Horst Herbort ist ein Pionier, so wie die Bäume, die vor Kurzem auf seinem Acker in der Gemarkung Reiffenhausen gepflanzt wurden. Mit der Anlage einer Feldholzplantage begibt er sich auf ein in Deutschland noch weitgehend unerforschtes Terrain. Doch er wagt dieses Experiment nicht allein. Seine Partner sind Wissenschaftler und Bioenergieberater, die sich von dem Praxisversuch Antworten auf offene Fragen versprechen.
Doktorandin Linda Hartmann und Prof. Norbert Lamersdorf -koordinieren die Versuche des Forschungsprojektes BEST.
Noch immer ist es hierzulande unüblich, auf Ackerflächen schnell wachsende Baumarten anzubauen. Der Flächenumfang dieser sogenannten Kurzumtriebsplantagen, kurz KUP, die überwiegend zu energetischen Zwecken genutzt werden, ist deutschlandweit mit 3.000 bis 4.000 Hektar bislang marginal - als Beitrag zum Bioenergiemix also noch nicht der Rede wert. Doch das Interesse der Landwirte wächst. Im südniedersächsischen Landkreis Göttingen ist Horst Herbort der erste Landwirt, der sich an die Anlage einer solchen Feldholzplantage wagt.
Mut zur Veränderung
Als ihn im vergangenen Winter der Bioenergieberater Christian Ihl vom Niedersachsen Netzwerk Nachwachsende Rohstoffe (3N) auf der Suche nach Praxisflächen ansprach, war der Nebenerwerbslandwirt zunächst noch skeptisch. Doch mit einem wissenschaftlich durchdachten Konzept und dem Mut seiner Frau willigte er schließlich ein. „Komm, das probieren wir“, hatte Kerstin Herbort ihren Mann motiviert, der als Postangestellter rund 13 ha Ackerfläche im Nebenerwerb bewirtschaftet. Und so gingen sie es an. Der 1,6 ha große Feldversuch wurde Teil des vom Bundesforschungsministerium unterstützen Verbundprojektes BEST (Bioenergie-Regionen stärken), an dem unter der Leitung des Forschungszentrums Waldökosysteme der Universität Göttingen neben 3N verschiedene Institute der Universitäten Göttingen und Kassel, die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, die Energieagentur Göttingen und weitere externe Institutionen beteiligt sind.
Auf der 325 m ü.NN hoch gelegenen Fläche, von der aus in unmittelbarer Nähe noch deutlich die Spuren des ehemaligen DDR-Grenzzaunes zu Thüringen zu sehen sind, sucht das Wissenschaftlerteam um Prof. Norbert Lamersdorf, Koordinator des Teilprojekts „Agroforst und Kurzumtriebsplantagen“, von der Abteilung Ökopedologie der gemäßigten Zonen in der forstwissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen, Antworten auf sehr komplexe Fragestellungen.
Dazu haben die Forscher die Versuchsfläche in Teilbereiche unterteilt. Auf den beiden außen liegenden Stücken wachsen jeweils Pappeln und Weiden in Reinkultur. Die 25 Doppelreihen sind mit einem Abstand von 75 cm angelegt, dazwischen bleiben 1,50 m breite Fahrgassen. Der Baumabstand innerhalb der Reihen beträgt bei den Pappeln 1 m, bei den Weiden 75 cm. Insgesamt ergibt sich so eine Pflanzendichte von 12.000 bis 14.000 Stück pro ha. Die Bodenverhältnisse dieses Standortes sind wenig homogen. Im Bereich der Pappelpflanzung ist es eine Braunerde. Die 20 cm langen Weidenstecklinge wurden dagegen in einen Pseudogley gepflanzt, der teils etwas staunass ist.
Sichere Wasserversorgung
„Wenn die Bäume hier wachsen, dann gelingt die KUP-Anlage überall“, ist Horst Herbort überzeugt. Während einerseits Staunässe als wachstumshemmend gilt, ist andererseits das Wasser vielerorts der limitierende Faktor einer KUP-Anlage. „Bei jährlichen Niederschlägen von rund 640 mm haben wir dieses Problem hier nicht“, sagt
Landwirt Herbort.
Auf eine Startdüngung muss die junge Baumpflanzung verzichten. „Dies ist in der Regel bei landwirtschaftlichen Nutzflächen auch nicht notwendig“, erläutert Doktorandin Linda Hartmann, die mit den Ergebnissen des Feldversuches ihre Dissertation verfassen wird. Die auflaufenden Unkräuter wurden mit einem Herbizid behandelt. Gegen die Ungräser soll nur bei Bedarf gespritzt werden. „Nach der Startphase werden wir den Bewuchs mit mechanischen Methoden bekämpfen“, erklärt die Göttinger Wissenschaftlerin den Plan. In etwa drei Jahren fällt auf der Fläche die erste Holzernte an. Danach schlagen die Pappeln und Weiden aus dem Stock wieder aus. In einem mehrjährigen Turnus kann der Aufwuchs so immer wieder genutzt werden. Die Fläche gilt dennoch nicht als Wald, sondern behält ihren Ackerstatus bei.
Eine Land-und-Forst-Ehe
Zwischen den beiden KUP-Teilflächen befindet sich der sogenannte Agroforst mit einem streifenweisen Wechsel von Feldholz - in diesem Fall Weiden (7,7 m breit) - und Grünland (9 m). „Mit unserem Projekt wollen wir demonstrieren, dass mit dem Anbau von holzigen Pflanzen auf dem Acker ein ökonomischer und auch ökologischer Mehrwert erzielt werden kann“, erklärt Lamersdorf das Ziel. Dazu muss der Boden nicht nur in seinem Ausgangszustand, sondern fortwährend untersucht, Nährstoffim- und -exporte erfasst und Bilanzen erstellt werden. Auch die Pflegemaßnahmen und Sickerwasserqualitäten haben die Wissenschaftler im Blick.
Darüber hinaus soll auf der Agroforst-Fläche getestet werden, wie sich die beiden unterschiedlichen Kulturen gegenseitig beeinflussen, ob sie sich begünstigen oder behindern, welche Wechselwirkungen und welche Randeffekte entstehen. „Wir prüfen auch die bioenergetische Verwertung des Aufwuchses“, erklärt Grünlandexperte Dr. Rüdiger Graß von der Universität Kassel. In dem in Witzenhausen angesiedelten Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften wird im Verlauf des Versuchs sowohl eine thermische, als auch die Biogasnutzung im Labor durchgeführt. Als weiteren Untersuchungsschwerpunkt betrachten die Wissenschaftler die biologische Vielfalt, die sich unter den verschiedenen Nutzungen entwickelt.
Ganzheitliches Konzept
Und während all diese Fragen beantwortet werden, darf Horst Herbort den Aufwuchs von schätzungsweise 10 t Trockensubstanz pro Jahr in einem dreijährigen Ernteturnus nutzen, und er weiß auch schon wofür: In Reiffenhausen ist ein 700 kW-Holzhackschnitzelheizwerk Bestandteil einer zentralen Heizanlage, die die Bewohner mit Wärme versorgt, denn im vergangenen Jahr wurde das Bioenergiedorf autark. Die Hackschnitzelernte der neuen KUP-Fläche passt somit perfekt in das energetische Selbstversorgungskonzept des Ortes.
„Wir sind sehr froh über diese gelungene Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis sagt Prof. Lamersdorf“, der den Pflanzstock auch gern einmal selbst in die Hand nimmt. Denn dies sei ein weiteres Ziel von BEST: Mit Demonstrationsflächen Agroforstsysteme und KUP-Anbau in der Praxis zu etablieren.