Sonderthemen Erfahrungen mit neuer Biogaspflanze

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Eine attraktive, gelb blühende Pflanze könnte eine echte Alternative zum Mais werden: Die Durchwachsene Silphie bietet im Ertrag der bisherigen Biogas-Pflanze Nr. 1 Paroli. Gerade auch für den Nordwesten Niedersachsens, in dem der Maisanbau in diesem Jahr noch einmal zugenommen hat, werden dringend weitere Energiepflanzen zur Biogasproduktion gesucht.

René Kolbe von der Agrarkooperation Pahren im thüringischen Vogtland sammelt bereits seit 2007 Erfahrungen mit der Durchwachsenen Silphie.
 
Landwirte, die Interesse am Anbau der Durchwachsenen Silphie haben, können sich bei der Landwirtschaftskammer melden. Aus pflanzenbaulicher wie ökologischer Sicht bietet die „Durchwachsene Silphie“ viele Vorteile. Sie ist ein ausdauernder Korbblütler mit einer Wuchshöhe von bis zu 3 m. Sie stammt aus den gemäßigten Regionen Nordamerikas, hat keine besonderen Klimaansprüche und gedeiht auch auf frischeren Böden. So wächst sie auch unter hiesigen Bedingungen üppig. Die Ernte erfolgt im Herbst mit einem reihenunabhängigen Maishäcksler. „Der fährt da durch wie durch Butter“, schwärmt Michael Conrad, der bei der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) für die noch neue Energiepflanze zuständig ist.

Über Jahrzehnte existierte die auch Becher- oder Kompasspflanze genannte Durchwachsene Silphie praktisch nur als schmucke Staude in Privatgärten. In der DDR wurden in den 70er Jahren Versuche unternommen, sie als Futterpflanze zu kultivieren. Nun setzt man darauf, in einem von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) geförderten Verbundprojekt an der TLL die Durchwachsene Silphie als Energiepflanze durch Züchtung weiterzuentwickeln und das Anbauverfahren zu optimieren.

So wird derzeit an einer Direktsaatmethode gearbeitet, erläutert Michael Conrad: „Ziel ist es, das Saatgut wie Mais ausdrillen zu können.“ Dazu muss das Saatgut vorbehandelt werden, auch weil es sich bei der Pflanze um einen Wechsel- und Kaltkeimer handelt. Die bisherigen Versuche mit der Direktsaat führten zu einem lückenhaften Bestand. „Hier gibt es noch Forschungsbedarf“, so Conrad. In zwei bis drei Jahren dürfte das Verfahren praxisreif sein.
Kosten von 5.000 € je ha
Die Kosten für das Etablieren eines Bestandes beziffert er auf 5 000 Euro/ha. Wegen der langsamen Keimung der unregelmäßig geformten, scharfkantigen Samen wird derzeit noch eine Pflanzung vorkultivierter Jungpflanzen empfohlen. Praxisbetriebe setzen je ha etwa 40.000 Pflanzen, die mit üblichen Gemüsepflanzmaschinen mit einem Abstand von 50 x 50 cm in die Erde kommen.

Im ersten Jahr bilden die Pflanzen zunächst eine Blattrosette. Der Bestand ist dann noch relativ konkurrenzschwach gegenüber Wildkräutern, hat René Kolbe von der Agrarkooperation Pahren festgestellt. Der Großbetrieb im thüringischen Vogtland hat bereits seit 2007 Erfahrungen im Anbau mit der neuen Energiepflanze. Pflanzenschutzmittel können nur mit einer Ausnahmegenehmigung nach § 18 b des Pflanzenschutzgesetzes verwendet werden. Alternativ ist eine mechanische Unkrautregulierung möglich.

Im zweiten Jahr ist der Bestand dann schon so dicht, dass keine weiteren Pflanzenschutzmaßnahmen mehr erforderlich sind. Die Bestandesführung mit den vorgezogenen Jungpflanzen ist sicher, hebt Kolbe hervor. In Thüringen erhalten die Pflanzen eine Düngung von 140 kg N/ha, die zum großen Teil mit Gärresten aus der Biogasanlage erfolgt. Da es sich um eine mehrjährige Kultur handelt, ist ein Befahren des Bestandes bereits im zeitigen Frühjahr möglich - ein Vorteil, wenn der Lagerraum für die Gärreste knapp ist. Weil die Pflanze auch im Spätherbst noch wächst, können selbst dann noch 10 bis 15 m3 Gärrest/ha ausgebracht werden.

Überhaupt erweist sich die Pflanze als robust, so Kolbe: „Das Befahren mit schweren Maschinen macht ihr nichts aus. Auch Schäden durch Schnecken oder Mäuse haben wir nicht festgestellt.“ Und trotz des letzten kalten Winters sind fast keine Pflanzen erfroren.
René Kolbe macht auf einen weiteren wichtigen Vorteil aufmerksam: die lange Nutzungsdauer. „Einmal pflanzen, zehn Jahre ernten“, bringt der Geschäftsführer der Agrarkooperation Pahren den Vorzug gegenüber Mais auf den Punkt. Möglich erscheint eine Nutzungsdauer von bis zu 20 Jahren, doch da muss bei Pachtflächen auch der Eigentümer mitspielen.

In diesem Jahr mit erneut ausgeprägter Vorsommertrockenheit wuchs die „Durchwachsene Silphie“ dem Mais förmlich davon. „An unserem Energiepflanzentag Anfang Juli war sie schon 2,5 m hoch, während der Mais vor sich hin kümmerte“, erzählt Conrad. Mit einem jährlichen Niederschlag von 350 bis 450 mm kommt die Pflanze aus, denn sie ist sogar in der Lage, sich auch aus dem Tau zu versorgen, der sich in den Blattachseln wie in Bechern (daher auch der Name der Pflanze) sammelt.

Ernte vor dem Mais
Geerntet wird die Silphie in Thüringen etwa 14 Tage vor dem Mais bei einem TS-Gehalt von 28 %. Da das Erntegut sehr blattreich ist, empfiehlt Kolbe, maximal bis zu einem TS-Gehalt von 30 % zu warten: „Sonst werden die Blätter zu trocken, was zu Verlusten führt.“
 
Arbeitswirtschaftlich wirkt sich die im Vergleich zu Mais vorgezogene Ernte positiv aus, denn so kann die Arbeitsspitze Silomaisernte gebrochen werden und die Auslastung der Häcksler lässt sich steigern. „Selbst in einem guten Maisjahr erzielen wir mit der Silphie einen um 20 % höheren Ertrag“, berichtet René Kolbe. In der Praxis wurden 2009 in Pahren 360 dt FM/ha geerntet. Nachteilig ist allerdings ein im Vergleich zum Mais um 10 % geringerer Methanertrag (320 l/kg oTS), wie in Batchversuchen an der TLL festgestellt wurde. In der Biogasanlage in Pahren wurden beim Einsatz im Fermenter keine Nachteile festgestellt. Siliert wurde die Energiepflanze hier in Folienschläuchen.

Durch ihre lange Blütezeit von Ende Juni bis in den September hinein ist die Durchwachsene Silphie darüber hinaus eine ausgezeichnete Bienenweide und ein Refugium für Insekten. Sie könnte als neue Biogaspflanze auch dazu beitragen, das bei Imkern und Naturschützern etwas angekratzte Image der Biomasseproduktion aufzupolieren. Und anders als bei Blühstreifen, deren Aufwuchs zur Maisernte bereits vertrocknet und für die Biogasproduktion damit unbrauchbar ist, steht hier das gesamte Pflanzenmaterial zur Verfügung.

Nur gute Eigenschaften
„Die Silphie bietet viele Effekte, die sich nicht in Euro und Cent beziffern lassen“, hebt Kolbe hervor. So trägt sie durch die intensive Wurzelbildung auch zum Erosionsschutz bei. Grenzstandorte, die für den Mais nicht in Frage kommen, lassen sich für den Biomasseanbau erschließen. „Die Pflanze ist durchaus eine gute Alternative für leichte Standorte mit weniger als 30 Bodenpunkten“, betont Frerich Wilken von der LWK Niedersachsen in Oldenburg.

Hervorragend geeignet ist sie aus seiner Sicht für Ökobetriebe oder Gewässerrandstreifen, auf denen Dünge- und Pflanzenschutzmittel nicht zum Einsatz kommen dürfen. Geeignet sind auch vom Betrieb weiter entfernte Schläge oder kleine und verwinkelte Flächen, die sich nur schwer bearbeiten lassen.

Selbst nach intensivem Überlegen fällt René Kolbe nichts Negatives zur Durchwachsenen Silphie ein: „Sie hat eigentlich keine Eigenschaft, die mich stört.“ Als Züchtungsziel könnte er sich eine noch höhere Ausbeute (mehr Blattmasse oder Methanertrag) vorstellen. In einem 2010 begonnenen züchterischen Programm werden vor allem Pflanzen mit einem hohen Blattanteil und geringerer Lignifizierung (Verholzung) selektiert und damit homogeneres Pflanzenmaterial mit besserer Zusammensetzung der Inhaltsstoffe bei mindestens gleich hohen Erträgen erzeugt, um die Leistungsfähigkeit dieser Pflanzen weiter zu steigern.

Gut wäre aus seiner Sicht auch, wenn bei der Direktsaat der Durchbruch gelänge. Bislang gibt es erst einen Anbieter für Pflanzgut, die Erfurter Firma N.L. Chrestensen. Eine Herausforderung ist nach Firmenangaben auch das Gewinnen ausreichender Mengen Saatgut: Für eine Million Jungpflanzen werden 30 bis 40 kg Saatgut benötigt, die derzeit noch aufwändig mit der Hand geerntet werden müssen.

Bundesweit steht die Pflanze in diesem Jahr auf 50 ha. In Niedersachsen wird die Dauerkultur nach Angaben des Kompetenzzentrums 3N auf mittlerweile 10 ha angebaut. In diesem Jahr steht sie zudem auf drei Energiepflanzen-Versuchsstandorten der LWK. „Wir suchen noch Landwirte, die mit mindestens 0,5 ha in den Anbau einsteigen wollen“, sagt Frerich Wilken. So könnten weitere Anbauerfahrungen gesammelt werden.
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