24.03.2009
Nachhaltigkeitskongress
"Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft heißt regional handeln"
Zeulenroda – Auf dem Nachhaltigkeitskongress für Mittelstand und Familienunternehmen sprachen wir am vergangenen Freitag mit dem Referenten Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald über Agrarethik und Regionalität.

Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung und Honorarprofessor für Umwelt-, Agrar- und Ernährungsethik
Herr Prof. Dr. Gottwald, Sie unterrichten an der Berliner Humboldt-Universität Agrarethik. Was muss man sich darunter vorstellen?
Die Agrarethik ist eingebettet in das Themenfeld nachhaltige Landnutzung. Angesichts der vielfältigen technologischen Möglichkeiten, die es heute gibt, mit den Tieren, dem Land oder Saatgut umzugehen, bringe ich den Studenten und Studentinnen bei, wie sie ihre Entscheidungen fällen und der Gesellschaft gegenüber verantworten können.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wenn ein Betrieb mit speziellem Saat- oder Zuchtgut arbeitet, dann hat er einen ziemlichen Rechtfertigungsdruck. Der Betriebsleiter muss ein ethisches Argument finden, das stichhaltig ist, darin schule ich ihn. Im Zeitalter der Nachhaltigkeit entscheiden die Menschen nicht nur nach ökonomischen Gesichtspunkten, sondern auch nach sozialen und ökologischen. Mit diesen drei Argumentfeldern umzugehen, das kann man lernen, dafür gibt es Methoden.
Sie unterrichten also hauptsächlich Methodik?
Nein, meine Studenten müssen auch wissen, welche Werte sie anerkennen. Wollen sie sich als Betriebsleiter zum Beispiel durch Qualität auszeichnen, durch Liefertreue, durch Fairness? Worüber wollen sie ihr Betriebsprofil wertemäßig gestalten? Das ist der Kern eines Arguments. Ein zweiter Kern ist: Was weiß man wirklich über die Folgen einer bestimmten Technologie? Ist das Ergebnis reversibel, wie hoch sind die langfristigen Kosten? Werte und Wissen sind die beiden Säulen, auf denen ein moralisches Argument steht. Ferner müssen die Studenten sensibilisiert sein, dass ihre Grundannahmen, die Vorurteile und Glaubenssätze, die sie mitbringen, nicht mit denen ihrer Gesprächspartner übereinstimmen können.
An welche Grundannahmen denken Sie dabei?
"Wachsen oder weichen" ist meines Erachtens eine völlig falsche Grundannahme bei den Bauern, mit der sie sich selber ständig ein Bein stellen. Ins Positive gedreht könnte es heißen: "In jedem bäuerlichen Betrieb gibt es eine Vielfalt von möglichen Einnahmequellen". Und die müssen entwickelt werden, sodass der Betrieb auch ökonomisch gesund ist. Ich bin ein Vertreter des Leitbilds einer multifunktionalen und einer regionalen Land- und Lebensmittelwirtschaft, die durch genossenschaftliche Geschäftsbeziehungen – jenseits der Raiffeisen-Welt – jede Menge Möglichkeiten bietet.
Regionale Kooperationen werden immer wichtiger. Was ist zu beachten?
Damit Kooperationen gelingen, müssen sich die Beteiligten einen Integrator suchen, der Konzepte schreibt, der vernetzt, der Meetings organisiert, der möglicherweise auch weiß, wie man moderiert und eine Clearingstelle darstellt, wenn es Probleme zwischen zwei Betrieben gibt. Unterstützung bietet der Bundesverband der Regionalbewegung, für mich ein echter Hoffnungsgeber.
Die Schweisfurth-Stiftung, deren Vorstand Sie sind, vergibt Förderpreise für die Landwirtschaft. Wo kann man sich aktuell bewerben?
Wir vergeben im Herbst den "Pro Tier Förderpreis für artgerechte Nutztierhaltung" und sehr wahrscheinlich im Oktober auf der Anuga den „Innovationspreis für die Bio-Lebensmittel-Verarbeitung". Zu diesem Thema ist aktuell unser Buch erschienen, "Nachhaltigkeits-Innovationen in der Ernährungswirtschaft".
Wo können sich Bauern generell über nachhaltige Betriebsführung informieren?
Ich bin ein Freund der Anbauverbände, die haben viele Berater, die helfen können. Mich begeistern auch die Regionalbewegungen. In den meisten Regionen gibt es da Ansprechpartner, die das Regionalthema beherrschen. Auch die DLG kann beraten.
Zurzeit werden Raps und Ölsaaten kontrovers diskutiert. Wie schätzen Sie den Markt ein?
Wenn es gelingt, etwas entspannter mit dem Thema umzugehen, nicht immer in Flächenkonkurrenzen zu denken, Energiepflanzen versus Lebens- und Futtermittel, dann sehe ich für Raps und Ölsaaten, in einem regionalen Maßstab angebaut und für regionale Anwendungen, gute Chancen.
Interview: Petra Nickisch
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