Die Potato Europe 2010 ist in der vergangenen Woche im niedersächsischen Bockerode bei Springe erfolgreich verlaufen. Rund 8.200 Besucher aus 49 Nationen nutzten die einmalige Chance in diesem Jahr, die neuesten Entwicklungen aus den Bereichen Technik, Züchtung und Verarbeitung zu begutachten und daraus Lehren für ihren eigenen Betrieb zu ziehen. Die wichtigste Zahl der Ausstellung war aber ohne Zweifel die Ernteschätzung auf der Herbstbörse. Mit 9,8 Mio. t Kartoffeln dürfte danach die Ernte geringer ausfallen als im Vorjahr.
Erstmals wurde auf einer größeren Ausstellung der Wasserbadroder im Feldeinsatz gezeigt. Foto: Raupert
Die Potato Europe ist gegenüber der Erstveranstaltung im Jahr 2006 weiter gewachsen. 186 Aussteller aus 16 Ländern bedeuten einen Zuwachs von 4 %. Somit konnten die Veranstalter DLG, UNIKA und K+S Kali GmbH ein zufriedenstellendes Resumee ziehen. Auch die Stimmung unter den Kartoffelanbauern war angesichts der guten Erzeugerpreise hervorragend, sodass viele Investitionsanreize im Nachmessegeschäft noch umgesetzt werden dürften.
Wermutstropfen ist in diesem Jahr auch bei den deutschen Anbauern der niedrigere Ertrag. Die Kartoffeln haben in diesem extremen Jahr mit dem zu kalten und nassen Frühjahr und der langen trockenen Hitzeperiode im Juni und Juli mit einem verringerten Wachstum reagiert. Auch die Beregnung verschaffte nicht das erhoffte Dickenwachstum, sondern hielt die Bestände eigentlich nur am Leben. Im August wiederum sorgten dann die ergiebigen Regenfälle zum Teil für Überschwemmungen, die sogar zu Flächenausfällen führten. Experten rechnen deshalb mit unterdurchschnittlichen Erträgen und teilweise auch mit schlechteren Qualitäten.
Gutes Preisniveau
Wichtige Eckdaten zur Ernte 2010 wurden im Rahmen der PotatoEurope in Bockerode auf der internationalen Kartoffel-Herbstbörse gegeben. Der Präsident des Deutschen Kartoffelhandelsverbandes (DKHV), Dieter Tepel, ist sich sicher, dass die Saison 2010/11 sehr spannend wird. Er appellierte an die Kartoffelanbauer, trotz der Mindererträge nur gute Qualitäten beim Handel anzudienen. Hier sei eine große Disziplin mit engen Absprachen zwischen
Landwirt und Handel gefordert, damit die vom Verband gestartete Qualitätsoffensive auch weiter erfolgreich fortgeführt werden kann.
Tepel geht davon aus, dass das gute Preisniveau von derzeit 20 bis 22 €/dt weiter anhalten wird. Ab März 2011 kann er sich zurzeit sogar vorstellen, dass die 30 €-Marke überschritten wird. Weitere Nahrung erhielt diese Prognose durch die Ausführungen von Christoph Hambloch, AMI. Er zeigte auf, dass der Kartoffelanbau in Deutschland um 3 % auf 255.200 ha geschrumpft ist und damit so klein ist wie nie zuvor. Auch die Stärkekartoffelerzeuger hätten mit 6.100 ha oder 7,8 % ihre Flächen auf etwa 72.100 ha besonders stark reduziert. 1.000 ha würden davon auf Bayern entfallen, der Rest auf Niedersachsen, wobei im Weser-Ems-Gebiet Lieferrechte für die AVEBE an niederländische Berufskollegen verkauft worden seien. Ohne das Stärkekartoffelareal sei die Fläche für Veredlungskartoffeln, also für die Chips-, Fritten-, und Flockenproduktion, um 1,8 % auf 28.250 ha gesunken. Immer weiter abwärts gehe es auch mit dem Speisekartoffelareal, das um 1 % auf etwa 101.000 ha geschrumpft sei.
Auch europaweit wird es laut Hambloch mit gut 2 Mio. ha etwa 3 % weniger Kartoffelanbaufläche geben als im Vorjahr. Bis auf Belgien seien europaweit Flächeneinschränkungen vorgenommen worden. Mit Ausnahme der Niederlande sei auch in allen EU-Staaten die Stärkekartoffelfläche reduziert worden. Für die Konsumkartoffelversorgung ist EU-weit ein Anbaurückgang von 3 % anzunehmen. In den Niederlanden dürften jedoch sowohl mehr Konsum- als auch Stärkekartoffeln wachsen.
Sehr kleine Ernte
Für den Preisverlauf und das Preisniveau der Saison 2010/11 sind die Erträge entscheidend, stellte Hambloch klar. Eine Ernteschätzung war aber seinen Angaben zufolge zur PotatoEurope noch sehr unsicher, weil der ungewöhnliche Witterungsverlauf kaum grundsolide Prognosen zuließe. Ein Merkmal des Jahres sei jedoch, dass mit sehr starken schwankenden Erträgen je nach Region gerechnet werden muss. Beregnete und unberegnete Flächen würden sich um den Faktor 3 bis 4 unterscheiden. Auch die bisherigen Proberodungen haben laut Hambloch gezeigt, dass die Unterwasser-Gewichte sehr niedrig sind und es auch an der nötigen Knollengröße fehle. Für Flockenkartoffeln prognostizierte der Marktexperte ähnliche Ergebnisse wie für die Stärkekartoffeln. Auch in diesem Bereich würden jedoch niedrigere Unterwasser-Gewichte gemeldet. Bei Chipskartoffeln sehe es ähnlich aus. Durch die verbreitete Beregnungsmöglichkeit würden im östlichen Teil Niedersachsens schon fast durchschnittliche Erträge eingebracht, während im Westen ohne Beregnung einiges an Ertrag fehlen dürfte. Die niedrigeren Stärkegehalte könnten bei den Chipskartoffeln unter bei günstigen Rodebedingungen zu besserer Qualität und höheren Ausbeuten führen.
Exportchancen wachsen
Die Frittenhersteller erwarten laut Hambloch im Süden und Norden mit Beregnung fast normale Erträge. Ohne Beregnung müssten jedoch auch hier Abstriche gemacht werden. Die Situation im europäischen Ausland ist folgendermaßen: in Belgien stehen trotz der Anbauausdehnung wahrscheinlich nur genauso viele Kartoffeln zur Verfügung wie im Vorjahr.
In den Niederlanden sei trotz Flächenausdehnung mit Mindermengen zu rechnen. In Skandinavien könnten die Landwirte in einigen Gebieten normale Erträge einfahren. In Polen habe es frühzeitig Totalausfälle auf einigen Flächen gegeben. Auch im weiteren Verlauf der Vegetationsperiode sei es zu weiteren Rückschlägen gekommen. Insgesamt wird laut Hambloch die 2010/11 in Südosteuropa verfügbare Menge durch einen verkleinerten Anbau und durch Qualitätsprobleme eingeschränkt sein. Insbesondere in Polen rechnete der Marktexperte mit einem höheren Importbedarf. Alle Rahmenbedingungen würden daher darauf hindeuten, dass die diesjährige Kartoffelernte die kleinste aller Zeiten wird. Aus diesem Grund seien die Preise für die Rohstoffe auch schon vergleichsweise hoch. Wie üblich herrsche jedoch kurz vor der Einlagerung ein enormer Angebotsdruck. Die gesamte Erntemenge sei bald verfügbar und die Entscheidung für eine Einlagerung falle bei den zunächst noch hohen Preisen schwer. Beachtet werden müsste auch, dass gerade zu Beginn der Vermarktungsperiode lagerkritische Kartoffeln und die Ernten von den Vorgewenden auf den Markt drücken würden. Der Handel suche zudem billige Ware, die er für Bevorratungsaktionen mit größeren Gebinden nutzen könne.
Nach Einschätzung von Hambloch könne sich diese Situation jedoch zu einem späteren Zeitpunkt rasant ändern. Fakt sei, dass es in diesem Jahr nirgends auf der Welt viele Kartoffeln geben wird. Besonders spektakulär dürfte es Russland treffen. Hier würden die Ernteverluste aufgrund der großen Hitze und Trockenheit auf 30 bis 40 % beziffert. Dadurch könnten allein dort 10 Mio. t Kartoffeln fehlen, was ungefähr der Ernte in Deutschland entspricht. Die befürchtete Knappheit an Rohware werde dazu führen, dass die Nachfrage nach Kartoffeln aus Deutschland weiter anziehen werde und wahrscheinlich auch den Ausfuhrrekord des Vorjahres in Höhe von 1,63 Mio. t übertreffen wird. Bei Konsumkartoffeln dürften die kleineren Kaliber meist nicht stören, da auch Frankreich, Hauptlieferland für Süd- und Osteuropa, nicht allzu viele dicke Kartoffeln habe.
Einschließlich der Lieferungen von Kartoffelprodukten ins Ausland hätten Deutschland im vergangenen Jahr umgerechnet in Frischgewicht 5,2 Mio. t Kartoffeln verlassen. Das sind laut Hambloch 15 % mehr als im Jahr zuvor. Bei dem prog- nostizierten Nachfragesog werde daher über den Winter noch einiges am Markt geschehen, betonte der AMI-Mitarbeiter. Ein hohes Preisniveau erwarten für das nächste Frühjahr auch die Anbieter von Speisefrühkartoffeln aus den Mittelmeerländern, was sich an der erhöhten Nachfrage nach Pflanzgut bereits ablesen lässt. Einer Produktionsausdehnung seien aber enge Grenzen gesetzt.
Weiterhin sei damit zu rechnen, dass Israel oder Ägypten ihre Kunden in Osteuropa und Russland in den nächsten Monaten umfangreicher versorgen müssen. Der hiesige Kartoffelmarkt werde deshalb ab März 2011 im Frischebereich nennenswerte Ergänzungen durch Importe erfahren. Diese größeren Mengen werden laut Hambloch aber nicht die vorgezeigte Entwicklung beeinträchtigen. Er geht eher davon aus, dass die enge Versorgungslage 2010/11 auch noch Auswirkungen auf die Frühkartoffelsaison 2011 haben wird.
In preislicher Hinsicht sei festzuhalten, dass für Speisekartoffeln bereits Preise von 20 bis 30 €/dt und für Frittenkartoffeln von 16 bis 23 €/dt genannt worden seien. Angesichts der Qualitätsprobleme bezüglich des Unterwasser-Gewichtes und dem mangelhaften Übergrößenanteil glaubte der Marktexperte nicht, dass Frittenrohstoff günstiger als Speisekartoffeln werden wird. Für das späte Frühjahr hielt er ein Kursniveau von 25 bis 30 €/dt für möglich. Aus den Meldungen der EU-Staaten zu den diesjährigen Erträgen hat Hambloch mit 56,0 Mio. t eine Menge errechnet, die um 10 % oder rund 6 Mio. t geringer ist, als im Vorjahr. Hierbei handele es sich jedoch um reine Bruttomengen. Netto könnte der Abstand aufgrund von Qualitätsproblemen noch größer ausfallen.
Die Verbraucher müssten sich vielerorts auch auf eventuelle Makel auf der Schale zufrieden geben. Auch die Pommes frites dürften etwas kleiner als normal ausfallen. Unter dem Strich rechnet Hambloch in 2010 mit einer Ernte von rund 9,8 Mio. t Kartoffeln. Mit dieser Schätzung blieb er noch unter der ersten Ernteprognose des Bundesministeriums für Landwirtschaft, die eine mögliche Erntemenge von 10 Mio. t prognostiziert hatten. Endgültige Zahlen wird das Ministerium aber erst am 23. September auf einer Pressekonferenz präsentieren.
Jörg Renatus, Europlant Pflanzenzucht GmbH, Lüneburg, geht auch bei den Pflanzkartoffeln von geringeren Erträgen als im Vorjahr aus. Er prognostizierte auf der PotatoEurope ein mengenmäßiges Minus von 15 bis 20 %. Positiv sei aber zu vermerken, dass im Durchschnitt kleinere Kaliber anfallen, was mehr Knollen je Einheit bedeute. Aufgrund ausgebliebener Läuse-, Pilz- und Virusdrucksituationen dürfte auch die Gesundheit der Kartoffeln zufriedenstellend ausfallen. Ein Manko könnte die schwächere Schalenqualität in 2010 sein. Unberegnete Partien würden ferner mehr zur Rauschaligkeit neigen. Eine Preisaussage für Pflanzgut wollte Renatus noch nicht abgeben.
Hans-Martin Roffhack, RV Bank Rhein-Haardt, appellierte an die Frühkartoffelerzeuger, trotz der guten Preise für ihre Ware die Anbauflächen in 2011 nicht auszudehnen. Für den deutschen Markt sei die aktuelle Menge völlig ausreichend. Engpässe in der Versorgung seien nicht zu befürchten. Am Ende der Vermarktungsperiode werden seiner Einschätzung nach wieder ausgeglichene Märkte vorherrschen.