Nachgefragt: Wie nutzen Sie das Internet beruflich und privat?
Wetterdienst, Warenterminbörse oder Ersatzteilbestellung. Welche Internet-Anwendungen nutzen Landwirte und ihre Familien? Wir fragen Gerlinde Minkel aus Hessen.
Energiewirtschaft, Landwirtschaft und Urlaub auf dem Land
"Mein Name ist Gerlinde Minkel (44), ich wohne mit meinem Ehemann Klaus und drei Kindern 15 km südlich von Kassel in Gudensberg-Dissen. Der landwirtschaftliche Betrieb wird im Vollerwerb von meinem Mann als Ackerbaubetrieb mit Schwerpunkt Kartoffelvermehrung,
Zuckerrüben und Weizenanbau bewirtschaftet. Beruflich bin ich als Agraringenieurin bei einem großen Düngemittelhersteller in Kassel im Bereich Energiewirtschaft in Teilzeit beschäftigt. Die restliche Zeit gehört der Familie sowie Hof und Garten.
Internet bei der Arbeit, im Betrieb und während der Freizeit
An meinem Arbeitsplatz ist ein Arbeiten ohne Internet nicht mehr
vorstellbar, denn der größte Teil der Informationen kommt über den
Bildschirm. E-Mails haben weitgehend den Briefverkehr ersetzt und die
schnelle Verfügbarkeit aktueller Information ist ein wesentliches
Kriterium. Das interne Netzwerk (Intranet) ergänzt das world wide web
und zusammen sind diese beiden Säulen die Hauptinformationsquellen, ohne
die kaum noch Entscheidungen getroffen oder Verträge abgeschlossen
werden. Der Blick auf Börsen und Notierungen oder jüngste politische
Entwicklungen ist genauso selbstverständlich wie die Übersetzung eines
englischen oder französischen Textes mit Hilfe z.B. der
Google-Übersetzungshilfe. Man erwartet von uns, dass aktuelle
Informationen punktgenau verwertbar zur Verfügung stehen, das ist fast
nur mit Internetnutzung möglich.
Newsletter können die Fachzeitschriften bei uns noch nicht verdrängen
Dank der Zugriffe auf spezielle (und teure) Informationsportale z.
B. für Gesetzestexte, weltweite Börsennotierungen oder durch den Zugriff
auf exklusive Mitgliedsseiten sammle ich Informationen, die für
wettbewerbsfähige Verträge entscheidend sein können. Auf unserem Betrieb
haben wir Newsletter abonniert, die bisher aber noch nicht die
Fachzeitschriften verdrängen konnten. Wir nutzen die
Agrarwettervorhersagen und sind auch bei Preisvergleichen gerne im
Internet unterwegs. Für meinen Mann bietet das Internet die Möglichkeit
außerhalb der Geschäftszeiten Anfragen und E-Mails zu beantworten und so
das 'Hinterher-Telefonieren' für beide Seiten einzugrenzen.
E-Mails können den Faxverkehr nicht ersetzen
Ein Blick in landwirtschaftliche Fachportale ist immer mal drin,
allerdings öffne ich die Seiten relativ selektiv und nutze dieses Medium
nicht als Ersatz für eine Fachzeitschrift oder die Tageszeitung. Der
E-Mail-Verkehr kann in der Hochsaison den Faxverkehr nicht ersetzen, mal
eben eine Mitteilung aufs Fax gelegt ist beim Berufskollegen meist
genauso schnell am Ziel. GPS hat zwar auf dem Schlepper Einzug gehalten,
aber noch kommen wir ohne Blackberry klar und die Emails werden nicht
während des Ackerns auf dem Schlepper abgerufen, aber wer weiß wie lange
noch… Wenn wir mit unserem Ferienhof-Angebot starten, wird das Internet
im Betrieb weiter an Bedeutung gewinnen, denn die Gäste im
Landtourismus informieren und buchen sehr stark über das Internet, vor
allem in Regionen die abseits der großen Feriengebiete liegen.
Zugang zu allen Informationen zu jeder Zeit oder der gläserne Kunde?
Das Internet ist ein effizientes Hilfsmittel und der Computer ein
Arbeitsgerät, an dem ich im Alltag nicht mehr vorbei komme, aber es gibt
auch immer einen Ausschalter. Für mich beginnen dann Auszeit und
Urlaub, wenn ich ohne Handy unterwegs bin und keine E-Mails lese und die
Heimat-Zeitung als Nachrichtenquelle ausreicht. Eine Gefahr sehe ich in
der Glaubwürdigkeit von uns Erwachsenen, zu viel Bildschirm ist nicht
gesund, doch wie kann ich von den Kindern erwarten, dass sie rausgehen
oder Sport machen, wenn wir auch dem PC den Vorzug geben?
E-Email-Tsunamis durch endlose Nachrichten
Die Online-Gefahren sind nicht zu unterschätzen und trotzdem sehr
schwer einzukalkulieren, das Phishing oder ein Trojaner kann jeden
treffen und ruck-zuck sind im Onlinebanking alle Bankverbindungen
gekappt! Gut, wer dann eine Hausbank um die Ecke hat. Aber selbst beim
E-Mailverkehr finde ich die Gefahr "zugemüllt" zu werden groß, schnell
ist kopiert und die Antwort der Antwort usw. geschrieben und dann werden
die Emails mit allen Anhängen zur Informationsflut, die vor allem nach
Urlaubsende beinahe einen E-Mail-Tsunami am eigenen Rechner auslöst.
Trotzdem sehe ich hier eine Chance für viele berufstätige Frauen auf dem
Land, denn dank E-Mail und Internet können Heimarbeitsplätze entstehen
und die Chance, Familie und Beruf zu verbinden, ist gestiegen.
In unserer Familie ist der Alltag ohne Internet nicht mehr vorstellbar
Auch Einkaufen im Internet ist eine echte Alternative, falls man
Dinge erwerben möchte, die nur für eine kleine Zielgruppe interessant
sind. Hier hatte man vor allem auf dem Dorf vor der Welt des Amazon und
Ebay oft Schwierigkeiten, das passende Ersatzteil oder das Fachbuch
bestellen zu können. Doch dieser Segen hat auch den Nachteil, dass man
mit seinen Daten, seinem Einkaufsverhalten und seiner Bankverbindung
fast überall registriert ist, man ist gläsern und hat keine Kontrolle,
wie diese Informationen genutzt werden. Trotzdem ist auch in unserer
Familie der Alltag ohne Internet nicht mehr vorstellbar, egal ob
Informationen aus Wikipedia oder die Suche nach einer passenden
Fahrradroute, bevor man zu Atlas oder Lexikon greift, sitzt man am
Computer …
Unsere Kinder laden ihre Freunde mit handgemachten Geburtstagskarten ein
Gerade weil ich diese uneingeschränkte Familientauglichkeit des
Internets sehe, möchte ich, dass unsere Kinder ihre Freunde mit einer
handgemachten Karte zum Geburtstag einladen, keine Fotos von sich ins
Schüler VZ stellen und die Zeit am PC nicht uneingeschränkt zur
Verfügung haben. Deshalb versende ich selbst noch handgeschriebene
Weihnachtspost, deshalb bin in keiner Community eingeloggt und habe auch
nicht vor, meine Fotos künftig auf einem virtuellen Fotoalbum allen
Verwandten in nah und fern zur Verfügung zu stellen. Doch wie lange
werde ich das noch so machen? Vermissen tue ich am Internetzugang nichts
- außer einer Zeitschaltuhr am Rechner, die ihn bei
'Zeitüberschreitung' automatisch herunter fahren würde.
Auch für Senioren bietet das Internet viele Möglichkeiten
Doch was ich schade finde, ist die Tatsache, dass viele ältere
Menschen von dieser Welt des Internets abgekoppelt sind. Es gibt eine
Menge Senioren auf dem Land, die sich nicht trauen einen PC anzuschaffen
und eine Tastatur zu bedienen. Vielleicht weil sie Angst haben, sich zu
blamieren oder es scheint ihnen alles zu teuer und zu kompliziert.
Dabei wäre für manche das Internet eine schöne Ergänzung zum Fernsehen,
eine Möglichkeit trotz eingeschränkter Mobilität miteinander in Kontakt
zu treten und sich gezielt Informationen z B. in großer Schrift oder mit
lautem Ton zu beschaffen. Entsprechende und ansprechende Angebote habe
ich diesbezüglich noch nirgends gesehen…"
Gerlinde Minkel, 34281Gudensberg-Dissen/Hessen
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