Energie Gehört Mikronetzen die Zukunft?

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Wie können Biogasanlagen angesichts veränderter Rahmenbedingungen erfolgreich betrieben werden? Darüber diskutierten Praktiker und Wissenschaftler vergangenen Freitag bei der 5. Norddeutschen Biogastagung, die im Rahmen der Messe "EnergyTech" am Flughafen Hannover stattfand.

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Jens Wischmann (rechts) und Harm Stegen aus Soderstorf wollen künftig Biogas über Mikronetze direkt zum Verbraucher transportieren. Die vor Ort in BHKWs anfallende Abwärme kann so besser genutzt werden als über ein Nahwärmenetz.
 
Jens Wischmann antwortet eindeutig mit Ja, wenn er zu Biogas-Mikronetzen gefragt wird, um mit dem Kraftwerk doch Gewinn zu erzielen. Er betreibt zusammen mit dem Landwirt Harm Stegen in Soderstorf bei Amelinghausen eine Biogasanlage, die derzeit auf 1.100 kWel erweitert wird. Die Abwärme ihrer "Heidekraft Biogas GbR" wurde bisher vornehmlich zur Beheizung eines Sauenstalles, von Ferienwohnungen und eines Hauses genutzt. So können pro Jahr schon 80.000 l Heizöl ersetzt werden. Das reicht den Landwirten nicht. "Reine Stromerzeugung bedeutet 55 % Verlust, nur die Kraft-Wärme-Kopplung bietet beste Ausnutzung", betonte Wischmann auf der Biogas-Tagung.
 
Biogas wird transportiert
Da es vorteilhafter ist, nicht die Wärme über größere Distanzen zu transportieren, sondern das Biogas, haben sie vor, das etwa 2,5 km vom Kraftwerk entfernte Kongresszentrum in Thansen mit einem Teil ihres Biogases mittels Erdleitung zu beliefern. Dort wird es in einem 370-kW-BHKW verbrannt. Der gewonnene Strom geht ins öffentliche Netz und wird nach EEG vergütet, mit der Abwärme werden Hotelbetrieb und Seminargebäude beheizt. "Dort benötigt man über das ganze Jahr viel Wärme, auch weil es sich um schlecht isolierte, umgebaute Altgebäude handelt", berichtete der 41-jährige Landwirt
Die 150-mm-Leitung hat die BiogasGbR verlegt. Es fielen nur Kosten in Höhe von 22 Euro je Meter an. Die Wärmeleitung auf dem Hof ab BHKW-Raum hat der Hotelbetreiber gezahlt. Um Spitzenlasten in kalten Wintern erfüllen zu können, steht noch eine Ölheizung zur Verfügung. Die Abrechnung der Abwärme erfolgt auf Basis des in der "LAND & FORST" notierten Ölpreises, minus 30 %. "Wir erhalten so umgerechnet 6 Cent je gelieferter Kilowattstunde Wärme", erklärte der Landwirt. Wischmann und Stegen denken noch weiter: es wären weitere Abnehmer durch Mikrogasnetze zu erreichen.
 
Geveke setzt auf Gras
Relativ klein ist der Maisanteil, mit dem die 500-kW-Biogasanlage von Jens Geveke gefüttert wird. "Wir bauen auf unseren sieben ha Acker Mais an, wir setzen mehr auf Gras", berichtete der Landwirt aus dem Ammerland. In die Silos kommen nicht nur die vier Schnitte Grassilage von 75 ha betriebseigener Grünlandfläche, sondern auch noch Gras von vielen Berufskollegen im Umkreis von bis 20 km. Meist treten sie ihre dritten und vierten Schnitte an den Biogasbauern ab, oft auch den so genannten Räumschnitt im Spätherst. In 2007 waren es insgesamt 240 ha. Es waren auch ökologische Gründe, die den ehemaligen Banker zu dieser Nutzung veranlassten. "Wir wollten nicht unbedingt das Grünland auf den Moorböden umbrechen, um dort Mais anbauen zu können, der viel Gülle benötigt. Außerdem steht die Grassnutzung nicht unbedingt in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion." Die Düngung erfolgt zu 100 % über Gärsubstrat, das mit Schleppschläuchen ausgebracht wird. So verflüchtigt der Stickstoff nicht so schnell. Da die späten Schnitte auch über viel Essigsäure verfügen, also einer Vorstufe des Methans, sind die Biogaserträge immer bestens. "Von einer Tonne Grassilage erzeugen wir einen Gasertrag von 170 bis 200 m³", sagt Geveke.
 
Auch Z-Rüben einsetzen?
Nicht nur Gaserzeugung mit Mais, sondern auch aus anderen Feldfrüchten, darauf legen die Bauern der BioEnergie Algermissen bei Hildesheim großen Wert. Erstmals haben sie 2007/08 auch Zuckerrüben mit verwertet. "Das ist aber noch nicht ausgereift, damit haben wir auch nur die Mengen an C-Rüben verwertet, die in 2007 die Nordzucker nicht haben wollte. In diesem Jahr sieht das schon wieder anders aus", berichtete Dirk Ernst, der Geschäftsführer der BioEnergie.
Auf dem schweren Boden in der Börde bauen die Landwirte für Biogas zwar hauptsächlich Mais an. Sie lockern die Fruchtfolge aber auch mit Roggen-GPS auf. Als Zweitfrucht werden dann Sonnenblumen angebaut. "Die Erträge von GPS und Sonnenblumen sind gut, vor allem aber kann die Ernte besser über das Jahr verteilt werden und muss sich nicht auf 20 Tage im Herbst konzentrieren. Das trägt auch zu einer besseren Auslastung der Maschinen beim Lohnunternehmer bei."
Auch das teilweise ramponierte Ansehen der Biogasproduktion bei Teilen der Bevölkerung aufgrund des vermeintlichen Zuviels an Biogasmais würde damit aufgebessert werden. "Sie glauben gar nicht, wie ein blühendes Sonnenblumenfeld das Image aufpoliert", meinte Ernst.
 
Fruchtfolge auflockern
Ähnlich ökologisch denkt auch Dr. Rüdiger Grass von der Universität Kassel. Seiner Auffassung nach führt der Mais als Biogaspflanze, der rund 80 % der Energiepflanzenfläche ausmacht, zu einer Einengung der Fruchtfolge und der Zunahme ökologischer Risiken: "Nitratauswaschung, Bodenerosion, Zunahme von Krankheiten und Schädlingen, Zunahme des Einsatzes von Pestiziden und evtl. schleichender Einzug der Gentechnik", zählte er auf.
 
Gülle separieren?
Künftig Gülle in Veredlungsregionen separieren und die Feststoffe per Tanklaster zu Biogasanlagen in Ackerbauregionen transportieren? Das ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern könnte schon bald Realität sein. Wie das funktionieren kann, darüber berichtete Dr. Hans-Heinrich Kowalewsky von der LWK Niedersachsen. Die Kammer führt dazu in der Veredlungsregion Versuche durch, nutzt ein dänisches Verfahren. "Die bisher erzielten Ergebnisse sind aber noch nicht abgesichert", erklärte Dr. Kowalewsky. Angesichts der Preisexplosion bei Mineraldüngern hält er bei Schweinegülle eine Preisannahme – umgerechnet auf Düngewert – von jetzt 25 Euro/m³ (ehemals 10 Euro/m³) für angemessen. Von daher könnte sich der Transport von Feststoffen bis 100 km lohnen. Das Verfahren wird in einer kommende Ausgabe der LAND & FORST ausführlich vorgestellt.
 
Mist für die Biogasanlage
Derartige Probleme kennt Jörg-Heinrich Siemke aus Dannenberg nicht. Zusammen mit seinem Bruder, dem Landwirt Axel Siemke, betreibt der Bauingenieur eine 500-kW-Biogasanlage. Es handelt sich um ein Trockenfermenter-Kraftwerk, das nicht über die für Biogasanlagen typischen runde Fermenter und Nachgärer verfügt, sondern deren Fermenter sich in einer Halle befinden und mittels Radlader gefüllt werden.
Siemkes benötigen überhaupt keine Gülle, füttern ihre Anlage zu jeweils 30 % mit Mais, Gras sowie Rinder- und Schweinemist. "Mittelfristig ist nach EEG-Novellierung auch der Einsatz von Pferdemist geplant", berichtete Siemke bei der Tagung. Sie produzieren über das BHKW Strom, verteilen die Abwärme im Dorf. An Gärresten sind im ersten Betriebsjahr 7.000 t angefallen, etwa 65 % des Gesamtinputs, die direkt in der Landwirtschaft verwertet werden und eine guten Düngewert haben. "Auch kann der hohe Humusanteil das im Boden durch Mais- oder Rübenanbau entstehende Humusdefizit gut ausgleichen."
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