Berlin - Treibhausgas-Emissionen würden bei einem vollständigen Fungizid-Verzicht um das zwölffache steigen. Das ist das Ergebnis einer Studie zu "Klimaeffekten des Pflanzenschutzes in Deutschland".
Den Ergebnissen der Studie zufolge wirkt sich die Verwendung von Pestiziden positiv auf die Treibhausgas-Emissionen aus.
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Die Studie wurde von einer Forschergruppe um Harald von Witzke, Leiter des Fachgebiets Internationaler Agrarhandel und Entwicklung der Humboldt-Universität zu Berlin erstellt. Bereits im Vorjahr machte von Witzke gemeinsam mit Steffen Noleppa (agripol - network for policy advice) auf die monetären Markteffekte aufmerksam, wonach
Pflanzenschutz in der deutschen Landwirtschaft der Gesellschaft Wohlfahrtsgewinne von über vier Milliarden Euro jährlich beschere.
Die Klimaeffizienz des Pflanzenschutzes zeigt sich in einer
Beispielrechnung für Pilzbekämpfungsmittel (Fungizide): Wenn deutsche
Landwirte zur Herstellung der gleichen Menge Ernteguts anstelle von
Fungiziden andere Produktionsfaktoren auf zusätzlichem Ackerland
einsetzen, würde dadurch nahezu die zwölffache Menge an Treibhausgasen
freigesetzt, die bei Herstellung, Transport und Ausbringung der
Fungizide entstehen.
Die spezifischen Treibhausgas-Emissionen für die Produktion von einer Tonne Weizen
würden nach den Berechnungen der Forscher beim Wegfall der Fungizide um
13 Prozent von 404 Kilo pro Tonne auf 454 Kilo pro Tonne steigen. Indirekte Wirkungen, wie
Landnutzungsänderungen, sind noch nicht eingerechnet. Diese könnten
je nach Szenario verheerende Einmaleffekte in der Treibhausgasbilanz
hervorrufen.
"Sachgemäßer
Pflanzenschutz ist eine wichtige Komponente ökologischer
Nachhaltigkeit, weil er dem
Landwirt hilft, die knappe Ressource Boden
effizient zur Sicherung der Welternährung und zum Schutz von Habitaten,
und damit auch dem Klima, zu nutzen. Zudem entsteht im Rahmen des
Emissionshandels durch den Klimaschutzbeitrag ein potenzieller
ökonomischer Mehrwert, sodass auch die Säule wirtschaftlicher
Nachhaltigkeit neben der ökologischen Nachhaltigkeit gestärkt wird", so
von Witzke.
Ohne Fungizide werden 1,2 Millionen Hektar Ackerland zusätzlich benötigt
Um die Klimaschutzleistungen des Pflanzenschutzes in Deutschland zu
erfassen, müssen nach Auffassung der Forscher die indirekten
Klimaeffekte durch Verlagerung der Emissionen in andere Weltregionen in
die Berechnung mit einfließen. Mit einem Weltmarktmodell wurde
ermittelt, wo und wie landwirtschaftliche Rohstoffe produziert würden,
wenn sie mangels
Pflanzenschutz nicht in Deutschland hergestellt werden
könnten, denn eine dynamische Nachfrage wird neben landwirtschaftlicher
Intensivierung vor allem zu einer geänderten Landnutzung in anderen
Weltregionen führen.
Allein bei einem vollständigen Wegfall der Fungizide in Deutschland
müssten nach den Berechnungen der Studie etwa 1,2 Mio. ha zusätzliches
Ackerland in anderen Weltregionen kultiviert werden; bei einer
vollständigen Umstellung auf Ökolandbau wären es sogar 6,5 Millionen Hektar oder
mehr als die Hälfte der Ackerfläche Deutschlands.
Durch eine solche
Umwandlung natürlicher Ökosysteme in landwirtschaftliche Nutzfläche
würden in der Modellrechnung "ohne Fungizide" einmalig über 260 Millionen Tonnen (Mio. t)
CO2-Äquivalente freigesetzt. Sollte die deutsche Landwirtschaft
vollständig auf Ökolandbau umgestellt werden, hätte dies durch die
Landnutzungsänderung an anderer Stelle einmalig zusätzliche Emissionen
von 1,4 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten zur Folge. Dies wäre der 1,5-fache Wert
der gesamten jährlichen Treibhausgas-Emissionen aus allen Sektoren in
Deutschland (2010: 937 Mio. t).
IVA: Nicht nur mögliche Risiken betrachten
Unterstützt wird das mehrstufige Forschungsvorhaben über den
gesamtgesellschaftlichen Nutzen des Pflanzenschutzes durch den
Industrieverband Agrar e. V. (IVA). "Pflanzenschutz ist, wie die
Ergebnisse der Studie zeigen, auch Klimaschutz", sagt IVA-Präsident Hans
Theo Jachmann. "Die öffentliche Diskussion um
Pflanzenschutz dreht sich
fast ausschließlich um mögliche Risiken. Mit den Forschungsergebnissen
der Wissenschaftler um Professor von Witzke liegt erstmals eine
verlässliche Datenquelle zum Nutzen des Pflanzenschutzes in Deutschland
vor."