem eine Lösung für Kleinbauern und Kleinbetriebe. Zudem bemängelte er einen hohen Aufwand für Auditoren durch verpflichtende Berichte für die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) parallel zu den Verfahrensanweisungen der Zertifizierungssysteme. Vor einer Behinderung des Handels mit Agrarrohstoffen warnt unterdessen die UFOP und beruft sich dabei auf eine Einschätzung von Ian Backhouse vom britischen Bauernverband (NFU).
Um sicherzustellen, dass sich die Schwierigkeiten auf den Märkten für das Wirtschaftsjahr 2011/12 nicht wiederholten, würden die Bauernverbände und Genossenschaften in einem Schreiben von Backhouse gebeten, sicherzustellen, dass die Dokumente, insbesondere die Selbsterklärung der Landwirte, diesen Herbst ausgefüllt würden, betonte die UFOP.
An die EU-Kommission appelliert sie, für die Ernte 2010 eine angemessene Übergangsregelung zu schaffen beziehungsweise schnellstmöglich die eingereichten freiwilligen Zertifizierungssysteme anzuerkennen, wenn diese die Anforderungen erfüllen.
Kraftstoffe: Nachbesserung gewünscht