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Rind | 04.05.2011

Tierschutz in Gesamtkonzept einbinden

Große Milchkuhbestände stehen generell nicht im Widerspruch zur Tiergerechtheit! Die Sicherstellung einer für jedes Einzeltier gerechten Haltung erübrigt Diskussionen über mögliche Widersprüche zwischen Massentierhaltung und Tiergerechtheit.

 
Wachsende Kuhbestände rufen durchaus kritische Reaktionen hervor.  Foto: Ahlers
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Wachsende Kuhbestände rufen durchaus kritische Reaktionen hervor. Foto: Ahlers
Die landwirtschaftliche Tierhaltung ist in Teilen der Öffentlichkeit zunehmend umstritten. Der Gestaltungsspielraum des Landwirts wird durch eine Reihe von Einflussfaktoren eingeschränkt:  ökonomische Realitäten, rechtliche Vorgaben, durch die mit Haltungssystemen verbundenen und fachlich zu berücksichtigenden tierbezogenen Anforderungen und - häufig nicht zuletzt - durch die bewusste Wahrnehmung moralischer Wertvorstellungen durch den Landwirt selbst.

Gleichzeitig steht der Landwirt zugleich vor permanenten ökonomischen Herausforderungen, die mit den seit vielen Jahren erkennbaren Veränderungen im Produktionsumfeld verbunden sind: weitere Spezialisierung in der Tierhaltung, generell steigende Ansprüche der gehaltenen Tiere mit zunehmender Leistungsfähigkeit, erhöhter Kontroll- und Lenkungsaufwand, erhöhte Investitionen, Optimierungszwang, Senkung der Kosten und wiederum - einer Spirale gleichend - weitere Steigerung der Produktivität und Ausdehnung des einzelbetrieblichen Produktionsumfanges bei einer zunehmenden Spezialisierung.

Den Begriff Massentierhaltung erst definieren

Das Wort Masse wird häufig in  Zusammenhang mit der aktuellen Tierhaltung vor allem  in einigen Medien verwendet, obwohl er nicht exakt definiert ist. Er wird gleichzeitig zunehmend kontrovers zwischen den nicht landwirtschaftlich geprägten, häufig selbst ernannten Tierschützern einerseits und den unternehmerisch handelnden Tierhaltern anderseits genutzt. Unter Massentierhaltung verstehen Tierschützer - im günstigsten Fall (!) - eine konzentrierte Haltung von Tieren in großer Zahl auf engem Raum zur Erzeugung tierischer Nahrungsmittel.

Die Befürworter zunehmend wachsender Kuhbestände argumentieren, dass nur mit weiter wachsenden Betriebsgrößen eine rentable, umweltschonende Milchproduktion dauerhaft gewährleistet und damit zugehörige Arbeitsplätze sichergestellt werden können. Gleichzeitig kann nur so das Management und damit auch das Tierwohl weiter verbessert und die Verwendung vorteilhafter technischer Hilfsmittel (z. B. Einzeltiererkennung, Pedometer etc.) gewährleistet werden.

Die Gegner der Massentierhaltung glauben - häufig aus Unwissenheit -, dass es ein grausames und unmenschliches Leben für die Tiere in zunehmenden Bestandsgrößen gibt. Die Tierhaltungen sind überfüllt oder die Tiere haben nicht ausreichend Platz, sich zu bewegen. Doch jeder Landwirt weiß, wie falsch genau diese Aussagen sind. Gerade die letzten Monate (mit Brandanschlägen auf moderne Tierhaltungen oder Verleumdungen von Tierhaltern) haben uns deutlich gemacht, dass speziell beim Tierschutz Wunschdenken nicht weiter hilft. Tierschutz muss eingebunden sein in ein modernes tierhalterisches Gesamtkonzept, das sich letztendlich auch daran zu orientieren hat, wie sich der Verbraucher beim Kauf von Lebensmitteln verhält.

Auch die ethischen Fragen beachten

Bezüglich einer ethische Bewertung der landwirtschaftlichen Tierhaltung ist davon auszugehen, dass Tiere fähig sind, Schmerzen zu empfinden und zu leiden. Der Tiere haltende Landwirt ist verpflichtet, die Belastungen, denen seine Tiere ausgesetzt werden, so gering wie möglich zu halten.

Aus ethischer Sicht bedeutet dies aber auch, dass der  Tiere haltenden Landwirt nicht alles machen können sollte, was ihm vielleicht einen ökonomischen Nutzen bescheren würde. Er trägt Verantwortung für alle seine Tiere; völlig unabhängig von der Herdengröße. Auch ist es  viel sinnvoller, anstelle von artgerechter Haltung von einer dem einzelnen Tier gerecht werdende Haltung zu sprechen. Weil es jeweils das einzelne Tier ist, das leidensfähig ist, muss das Handeln des Menschen dem einzelnen Tier auch darin gerecht werden, Leiden des Tieres, z. B. hervorgerufen durch zu hohe physiologische Belastungen während des Laktationspeak in sommerlichen Hitzeperioden,  zu verhindern.

Hier kommt unweigerlich die Frage auf: Was ist eine für das einzelne Tier gerecht werdende Rinderhaltung? Moderne, helle und gut klimatisierte Laufställe sind heute wesentlich tier- und umweltgerechter als frühere Anbindehaltungen. Darüber hinaus bieten sie den darin tätigen Menschen deutlich komfortablere Arbeitsbedingungen als früher.
Eine Haltungsbedingung lässt sich als eine jedem einzelnen Tier gerecht werdende Rinderhaltung einstufen, wenn sie den spezifischen Anforderungen der in ihr lebenden Tiere folgendermaßen erfüllt:
  • keine Gesundheitsgefährdung jedes Einzeltieres in der Herde,
  • keine Beeinträchtigung körperlicher Funktionen aller Herdengefährtinnen (Milchkühe),
  • keine systematische Überforderung der Anpassungsfähigkeit jedes Einzeltieres,
  • keine Einschränkung bzw. Modifikation wichtiger Verhaltenseigenschaften in der Weise, dass dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden an einem Tier entstehen.
Eine vollständige und komplexe Beurteilung eines Haltungssystems kann nicht mit einem einzigen Indikator bzw. nur einer Kenngröße erfolgen. Es müssen stattdessen viele Indikatoren gleichzeitig berücksichtigt und bewertet werden. Für den Verbraucher sind vor allem produktbezogene Indikatoren, wie Produktsicherheit und -qualität, von besonderer Wichtigkeit. Für die Akzeptanz der Nutztierhaltung in der Gesellschaft gewinnt jedoch die Tiergerechtheit und damit das Wohlbefinden der Tiere wachsende Bedeutung.
Für die Erfassung der Tiergerechtheit einer Haltungsbedingung sind wiederum mehrere Indikatoren heranzuziehen. Die Reaktionen der Tiere auf die vorliegende Haltungsumwelt können auf verschiedenen Ebenen erfasst werden:
  • verhaltensbiologische (ethologische),
  • pathologische (krankhafte),
  • physiologische sowie ernährungsbedingte Leistungsparameter (Stabilität/Persistenz) und Fitness/Nutzungsdauer.
Zur Erfassung des Tierverhaltens sind zahlreiche Kriterien, in der Regel in Anlehnung an wirksame Funktionskreise (Sozial-, Ernährungs-, Ruhe-,  Komfortverhalten etc.), erarbeitet worden. Häufig verwendete verhaltensbiologische Kriterien (beim Vergleich unterschiedlicher Haltungssysteme) sind beispielsweise Liege- bzw. Fresszeit (Dauer je Tier/Tag), Sicherstellung einer Synchronität des Liegens/ Fressens sowie die Zahl der agonistischen Interaktionen (Auseinandersetzungen) zwischen den Tieren pro Zeiteinheit.

Die Rinder immer wiederkäuergerecht füttern

Zu den pathologischen Kriterien zählen Verletzungen, Erkrankungen oder Tierverluste. In den letzten Jahren sind darüber hinaus eine Vielzahl physiologischer Kennwerte zur Erfassung von (akuten und chronischen) Belastungszuständen erarbeitet worden. Beim Stress handelt es sich um ein spezifisch-individuelles Reaktionsmuster auf exogene bzw. endogene Störungen (Stressoren). Stressoren können der Gruppenwechsel, die nicht tiergerechte Haltung, der Tiertransport oder außergewöhnliche soziale Interaktionen (Isolation) sein. Allerdings bereitet die Interpretation oft Schwierigkeiten, da beispielsweise Hormone (Belastungstests mit „Stress“-Hormonen) an einer Vielzahl von Regulationsvorgängen im Körper beteiligt sind und gleichzeitig Regelmechanismen zur Bewältigung sowohl akuter als auch chronischer Belastungszustände vorhanden sind.

Eine exakte Rationsplanung setzt Kenntnisse über die Nährstoffgehalte der eingesetzten Futtermittel und somit Futtermittelanalysen voraus. Die Überprüfung der tatsächlich gefressenen Futtermengen ist Bestandteil der Rationskontrolle. Da die Forderung nach wiederkäuergerechtem Futter am ehesten durch Einsatz von Grundfuttermittel (z. B. Gras, Gras-, Maissilagen etc.) erfüllt wird, ist ihre hohe Aufnahme tierindividuell sicherzustellen. Ein zusätzliches Instrument zur Überprüfung der Fütterung ist auch die individuelle Körperkonditionsbewertung.

Setzt man voraus, dass Tiere nur unter optimalen Haltungsbedingungen hohe Leistungen erbringen können, lassen sich auch diese Informationen zur Beurteilung von Tierhaltungen - unter bestimmten Voraussetzungen - verwenden. Vergleicht man umweltsensible Leistungen wie Fruchtbarkeit oder Eutergesundheit in Abhängigkeit von der Bestandsgröße, so zeigt sich selbst in der noch stark bäuerlich geprägten niedersächsischen Milchkuhhaltung (vorzugsweise Familienbetriebe): Die besseren Leistungen gibt es speziell in den größeren Herden.
Vor allem in kleineren, auslaufenden Betrieben, die (langfristig) an eine betriebliche Aufgabe der Milcherzeugung denken und häufig bereits einen Investitionsstau aufweisen, liegen die größten gesundheitlichen Probleme in den Kuhbeständen vor.

Zusätzliche Hinweise zur Tiergerechtheit sind darüber hinaus aus solchen Leistungsdaten zu erwarten, die tierindividuelle Leistungseinbrüche, in Verbindung mit der Leistungshöhe, beschreiben.

Checklisten helfen bei den Überprüfungen

Mindestanforderungen zur Tierhaltung sind im Tierschutzgesetz, in Tierschutzleitlinien zur Milchkuhhaltung bzw. in weiteren Haltungsempfehlungen spezieller Erzeugergemeinschaften genannt. Eine Überprüfung von Mindestanforderungen kann beispielsweise mittels Checklisten - mit notwendiger Bewertung von Einzeltieren - relativ einfach vorgenommen werden.

Beispiele: Das Vorhandensein einer Liegebox und eines Fressplatzes je Kuh sind vom Standpunkt der Einzeltiergerechtheit als optimal anzusehen! Mögliche weitere Einschränkungen des Tier-Fressplatz-Verhältnisses bedürfen zusätzlicher technischer Lösungen (ständige Futtervorlage),  Vorhandsein getrennter Stall- und damit Fütterungsbereiche für melkende und trockenstehende Kühe; Vorhandensein separater Abkalbebuchten [mindestens 1 für je 30 Milchkühe; eingestreut und ausreichend groß (ca. 12 m² bei Einzelbuchten, bei Gruppenbuchten mindestens 8 m² je Tier] sowie zusätzlich separate Krankenplätze (mindestens 1 für je 50 Milchkühe; eingestreut. Haltungsverfahren können aber immer nur so gut sein wie der verantwortliche Tierhalter sie betreibt.

Rinder sind sozial lebende Tiere mit ausgeprägtem Dominanzgefüge. Aggressive Interaktionen zwischen den Tieren erfolgen beispielsweise durch das Zusammenführen verschiedener Herden (Tiergruppen) bzw. während der Herausbildung der Rangordnung innerhalb der Gruppe.
Zur Vermeidung agonistischer Verhaltensweisen sind genügend breite Gänge im Stall sicherzustellen und Sackgassen zu vermeiden. Von zentraler Wichtigkeit für eine tiergerechte Haltung der Rinder auf Betriebsebene ist weiterhin die korrekte tägliche Betreuung der Tiere einschl. Sicherstellung der Funktionstüchtigkeit vorhandener Haltungselemente seitens des Betriebsleiters.

Das Monitoring der Eutergesundheit - mindestens 2 x tägliche tierindividuelle Kontrolle aller melkenden Kühe  -  schließt neben einer fortlaufenden Kontrolle der Einzelgemelke (MLP) bzw. der Herdensammelmilch die konsequente Einhaltung eines umfassenden Hygieneprogramms sowie die regelmäßige Wartung und tägliche Funktionskontrolle der Melkanlage ein.

Förderprogramme und tiergerechte Haltung

Die Förderung einer tiergerechten Haltung, einer Verbesserung des Tierschutzes und der Tierhygiene ist eines der AFP-Ziele. Gleichzeitig profitieren Betriebe, bei denen die „Baulichen Anforderungen an eine besonders tiergerechte Haltung“ erfüllt werden, von einem deutlich erhöhten Fördersatz. 40 % der niedersächsischen Betriebe, die am vorangegangenen AFP teilhaben konnten, hatten vor Durchführung der geförderten Investition noch eine Anbindehaltung. Da gemäß AFP-Richtlinie eine Förderung einer Anbindehaltung ausgeschlossen war, spielen diese Verfahren nach der Investition keine Rolle mehr. Die Haltung hat sich somit klar verbessert.

Von einem positiven Effekt des AFP auf das Tierverhalten kann somit für die Betriebe ausgegangen werden, die ohne AFP nicht in einen neuen Stall investiert und im Referenzfall ohne AFP ihre Milchkuhhaltung im Anbindestall weiter geführt hätten.

Praktische Ergebnisse aus der Milchkuhhaltung belegen, dass - völlig unabhängig von der Bestandsgröße -  günstige Fruchtbarkeitskennwerte und eine gute Eutergesundheit möglich sind. Eine einzeltiergerechte Rinderhaltung zeichnet sich durch Vermeidung einer gesundheitlichen Gefährdung aller Tiere einer Herde bei ausschließlicher Verwendung zugelassener Futtermittel, die in physiologisch verträglichen, tiergerechten Rationen bedarfsdeckend für jedes Einzeltier einer Gruppe verabreicht werden, aus. So wird Stress vermieden und die Tiere werden bei hohen und stabilen Leistungen alt. Nur der  Tierhalter  kann sicherstellen, dass die Haltung der Tiere tiergerecht erfolgt.

Die Sicherstellung von Milch als gesundes Lebensmittel setzt einen hohen Eutergesundheitsstatus aller Milchrinder einer Herde - unabhängig von der Herdengröße - voraus. Auch hier bleibt letztlich der Rinder haltende Landwirt gefordert.
 
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 Abb.1:    Bestandsgröße und Fruchtbarkeit
 
 
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 Abb.2:    Herdengröße und mittlere Milchleistung
 
 
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 Tab.1:    Bewertungskriterien moderer Rinderhaltungen
 
 
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 Tab. 2:    Auswirkungen einer Fehlernährung
                            auf die Tiergesundheit
 
 
 
 
Lesen Sie hierzu auch
  • Aus der Wirtschaft Genomische Selektion als Premiere in der Rinderzucht
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