Forst Bei den Edellaubhölzern wird es eng

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Aufmerksamen Waldbesuchern ist es sicher schon aufgefallen: Mit den Eschen stimmt etwas nicht: trockene Äste durchziehen eine ansonsten grüne Krone. Jungen, teils nur mannshohen Bäumen sterben Teile der Krone ab. Die Kronen älterer Eschen sind nur noch innen grün, außen aber abgetrocknet. Das Phänomen heißt Eschentriebsterben und es hat bedenkliche Ausmaße angenommen. So droht dem Edellaubholzanbau nach der Ulme eine weitere Baumart verloren zu gehen.

In ansonsten grünen Eschen werden nach dem Befall mit dem Stengelbecherchen einzelne Äste völlig trocken. Foto: Weigel
 
Besonders heftig und in diesem Jahr noch einmal verstärkt sind die Symptome im Niedersächsischen Forstamt Oldendorf zu beobachten. Die Esche zeigt Absterbeerscheinungen in allen Altern und auf unterschiedlichen Standorten. Mehr noch: Eschenkulturen, die im Forstamtsbereich Oldendorf, im NSG „Hohenstein“ oder in der Försterei Rinteln nach dem Sturm „Kyrill“ begründet wurden, sind großflächig abgestorben und wollen sich nicht mehr recht erholen, wenn man von wenigen Blättern, die wieder ausschlagen, einmal absieht.

Das Problem: „Chalara“

Verantwortlich für diese Entwicklung ist ein Pilz mit dem wissenschaftlichen Namen „
Chalara fraxinea“, der als sogenannte Nebenfruchtform des bereits seit 1850 bekannten „Weißen Stengelbecherchens“ auftritt. Bei Pilzen sieht diese ungeschlechtliche „Nebenfruchtform“ oft ganz anders aus als die geschlechtlich gebildete „Hauptfruchtform“. Daher braucht es meistens eine gewisse Zeit, bis eine gefundene Nebenfruchtform einer Hauptfruchtform (das ist meist das, was der Laie als „Pilz“ bezeichnet) zugeordnet ist. Das Weiße Stengelbecherchen, also die Hauptfruchtform, wird nur drei mm groß und besiedelt abgefallene Eschenblätter an deren Stengel. Somit ist der Pilz, der übrigens in der Literatur als eher selten gilt, eigentlich aus der Gruppe der Zersetzer und damit bisher als recht harmlos bekannt.

Eingewandert in unsere Region ist Chalara aus den baltischen Staaten, wo die Art auch in ihrer neuen, krankheitsverursachenden Form zunächst beschrieben worden ist. In unsere Region soll der Pilz dann über infiziertes Baumschulmaterial gekommen sein, was die Ausbreitung der Art natürlich erheblich beschleunigt hat. Was den bisherigen Zersetzer veranlasst hat, pathogen (krankheitserregend) aufzutreten, ist unbekannt.

Erkennungsmerkmale

Zunächst fällt auf, dass die Eschen - wie oben beschrieben - zunächst teilweise, dann aber immer stärker absterben: Zweige, die im Frühjahr ganz normal ausgetrieben sind, welken plötzlich, die Blätter hängen schlaff und braun am Zweig herunter. Der Zweig belaubt sich nicht wieder. Unterhalb der welken Stelle kann man eine auffallende rötlich-graue Verfärbung an der Rinde feststellen (s. Foto S. 60). Der Pilz wird über Sporen durch den Wind verbreitet. Möglicherweise tritt er an Knospen, über Blätter und Blattnarben in das Holz, das sich an der Eintrittsstelle rasch braun färbt, ein. Die Verfärbung ist bei älteren Bäumen deutlich weitgehender im Holz als die durch den Pilz oberflächlich als Nekrose sichtbare Schadstelle. Offenbar braucht der Pilz keine Verletzungen als Eintrittspforten und kann so recht schnell den Baum besiedeln. Absterbeerscheinungen an jungen Bäumen sind häufig mit krebsartigen Schadstellen am Stamm verbunden.

Das Pilzgeflecht (Mycel) wächst dann in den Wasserleitungsbahnen der Esche entlang. Der Baum wehrt sich und verschließt die Wasserleitungsbahnen. In der Folge erhält auch der Baum kein Wasser mehr, was zu der beschriebenen Welke führt. Die Symptome und Wirkweise sind ähnlich wie beim schon seit mehreren Jahrzehnten bekannten „Ulmensterben“, das durch einen ähnlich wirkenden Pilz verursacht wird.

Waldbauliche Folgen

Kulturen: Die gravierendste Auswirkung ist derzeit, dass die aktive Pflanzung von Eschen nicht mehr empfohlen werden kann. Zu groß ist die Befürchtung mit Baumschulware den Pilz unerkannt in die Bestände zu holen. Aber auch gesunde Bestände, die in der Nähe von infizierten stehen, sind schon nach kurzer Zeit ebenfalls befallen worden. Nach Darstellung der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt braucht der Pilz manchmal mehr als ein halbes Jahr von der Infektion bis zum Sichtbarwerden der Symptome.

Gerade auf reichen und sehr reichen Standorten stellt der Verzicht auf Eschen den Waldbauern vor große Probleme: schon der Verzicht auf die Bergulme wegen des Ulmensterbens bedeutete eine erhebliche Verringerung der waldbaulichen Möglichkeiten auf typischen Edellaubholzstandorten. Nachdem nun bis auf weiteres der Eschenanbau bzw. die Übernahme großflächiger Eschennaturverjüngungen problematisch ist, sind als Edellaubholzarten nur noch die Vogelkirsche, der Bergahorn und gegebenenfalls auf kleinen Flächen die Elsbeere „im Rennen“.
 

Hinsichtlich der Kirsche und der Elsbeere ist allerdings ein Verbissschutz gegen Rehwild unverzichtbar. Im Forstamt Oldendorf wird der Bergahorn lediglich durch Klammern am Stamm oder Hinzufügen eines Bambusstockes vor fegenden Rehböcken geschützt. Aber abgesehen von bisweilen auftretenden Engpässen an geeignetem Pflanzmaterial - wer will schon im Zeichen des Klimawandels nur auf eine oder zwei Baumarten auf diesen wertvollen Standorten setzen?

Natürlich kann man auch die Buche unter einem Schirm verjüngen, da diese auf reichen Standorten bei ausreichender Wasserversorgung sehr gut wächst. Auf Freiflächen (Windwürfe, Käferbefall in der Fichte) begründete Buchenkulturen zeigen allerdings meist mangelndes Wuchsverhalten und Qualität. Zudem machen Graskonkurrenz und häufig die damit verbundene Mäusepopulation selbst älteren Buchen noch das Leben schwer. So sind die Edellaubhölzer auf Freiflächen an reichen (Kalk-)standorten die bisher in den Niedersächsischen Landesforsten bevorzugte waldbauliche Wahl.

In diesem Frühjahr wurden größere Flächen abgestorbener Eschenkulturen, die nach dem Sturm „Kyrill“ auf Freiflächen begründet worden waren, in Lärchenbestände (Europäische Lärche) umgebaut. Dieses ist aber nur auf Flächen ohne Naturschutzbindung (etwa FFH-Gebiet oder Naturschutzgebiet) möglich, weil sonst in der Regel ausschließlich einheimische Baumarten gestattet sind. In geschützten Gebieten empfiehlt sich daher lediglich eine Mischung aus Bergahorn und gegebenenfalls Kirsche in einem Buchengrundbestand.

Durchforstungsbestände: Edellaubholzreiche Buchenbestände im Stangenholzalter werden in der Regel einer „Z-Baum“-Auswahl („Zukunftsbäume“) unterzogen. Das bedeutet, dass man etwa 120 bis 140 Bäume bester Qualität auswählt und diese dann im Hinblick auf einen hohen Zuwachs freistellt und gegenüber ihren Konkurrenten fördert. Mit dieser Maßnahme hofft man festlegen zu können, welche der jetzt etwa 30-jährigen Bäume 100 Jahre später die Hauptleistung und den höchsten Wert im Bestand verkörpern werden. Natürlich werden die Z-Bäume im Laufe der weiteren Durchforstungen darauf geprüft, ob sie tatsächlich so viel versprechend sind wie es bei der Auswahl erschien.

Bei der Wahl der Z-Bäume hat die Esche, wenn sie qualitativ gut war, bisher natürlich eine große Rolle gespielt. Derzeit trauen wir ihr aber nicht zu, noch mehrere Jahrzehnte in den Beständen zu überdauern. Obwohl man in früheren Durchforstungsgängen auf Eschen gesetzt hat, müssen wir doch nun auf Individuen anderer Baumarten, die oft zugunsten der Esche nicht so stark gefördert wurden, „umsatteln“. Wenn nun also im Umfeld einer kränkelnden Esche ein Bergahorn, eine Kirsche oder eine Buche steht, so wird diese in künftigen Durchforstungsgängen im Mittelpunkt des waldbaulichen Interesses stehen und entsprechend gefördert.

Altbestände: Positiv ist zu bemerken, dass es offenbar eine unterschiedliche Befallsneigung bei den Eschen gibt. Daher sollten gesunde Eschen in jedem Fall im Bestand verbleiben, schon um ihre Naturverjüngung auch weiterhin im Bestand zu haben. Immerhin bleibt die Hoffnung, dass es einzelne Individuen gibt, die sich gegen den Pilz behaupten können oder zumindest eine geringere Anfälligkeit zeigen.

Allerdings sollten Altbäume, die die typischen Symptome des Eschentrieb-sterbens aufweisen, geerntet werden, da die Verfärbung des Holzes weitergehen und zu einer Entwertung des Stammes führen wird. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass einmal befallene Stämme den Pilz in den nächsten Jahren werden „abschütteln“ können.

Das derzeit um sich greifende Eschentriebsterben befällt Eschen aller Altersstufen und auf allen Standorten. Leider ist keine wie auch immer geartete, im Wald praktikable Gegenmaßnahme in Sicht. Es ist daher zu empfehlen, auf andere (Edellaub)-Baumarten zu wechseln (z.B.: Bergahorn, Kirsche, Buche) und diese waldbaulich zu fördern. Auf Freiflächen reicher Standorte kommt als Ersatz auch die Europäische Lärche in Mischung mit Buche in Betracht.
Es ist wohl nicht zu erwarten, dass die Esche durch den Pilz aussterben wird, weil sie durch Naturverjüngung immer im Nachwuchs vorhanden sein wird. Allerdings kann auch derzeit nicht abgesehen werden, wann es eine Eschensorte geben wird, die gegen den Pilz Chalara fraxinea resistent ist. Die Forstliche Versuchsanstalten der Länder berichten regelmäßig im Internet über den Fortgang der Forschungen über diesen und andere Schadorganismen.
 
 
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