Schafe & Ziegen Reif für die Impfung

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Es geht Schlag auf Schlag, Stich auf Stich: Im Eiltempo werden innerhalb weniger Stunden 450 Mutterschafe und Lämmer ab drei Monate auf dem Betrieb der Familie Groon in der Wesermarsch gegen die Blauzungenkrankheit geimpft.

Einen langen Arm benötigt Tierärztin Kristin Resch. Praktikant Timo Hußmann hat die geimpften Tiere gekennzeichnet. Foto: Ahlers
 
Die Impfung selbst mit der handlichen Pistole ist relativ schnell durchgeführt, weiß Tierärztin Kristin Resch, die sich Tier für Tier routiniert vorknöpft. Und damit ihr wirklich kein Schaf durch die Lappen geht, gibt es für jedes behandelte Tier sofort einen Farbstrich von Praktikant Timo Hußmann.
Die Veterinärin war gerade fertig mit ihrem Studium und auf der Suche nach einem Sommerjob in einer Großtierpraxis. Sie landete nun in der Gemeinschaftspraxis von Erichsen, Timm und Siepelmeyer in Nordenham und kümmert sich dort hauptsächlich um die Blauzungenimpfung, um die Praxisinhaber zu entlasten.
„Unser Rekord liegt bei 10.000 Impfungen von Schafen in einer Woche", erinnert sich die junge Frau an den Start der Impfaktion Anfang Juni, wo einige Großbestände mit bis zu 2.500 Tieren in Deichschäfereien dominierten. Und weil in der ersten Impfwoche hochsommerliche Temperaturen herrschten, begann der lange Arbeitstag mit der Impfpistole schon mal um 5 Uhr morgens, um der Mittagssonne zu trotzen.
Voraussetzung für ein zügiges Vorankommen sind eine gute Vorbereitung durch Landwirt und Schäfer. Dazu gehören ein schmaler Zulauf und fixierte Tiere auf engem Raum, damit alle Vierbeiner zügig erwischt werden können, ohne zu entwischen.
 
Die Schafe anlocken
Bei Andrea, Gerd und Gerhard Groon lief alles nach Plan. Ihre Vorarbeit mit dem Aufstellen vom Gatter am Deich dauerte nur eine gute Stunde. Mit Lockfutter wurden dann die ruhigen Tiere in die Enge getrieben, ohne das eine Panik aufkam.
„Durch die Wurmkur sind es unsere Schafe schon gewohnt, dass sie gelegentlich zusammengetrieben werden", berichtet Familie Groon. Trotzdem ist die Impfaktion für alle Tierhalter ein zusätzlicher Arbeitsgang. Groon setzt bei den Schafen auf eine Texel-Suffolk-Keuzung – wegen guten Werten bei Fleischqualität und Ablammergebnis. Für ihn ist es wichtig, dass durch die Impfung die Zunahmen der Lämmer nicht beeinträchtigt werden und es auch sonst keine Probleme gibt.
Durch die immer mehr nach Norden vorrückende Blauzungenkrankheit entstehen vor allem bei Schafen wirtschaftliche Schäden, weil in einer befallenen Herde häufig ein Drittel der Tiere erkrankt und teilweise tödlich endet. Für die betroffenen Rinder sind die Folgen zwar weniger dramatisch (es gehen nur vereinzelt Tiere ein), aber spürbare Leistungseinbußen sind möglich. Auch Verkalbungen bei den weiblichen Tieren und Sterilität bei Bullen wurden beobachtet.
Das Virus wird nicht von Tier zu Tier, sondern ausschließlich über Stechmücken übertragen. Die Krankheit verursacht hohes Fieber, Blutungen und Entzündungen im Maul- und Nasenbereich sowie an Zitzen und Klauen. Bei Schafen kann es auch zu der Namen gebenden Blaufärbung der Zunge kommen. Es handelt sich um eine reine Tierkrankheit; sie ist für den Menschen absolut ungefährlich. Da sich dieses Virus grundsätzlich in den Mücken aufhält und diese vom Wind über Distanzen von bis zu 200 km „verfrachtet" werden können, ist eine Ausrottung nur mit dem Elimieren von befallenen Tieren nicht möglich.
Mit der Auslieferung des Impfstoffes für Schafe wurde Anfang Juni begonnen. Die Veterinärbehörden verteilen den Impfstoff an die niedergelassenen Tierärzte. Wenn alles gut klappt, ist es möglich, die Impfung vor dem zu erwartenden Höhepunkt der Krankheitswelle im August und September abzuschließen.
Insgesamt ist in Niedersachsen für 1,85 Mio. Rinder und 300.000 Schafe und Ziegen Impfstoff geordert worden. Rinder müssen zwei Mal im Abstand von 21 bis 28 Tagen geimpft werden, bei Schafen und Ziegen genügt eine Einmalimpfung. „Der Schutz hält etwa neun Monate", berichtet Resch und die nächste große Impfaktion startet somit im Februar/März im Stall. Das ist dann wesentlich einfacher zu handhaben.
Ein spanischer Impfstoffhersteller liefert den gesamten Impfstoff für rund 3,6 Mio. Schafe und Ziegen in Deutschland. Jedes Tier wird einmalig mit genau 2 ml Impfstoff behandelt. In Niedersachsen beteiligt sich auch der Schaf- und Ziegengesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer an der Durchführung der Impfung, um die Haustierärzte zu unterstützen.
Nachdem die Blauzungenkrankheit 2006 zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten ist und sich 2007 rasant unter erheblichen Verlusten in der Schafpopulation ausbreitete und bei Rindern zu wirtschaftlichen Schäden wie Milchrückgang und Aborten führte, wurde der Druck, einen Impfstoff gegen den hier auftretenden Serotyp 8 zu entwickeln, größer.
 
Wer zahlt nun was?
Die Entwicklung fand unter erheblichem Zeitdruck statt, so dass die notwendigen Zulassungen noch nicht vorliegen. Daher erfolgt der Einsatz dieses Impfstoffes im Rahmen einer Ausnahmeregelung. Ziel des ersten Impfdurchganges ist es, die massiven klinischen Erscheinungen zu unterdrücken. Es ist davon auszugehen, dass die Impfung mehrere Jahre durchgeführt werden muss.
Für das Jahr 2008 trägt die Tierseuchenkasse die Kosten für den Impfstoff und gewährt eine Beihilfe für die Durchführung der Impfung. In der Regel wird dem Tierarzt eine Abtretungserklärung unterschrieben, so dass er seine Kosten direkt mit der Tierseuchenkasse abrechnet. Nur durch eine möglichst flächendeckende Impfung ist es möglich, die hiesigen Wiederkäuer gegen die Krankheit zu schützen und die Ausbreitung des Virus erfolgreich einzudämmen.
 
Impftermine absprechen
Wer noch keinen Impftermin hat (die Impfpflicht liegt erstmals beim Tierhalter selbst), sollte sich schleunigst bei seinem Hoftierarzt melden. Der Landwirt hat nur bei rechtzeitiger Impfung, soweit Impfstoff zur Verfügung steht, auch weiterhin die Zusage der Entschädigung für Verluste durch Blauzungenkrankheit. Die Tierseuchenkasse trägt auch Schäden, die aufgrund der Impfung selbst eintreten.
Allerdings lassen die ersten Feldstudien dies nicht erwarten: die Verträglichkeit des Impfstoffes scheint nach den bisherigen Erfahrungen sehr gut zu sein. „Bisher keine Reaktionen", bestätigt auch Kristin Resch: „Die Schafe sind nicht wesentlich empfindlicher als Rinder, haben aber eine deutlich bessere Antikörperproduktion".
Mit der Impfung verbindet sich die Hoffnung der Tierhalter, klinische Ausfälle und Leistungsdepressionen zu verhindern. Ob langfristig eine Tilgung der Krankheit erreicht werden kann, bleibt abzuwarten.
 
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