Die Weichen für die Milchwirtschaft in der EU sind klar gestellt. Ab 2015 wird es keine Mengenregulierung mehr geben. Künftig müssen sich also die Milchbauern verstärkt um den Absatz und die Vermarktung der Milch kümmern. Dies können sie jedoch nur als starker Marktpartner leisten, wie das DBV-Fachforum Milch zur Grünen Woche in Berlin zeigte.
Milchbauern müssen gestärkt werden
Starke Milchbauern setzen sich durch - So lautete das Motto der Veranstaltung. Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), begrüßte, dass die EU-Kommission künftig den Milcherzeuger die Möglichkeit einräumt, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen und Verträge mit Marktpartnern abzuschließen. Dennoch müsse man prüfen, wo noch Verbesserungen zu erarbeiten sind. Die Krise am Milchmarkt habe deutlich gemacht, wie wichtig der Erhalt eines EU-weiten Sicherheitsnetzes und darüber hinaus der Flankenschutz auf nationaler Ebene ist. Derzeit sei zwar mit einer positiven Milchpreisentwicklung zu rechnen. „Da wir künftig große Preisschwankungen befürchten, brauchen die Betriebe finanzielle Stabilität“, sagte Sonnleitner. Steuerlich begünstigte Ausgleichszulagen und marktechnische Maßnahmen könnten dazu beitragen.
Der parlamentarische Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Gerd Müller, bekannte sich klar für die Marktorientierung der Milchbranche. Die Liberalisierung am Weltmarkt habe aber auch ihre Grenzen. Deshalb forderte er im Rahmen der Doha-Runde weltweit faire Rahmenbedingungen für alle ein, um Tier- und Umweltstandards einhalten zu können. Er begrüßte die Empfehlungen der hochrangigen EU-Expertengruppe Milch zur Stärkung der Verhandlungsmacht der Milcherzeuger und zur Verbesserung der Milchlieferbeziehungen. An die deutschen Molkereien richtete er den Appell, ihre Wertschöpfungskette weiter zu verbessern. Vor allem gehe es aber darum, die Position der Erzeuger zu stärken, des schwächsten Glieds in der Marktkette.
Konstruktiver Dialog gefordert
Milchbauern und Molkereien müssen die Zukunft gemeinsam meistern, sagte DBV-Vizepräsident Udo Folgart. Um das Ziel zu erreichen, müssten beide Seiten in einen konstruktiven Dialog eintreten. Schon heute gebe es unterschiedliche Modelle der Vertragsbeziehungen. Dies werde auch die Basis für die zukünftige Zusammenarbeit bleiben. Eine Vorgabe verpflichtender Verträge lehnt der
DBV ab, erklärte Folgart. Sie schränke die unternehmerische Handlungsfreiheit ein. Musterverträge als Beispielvorlagen könnten dagegen eine sinnvolle Unterstützung für die Vertragsgestaltung sein. Rund 70 % der Molkereien seien Genossenschaften und damit in bäuerlicher Hand. Über die Satzung und die Lieferbedingungen habe man alle Instrumente für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Molkerei und Milcherzeuger bereits in der Hand.
Von der EU-Kommission sei auch die Vereinbarung eines Preises oder einer Preisformel in den Milchlieferverträgen ins Spiel gebracht worden. Deshalb sollte man auch bei Milch über Vorverträge reden, wie sie bei Raps oder Getreide heute üblich seien, forderte Folgart. Die Molkereien könnten die Warenterminbörsen mehr als bisher nutzen, um Preisrisiken im Sinne der Erzeuger abzufedern. In den Vorschlägen der EU-Kommission werde auf eine Bündelung der Milchvermarktung über Milcherzeugergemeinschaften verwiesen. Für die Vermarktung von Milch bei privaten Molkereien sei dies ein sinnvoller Ansatz. Bei Genossenschaften und Erzeugergemeinschaften gebe es dies bereits, stellte
Folgart fest.
Aufgaben gemeinsam angehen
Wie man die Nase im Wettbewerb vorn halten kann, erläuterten abschließend Landwirte und Vertreter von Molkereien. So forderte Wilhelm Neu, Vorsitzender der Milchliefergemeinschaft Bocholt-Hamminkeln (Nordrhein-Westfalen), die Vorstände zu schulen, juristischen Beistand von
DBV und LBV zu erhalten, die Vorschläge aus dem EU-Milchpaket nutzbar zu machen, mehr Markttransparenz zu schaffen und die Zukunftsaufgaben gemeinsam mit den Molkereien anzugehen. Die guten Erfahrungen bei der Vertragsausgestaltung seiner Milchliefergemeinschaft mit den Molkereien müsse man zur Stärkung der Erzeuger weiter nutzen.
Milcherzeuger Justus Ackermann aus Uplengen/Ostfriesland (Niedersachsen) will seinen Kuhbestand von 85 auf 140 Tiere aufzustocken, um effektiver wirtschaften zu können. Er sieht sich mit der Ablieferung seiner Milch an die Genossenschaftsmolkerei Ammerland, die die Milch weiter verarbeitet und vermarktet, deutlich im Vorteil gegenüber dem reinen Rohstoffhandel, gerade auch auf zunehmend volatilen Märkten in schwierigen Zeiten.