Geld & Recht Den Ertrag bei Milchvieh absichern

Ist eine Ertragsschadenversicherung für Milchkühe notwendig und bezahlbar? Wir haben für Sie nachgerechnet. Orientieren Sie sich anhand des folgenden Beispiels.

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Der Versicherungsschutz muss exakt auf den jeweiligen Betrieb abgestimmt sein, sonst fällt er eventuell deutlich zu niedrig aus.
Landwirt Marco Meyer hat 300 Milchkühe mit Nachzucht. Er hat 500.000 Euro Verbindlichkeiten und mehrere Mitarbeiter. Daraus resultieren neben den variablen Kosten der Milchproduktion feste regelmäßige Zahlungsverpflichtungen. Ein Ertragsausfall würde also schnell zu einem Liquiditätsengpass und gefährdet damit die betriebliche Existenz. Für solche Risiken empfiehlt sich die Absicherung in Form einer Versicherung. Spezialisierungsgrad und Fremdkapitalbelastung spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Was bei Verdacht passiert

Aus der Diskussion mit einem Amtstierarzt hat Meyer erfahren, dass die Milch im Falle eines Tuberkuloseverdachtes nicht amtlich gesperrt ist. Aus dem Schreiben der Molkerei geht aber hervor, dass sie schon bei einem Verdacht nicht mehr abgeholt wird. Die Exportzertifikate der Molkereien fordern Milch aus amtlich anerkannt tuberkulosefreien Rinderbeständen. Diesen Status verliert ein Betrieb schon bei Verdacht auf Tuberkulose. Deshalb kann die Molkerei die Milch nicht mehr verwenden, ohne ihren Export zu gefährden. Selbst bei unbegründetem Tuberkuloseverdacht wird der Betrieb erst nach mehreren Untersuchungen wieder als amtlich frei von Tuberkulose anerkannt. Das dauert mindestens acht Wochen. Nach acht Wochen ohne Milchgeld bei voll weiter laufenden Kosten ist der Betrieb von Herrn Meyer in akuter Existenzgefahr. Die Tierseuchenkasse zahlt in diesem Fall nicht. Nur bei amtlich festgestellter Tuberkulose zahlt die Tierseuchenkasse den gemeinen Wert der geschlachteten Tiere. Doch selbst dann wird der immense Ertragsausfall (Milchgeld) nicht entschädigt.

Herr Meyer selbst stuft das Risiko einer anzeigepflichtigen Tierseuche eher als unwahrscheinlich ein, hält aber eine Absicherung dennoch für notwendig. Er will sich beim Abschluss einer Ertragsschadenversicherung schriftlich zusichern lassen, dass ein Ertragsausfall auch bei nicht amtlich angeordneten Lieferbeschränkungen wie beim Tuberkuloseverdacht abgedeckt ist.

Was absicherbar ist

Ertragsschadenversicherungen im Milchviehbereich werden derzeit von vier Versicherern angeboten: Das sind die Vereinigte Tierversicherung (VTV), LVM, Mitversicherungsgemeinschaft Tier (MVG-Tier) und Münchener & Magdeburger. Deren Versicherungsumfänge sind allderding schwer vergleichbar. Der Versicherungsschutz muss exakt auf den jeweiligen Betrieb abgestimmt sein, weshalb es nicht die eine, richtige Ertragsschadenversicherung für alle Milchviehbetriebe geben kann.

Versicherungsschutz können Landwirte für die folgenden Risiken erhalten: Anzeigepflichtige Tierseuchen, übertragbare Tierkrankheiten, Unfälle im Tierbestand, Diebstahl und die Kontamination mit Schadstoffen. Der Betriebsleiter entscheidet, welche Risiken er über eine Versicherung absichern will. Tipp: Lassen Sie sich aber auf jeden Fall schriftlich bestätigen, dass die von Ihnen gewünschten Risiken in Ihrer Police eingeschlossen sind.

Herr Meyer sollte sich in jedem Fall mehrere Angebote einholen und diese intensiv prüfen. Es sind zwei Entschädigungsvarianten möglich. Bei der pauschalen Entschädigung wird bei Vertragsabschuss festgelegt, welche Entschädigungssätze im Schadensfall gezahlt werden. Das führt zu einer einfachen Handhabung im Schadensfall, aber unter Umständen auch dazu, dass der tatsächlich entstandene Ertragsschaden nicht vollständig gedeckt wird. Bei der individuellen Entschädigungsvariante wird exakt der entstandene Schaden an Hand von Buchabschlüssen, Leistungsdaten und Marktpreisen ermittelt und entschädigt. Dafür müssen Landwirte aber viele Daten an die Versicherung preisgeben und mit einer längeren Bearbeitungszeit rechnen. Es ist also dringend erforderlich, dass die Versicherung im Schadensfall einen Abschlag zahlt.

Welche Haftzeit gilt
Der Versicherungsschutz beginnt erst nach Ablauf der vereinbarten Wartezeit. Wer beispielsweise heute eine Ertragsschadenversicherung für anzeigepflichtige Tierseuchen abschließt, bei dem darf nicht gleich am nächsten Tag eine Seuche im Bestand nachgewiesen werden. Die Wartezeit beträgt meist zwölf Wochen. Für Tuberkulose bieten die Versicherer eine verkürzte Wartezeit von vier Wochen an.

Ist ein versichertes Risiko eingetreten, kann es sehr lange dauern, bis der Betrieb wieder den gleichen Ertrag bringt wie vor dem Schadenseintritt. So sind etwa nach einer Keulung wegen Maul- und Klauenseuche nach fünf Monaten vielleicht die Tiere neu beschafft, aber die Milchleistung einer zusammengekauften Herde ist nicht die des Ausgangsbestandes. Deshalb ist eine Haftzeit von zwölf Monaten besonders wichtig. Der Versicherer entschädigt in dem Fall den Ertragseinbruch über zwölf Monate ab dem Schadenseintritt. Er leistet in dieser Zeit insgesamt maximal in Höhe der vereinbarten Versicherungssumme, daher sollte diese realistisch angesetzt sein. Ist die Versicherungssumme zu gering, so liegt eine Unterversicherung vor und der Versicherer zahlt nur anteilig. Um das zu vermeiden, sollten der Versicherung regelmäßig die aktuellen Tier- und Leistungszahlen mitgeteilt werden.
Der Versicherer stellt neben aktuellen Tierzahlen noch weitere Anforderungen an den Landwirt. Diese sogenannten Obliegenheiten sind bei einzelnen Versicherern sehr umfangreich. Bitte lesen Sie die Bedingungen ihrer Ertragsschadenversicherung ganz in Ruhe durch, ehe sie unterzeichnen. Sonst könnte es zum Beispiel sein, dass die Versicherung wegen nicht eingehaltener und dokumentierter Wartungsarbeiten an der Melkanlage nicht leisten muss.

Meyer entscheidet sich für die Absicherung des Ertragsschadens auf Grund von anzeigepflichtigen Tierseuchen und allen übertragbaren Tierkrankheiten. Bei dem von ihm gewählten Versicherer sind in diesem Versicherungsumfang zusätzlich Unfälle im Tierbestand immer mitversichert. Um die Versicherung bezahlbar zu halten, sichert er nur die 300 Milchkühe ab und vereinbart einen akzeptablen Selbstbehalt von drei Prozent der Versicherungssumme. Die Versicherung kostet ihn jährlich zirka zwölf Euro pro Kuh also insgesamt ca. 3.600 Euro. Wer sich dafür entscheidet, die Nachzucht mitzuversichern, oder das Risiko der Kontamination durch Schadstoffe aufzunehmen, muss mit einem höheren Versicherungsbeitrag rechnen.

Letztlich gilt: Haben Sie ermittelt, welche Risiken zu einer wirtschaftlichen Schieflage Ihres Betriebes führen könnten, holen Sie sich mehrere Angebote ein. Studieren Sie sie intensiv, oder lassen Sie sich neutral beraten, damit Sie den Vertrag abschließen, der zu Ihrem Betrieb passt.
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