Mir der Hildesheimer Pflanzenschutztagung der Bezirksstelle Northeim startet alljährlich der Reigen von Pflanzenschutzversammlungen im Gebiet der LWK Niedersachsen. Hier werden erste Lehren aus der abgeschlossenen Saison gezogen und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Im Fokus stehen 2011 die neuen Bixafen haltigen Fungizide, die in den bisherigen Versuchen eine höhere Erlösdifferenz erbracht haben als ältere Vergleichsmittel.
In anfälligen Weizensorten konnte bei höheren Niederschlägen auch in 2010 ein höherer Befall mit Septoria tritici bonitiert werden. Foto: Raupert
Um die variablen Kosten im Zaum zu halten, müssen nach Möglichkeit Einsparungen auf der Input-Seite, also auch beim Pflanzenschutz, ohne Ertragsverzicht vorgenommen werden. Dies ist die hohe Kunst des Ackerbaus und auch das Ziel für das nächste Vegetationsjahr. Erstmalig stand auf der Fachtagung in der vergangenen Woche in Hildesheim auch der Winterraps mit auf der Tagesordnung. Diese Fruchtart hat bundesweit Flächenzuwächse zu verzeichnen, im Sommer 2011 hat aber die Witterung manche Anbaupläne durchkreuzt.
Raps verlangt bei der Bestandesführung viel Fingerspitzengefühl. Wolfgang Rudolph, Berater bei der Bezirksstelle Northeim, berichtete, dass die im Herbst 2009 erfolgte Azol-Behandlung in den sehr wüchsigen Beständen hoch wirtschaftlich gewesen ist. Sie hat im Wesentlichen ein Überwachsen verhindert und die Winterfestigkeit deutlich verbessert.
Die Versuchsergebnisse haben laut Rudolph gezeigt, dass das Präparat Carax im Vergleich zu Caramba besonders in der frohwüchsigen Sorte NK Petrol für eine bessere Einkürzung gesorgt hat. Bei dem extrem langen und harten Winter 2009/10 sei auch die Winterfestigkeit gefordert gewesen. Im Gegensatz zur Kontrolle, die bis zu 70 % Auswinterungsschäden aufgewiesen habe, konnte die Auswinterungsrate bei Carax auf 10 % und bei Caramba auf 30 % begrenzt werden. Unter dem Strich seien alle Behandlungen, sowohl im Herbst als auch im Frühjahr, hoch wirtschaftlich gewesen. Achten sollten die Landwirte bei der Dosierung der Mittel jedoch darauf, welche Sorten sie behandeln wollen. Während mittel bis lange Sorten wie Adriana und NK Petrol höhere Aufwandmengen von z. B. Carax (0,7 bis 1,0 l/ha) erfordern, kommen die kürzeren Sorten wie Vision, Galileo oder Lorenz mit 0,5 l Folicur/Caramba bzw. 0,4 l Carax aus.
Wichtige Maßnahme
Während ein vorzeitiges Absterben der Bestände durch die Rapswelke (Verticillium) mit Fungiziden nicht gestoppt werden kann, ist ein Einsatz der hochaktiven Fungizide wie Ortiva, Proline, Cantus Gold oder Harvesan gegen Abreifekrankheiten wie Sklerotinia hoch wirtschaftlich. Die Versuche 2010 hätten hier positive Erlösdifferenzen zwischen 7 % (Proline und Cantus) bis zu 11 % bei Ortiva gezeigt. Sehr gute Ergebnisse hat eine Behandlung im Stadium ES 63 (30 % der Blüten sind geöffnet am Haupttrieb) erbracht. Der optimale Zeitpunkt sei jedoch in ES 65 zur Vollblüte, wenn 50 % der Blüten geöffnet sind. Richtschnur für den Spritzzeitpunkt sollte sein, dass sich die Rapsbestände nach der Spritzdurchfahrt noch wieder aufrichten können.
Voraussetzungen für eine verlustarme Blütenbehandlung sind laut Rudolph möglichst große Arbeitsbreiten und der Einsatz einer Technik mit großer Bodenfreiheit. Positiv sei auch die Anbringung von Abweisern am Schlepper. Auf jeden Fall sollte man bei der Spritzung langsam fahren und möglichst abends behandeln, weil dann die Pflanzen elastischer sind. Sinnvoll könnte es auch sein, im Vorfeld die Fahrgassen etwas stärker einzukürzen, um den Schaden bei der Blütenspritzung geringer zu halten.
Bei der Bekämpfung von Rapsschädlingen ist der Einsatz von Gelbschalen unverzichtbar, um die Insektizidspritzung nach den Bekämpfungsrichtwerten einzuplanen. Bei der Auswahl der geeigneten Raps-Insektizide sollten sich die Bauern an den Empfehlungen des Julius-Kühn-Institutes orientieren. Die Wissenschaftler haben eine Resistenzstrategie entwickelt, die in Abhängigkeit des Schädlingsauftretens und des Entwicklungsstadiums der Pflanze konkrete Mittelempfehlungen geben. Im Mittelpunkt stehen hierbei die wirkungsvolle Bekämpfung des Rapsglanzkäfers und der Schutz der Bienen.
Stillstand bei Rüben
Mit Sorge wird von der Praxis aufgenommen, dass sich hinsichtlich der Wirkstoffauswahl bei der Unkrautbekämpfung im Zuckerrübenanbau seit Jahren nur wenig Neues ergeben hat. Wie Sven Weste, Bezirksstelle Northeim, berichtete, werden die meisten Probleme seit langem durch die drei Hauptwirkstoffe Phenmedipham, Ethofumesat und Metamitron gelöst. Positiv sei, dass die Verträglichkeit und die Handhabung in den vergangenen Jahren deutlich verbessert worden ist. In den meisten Fällen ist durch den dreimaligen Einsatz dieser Wirkstoffe im Nachauflauf eine gute Wirkung gegen die Hauptunkräuter zu erzielen.
Sorge bereiten allerdings im Zuckerrübenanbau auch zunehmend Problemunkräuter wie der Weiße Gänsefuß, Ausfallraps, Hundspetersilie oder auch das in mehreren Wellen auflaufende Bingelkraut. Hier reichen häufig die drei genannten Wirkstoffe nicht allein zur Bekämpfung aus. Es bleiben somit deutlich höhere Aufwandmengen oder die Ausbringung einer vierten Behandlung mit Spezialherbiziden wie Rebell, Debut, Lontrel oder Spectrum.
Wichtig ist nach Angaben von Weste, den Spritzbeginn nach den Unkrautstadien auszurichten und auf eine gute Benetzung zu achten. Von besonderer Bedeutung seien die NAK 1 und NAK 2. Bei der Planung sollte darauf geachtet werden, den auswaschungsgefährdeten Wirkstoff Chloridazon (Rebell) nicht im Vorauflauf bzw. in Wasserschutzgebieten auszubringen, betonte der Berater. Die Resistenzen beim Weißen Gänsefuß, die besonders in engen Fruchtfolgen mit Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln auftreten, stufte er als beherrschbar ein, wenn robuste Aufwandmengen, insbesondere bei Trockenheit, gewählt werden.
Größere Minderwirkung
Mit Antagonismen bei der Ungrasbekämpfung in Wintergetreide im Frühjahr und Konsequenzen für die Empfehlung 2011 beschäftigte sich in Hildesheim Heinz Bremeyer. Beim Einsatz von Herbizidmischungen müsse darauf geachtet werden, dass es bei einer falschen Wahl der Mischungspartner zu Antagonismen und somit zu Minderwirkungen kommen kann. Als Beispiel führte Bremeyer das Präparat Axial an, das nach einem alleinigen Einsatz und einer nachfolgenden Spritzung mit Primus und Artus eine 100%-ige Wirkung gegen Ackerfuchsschwanz gezeigt hat. Bringe man jedoch Axial zusammen mit Primus aus, reduziere sich die Wirkung im Feld auf nur noch 50 %. In diesem Fall würden sich also die Wirkstoffe gegenseitig hemmen.
Auch in einem anderen Fall zeigen sich deutliche Antagonismen. So wurden Windhalm und Ackerfuchsschwanz mit der Mischung Axial + FHS zu 100 % bzw. zu 98 % erfasst. Setze man dagegen dieser Mischung noch Pointer hinzu, sinke der Wirkungsgrad auf nur noch 79 % ab. Über diese Zusammenhänge sollte man sich vorab informieren, um Minderwirkungen auszuschließen. Außerdem sind Minderwirkungen bei blattaktiven Herbiziden bei Luftfeuchten unter 60 % einzuplanen. Weitere Gründe für Minderwirkungen können unzureichende Bodenfeuchten oder auch zu niedrige Temperaturen bei der Applikation sein.
Bremeyer zeigte ferner auf, dass insbesondere die Phenylharnstoffe (z.B. Chlortoluron und Isoproturon), die FOPs, DENs und DIMs (z.B. die Präparate Ralon Super, Topik, Axial, Agil, Fusilade oder Focus Ultra) sowie die Sulfonylharnstoffe (z.B. Attribut, Lexus, Atlantis, Broadway, Husar, Monitor) als Wirkstoffgruppen zunehmend von Resistenzentwicklungen betroffen sind. Bei der Planung und Auswahl der Herbizide für die Frühjahrsspritzung sollte unbedingt die Einstufung der Mittel in Resistenzklassen beachtet werden. Während die genannten Herbizide ein hohes bis mittleres Resistenzrisiko aufweisen, gebe es andere Präparate mit nur geringem Resistenzrisiko wie z. B. Bacara Forte, Herold und Callisto.
Bremeyer riet dazu, vorsichtig mit den zur Verfügung stehenden Wirkstoffen umzugehen, da es in naher Zukunft keine neuen Wirkstoffklassen geben wird. Mit einem Wirkstoffwechsel bzw. der Mischung verschiedener Wirkstoffe könne das Risiko gesenkt werden. Sulfonylharnstoffe sollten am besten nur einmal in drei Jahren eingesetzt werden. Windhalm sollte nach Möglichkeit im Herbst mit einem Bodenherbizid bekämpft werden. Bei allen Einsätzen gegen Ungräser sollten immer hohe Wirkungsgrade angestrebt werden, um die Resistenzentwicklung zu verlangsamen.
Neue Fungizide
Aktuelle Ergebnisse und Empfehlungen zum Fungizideinsatz in Winterweizen gab in Hildesheim Dr. Christoph Brandfaß, Fachgruppenleiter in Northeim. Er zeigte auf, dass die Sensitivität von Septoria tritici gegenüber den häufig eingesetzten Triazolen nachlässt. Versuche hätten gezeigt, dass von 1992 bis 2006 die Wirkungsstärke von rund 80 % auf 50 % abgenommen habe. Außerdem treten mittlerweile unterschiedliche Septoriarassen auf. Am weitesten verbreitet sind seinen Angaben zur Folge die mit geringerer Sensitivität ausgestatteten Typen R6 und R7, die jedoch durch den Einsatz der Triazole eher gefördert werden. Gegensteuern könne man hier mit dem Wirkstoff Prochloraz (Cirkon), der gegen diese Stämme eine spezifische Wirkung zeige und somit der Selektion entgegenwirke. Auch Fungizide wie das Bravo seien empfehlenswert, da sie alle Stämme gleichermaßen erfassen. Für die nachhaltige Bekämpfung von Septoria tritici spiele daher die Verschiedenheit der Wirkstoffe auch innerhalb der Azole eine Schlüsselrolle.
Mit Spannung werden von der Landwirtschaft im kommenden Jahr die neuen SDHI-Fungizide aus der Gruppe der Carboxamide erwartet. Sie weisen ein breites Wirkungsspektrum mit einer leichten Schwäche bei Mehltau auf und wirken vorwiegend protektiv. Außerdem zeigen sie eine deutliche physiologische Leistung und bestechen durch ihre ausgeprägte Dauerwirkung.
Problematisch sei, dass ihr Wirkmechanismus dem der Strobilurine ähnelt, die nach kurzer Zeit durch Resistenzentwicklungen viel von ihrer Stärke eingebüßt hatten. Während im Feld von den Carboxamiden bereits erste Resistenzmutanten bei Grauschimmel, Alternaria oder auch Sklerotinia gefunden worden seien, sind laut Brandfaß bei den Getreidepathogenen im Feld noch keine Sensitivitätsverluste ermittelt worden. Im Labor konnten diese dagegen durch Mutagenese schon erzeugt werden.
Vorsicht ist also angesagt, sodass die Empfehlung, Bixafen haltige Präparate wie z. B. Aviator Xpro (Proline+Bixafen) nur einmal in Spritzfolgen einzusetzen, verständlich ist. Gegen Septoria sollten gerade bei der ersten Behandlung zur Resistenzvermeidung auch Altwirkstoffe eingesetzt werden. Bewährt habe sich hier z.B. die Mischung aus Cirkon + Bravo in ES 31/32. Je nach Risikofaktoren sollten auch die Ährenfusariosen beachtet werden. In Extremfällen sollte Prosaro in ES 63 mit DON-Q kombiniert werden.