Berichterstattung Greenpeace hui, Agrarindustrie pfui: Spiegel rechnet mal wieder ab

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"Das gesamte System ist falsch, krank und hochgradig pervertiert." Das ist eine der Thesen eines aktuellen Spiegel-Artikels zur deutschen Landwirtschaft.

In der aktuellen Ausgabe des "Spiegels" (02/2017) erschien der Artikel "Zum Wohl der Tiere" von Autorin Michaela Schießl. Der Inhalt des Artikels lässt sich zusammenfassen als Rundumschlag gegen die deutsche Landwirtschaft. Die wichtigsten Thesen:

  • "Ausgerechnet die hochsubventionierte Landwirtschaft, die kaum zu Wertschöpfung und Beschäftigung beiträgt und um die sich sogar ein eigenes Ministerium kümmert, entwickelt sich zum Teil des Problems statt zum Teil der Lösung."
  • "(Die Landwirte) gehen mit ihrem Grund und Boden um, als wäre er ihr privates Ausbeutungsgebiet - und nicht die Nahrungsgrundlage für alle Menschen sowie die kommenden Generationen."
  • "Geht etwas schief - egal ob selbst verschuldet wie die aktuelle Milchkrise oder unverschuldet, etwa durch Wetterkapriolen -, halten sie die Hand auf."
  • "Ihre Ansprüche begründen Sie mit ihrem Sonderstatus als Volksernährer. Jede Einmischung des Volkes aber wird empört abgelehnt - obwohl die Bürger nicht nur Kunden, sondern durch die Subventionen auch Geldgeber sind."
  • "Vielen Tierhaltern scheint in der durchökonomisierten Fleischproduktion die Empathie für die Kreatur verloren gegangen zu sein."
  • "Damit sich die Ware nicht beschädigt, werden, ohne zu zögern, Schweineschwänze und Hühnerschnäbel gekürzt, Kälberhörner ausgebrannt. Das sei Tierschutz, glauben die Bauern."
  • "Noch kritischer ist der wahllose Einsatz von Antibiotika. Er begünstigt die Entwicklung und Verbreitung von resistenten Mikroben bei Tier und Mensch."
  • "Der großzügige Einsatz von Pestiziden ist auch eine Gefahr für das Bodenleben. Außerdem wird die Erde mit von gewaltigen Landmaschinen so verdichtet, dass sie weniger Wasser aufnehmen kann."
  • "Angesichts der verheerenden Folgen, die industrielle Landwirtschaft nach sich zieht, bleibt nur ein Schluss: Das gesamte System ist falsch, krank und hochgradig pervertiert."

Die Lösung aus Sicht der Spiegel-Autorin: Das Greenpeace-Modell

Nach Sicht der Autorin liegt die Lösung dieser Probleme in einem von Greenpeace entwickelten Landwirtschaftsmodell. Bausteine darin sind:

  • nur noch soviel Milch und Fleisch produzieren, wie für den heimischen Markt benötigt wird
  • 22 Prozent der Bevölkerung müsste vegetarisch und 8 Prozent vegan leben
  • auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz soll komplett verzichtet werden; die Ertragseinbußen werden kompensiert, indem man die Lebenmittelverschwendung reduziert

Während die Autorin die heutige Landwirtschaft vor allem wegen ihrer Kosten für den Steuerzahler kritisiert, weist sie jedoch kurz darauf hin, dass beim Greenpeace-Modell Kosteneffekte nicht berücksichtigt seien.

Reaktion des Bauernverbands Schleswig-Holstein

Eine erste Reaktion auf den Artikel veröffentlichte der Bauernverband Schleswig-Holstein auf seiner Facebook-Seite und schreibt unter anderem: "Heute kauft man uns nicht ab, dass wir nach bestem Wissen Landwirtschaft betreiben. Das ist schlimm, aber immer noch besser, als wenn man uns die Ware nicht mehr abkauft. Der Verbraucher selber scheint nicht ganz unzufrieden mit uns zu sein. Denn er kauft alles, was wir ihm anbieten – und dies trotz Horrormeldungen zum günstigsten Preis. Da bleibt wenig Raum für Ängste. Seltsam. Oder doch normaler, als der Spiegel und die Kronzeugen (Tierschutzbund, Greenpeace, Germanwatch, BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Oxfam) denken?"

Das Fazit des Bauernverbands: "'Ohne zu zögern, wahllos und großzügig' schlägt der Spiegel auf uns Bauern ein. In der durchökonomisierten Medienwelt scheint das noch immer ein Kassenschlager zu sein."

Wie so ein Artikel entsteht

Immer wieder sorgen solche Beiträge von Publikumsmedien über die Landwirtschaft für negative Publicity in der Branche. Befürworter und Gegner moderner Landwirtschaft ziehen danach regelmäßig in einen medialen Kleinkrieg. Wie solche Beiträge funktionieren und was dahinter steckt, erklärt Dr. Frank Volz, Blogger auf der DLG-Plattform agrarblogger, im Artikel "Landwirtschaft am Pranger: Wie die Medien ticken".


Bester Landwirt Deutschlands: So ist der Betrieb aufgestellt
  • Michael Dörr  (42) aus Roßdorf (Hessen), ist Landwirt des Jahres 2016 und wurde gleichzeitig Sieger in der Kategorie Milchviehhalter beim CeresAward.

    „Die Milchviehhaltung hat der Gewinner bis ins Detail im Griff. Er hat dadurch einen Betrieb aufgebaut, der stets auf dem aktuellen Stand in puncto Haltung und Tierwohl ist.“ urteilte die Fachjury des CeresAward.

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  • 320 Kühe werden derzeit auf dem Betrieb gemolken. Der Landwirt hat in den letzten Jahren ein beachtliches Wachstum hingelegt. So hatte der Karlshof 1990 noch 90 Kühe mit einer durchschnittlichen Leistung von rund 7.000 kg Milch. Heute werden je Kuh und Jahr fast 11.000 kg Milch erzeugt.

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  •  Der Wachstumsprozess ging einher mit einer stetigen Erweiterung der Hofstelle und dem Bau von separaten Ställen für Kälber, Jungvieh und Abkalbern.

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  • Im Zuge des Stallneubaus im Jahr 2002 baute Dörr auch seine erste Biogasanlage mit 80 Kilowatt. 2014 baut er eine neue Anlage, die 250 KW leistet.

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  • Dörr bewirtschaftet 155 ha Ackerfläche und 55 ha Grünland. Der knappe Faktor auf dem Karlshof ist die Zeit. „Arbeitsarme Zeiten nutze ich für meine Familie, in den Arbeitsspitzen helfen alle mit, auch meine Kinder.“

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  • Eine weitere Herausforderung ist die Vermarktung der Milch. Seit 2004 verkauft er Rohmilch über einen Automaten direkt an Verbraucher. Diesen Bereich hat er Stück für Stück ausgebaut. Heute verkauft er neben eigener Milch und Milchshakes auch Produkte aus der Umgebung.

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  • Bei so einem rasanten Wachstum ist die Organisation der Arbeit eine der wichtigsten Aufgaben auf dem Betrieb. Hier plant Dörr den Aufbau einer zweiten Führungsebene:

    „Wenn wir uns nachhaltig aufstellen wollen, dann ist es nötig, die Arbeit auf mehrere Schultern zu legen. Dazu gehört zum Beispiel die Aufteilung der Arbeitsbereiche Biogas und Milchviehhaltung. Hierfür werden wir künftig je eine Person haben, die gemeinsam mit Lehrlingen und Aushilfen die jeweiligen Bereiche eigenverantwortlich führen sollen."

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  • Als „politischen Werbeträger“ bezeichnet sich Michael Dörr. Wohl, weil schon Politiker vieler Parteien seinen Betrieb besucht haben. Außerdem ist der Hof immer wieder Drehort für Fernsehberichte oder Anlaufpunkt für Journalisten.

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