dpa: Herr Kraemer, ihre schlechten Nachrichten kamen ausgerechnet an Freitag, dem 13. War das bewusst gewählt oder reiner Zufall?
Kraemer: Das ist reiner Zufall. Es waren ja auch nicht nur schlechte Nachrichten.
dpa: Was sind die Gründe für die Herabstufung von neun Euro-Staaten?
Kraemer: Was wir fast für alle Eurozonen-Länder angepasst haben, ist unsere Beurteilung des politischen Faktors. Und "politisch" bedeutet nicht, dass wir politisch bestimmte Präferenzen hätten bezüglich einer Partei oder einer parteipolitische Richtung oder Ähnliches, sondern die Effektivität der Politik. Und hier hatten wir nach der detaillierten Analyse der Ergebnisse des Gipfels in Brüssel vom 8./9. Dezember und darauf folgenden Verlautbarungen von Politikern den Eindruck gewonnen, dass hier nicht der Durchbruch gelungen ist, um diese Krise in den Griff zu bekommen. Das heißt wir glauben, dass die Art und Weise wie Politik formuliert und implementiert wird, der Schwere der Krise nach wie vor nicht gerecht wird. Wir glauben, dass die Risiken einer Ausweitung und Verschärfung der Krise zunehmen. Das liegt zum einen daran, dass sich das wirtschaftliche Umfeld stark eintrübt. Wir gehen mit einer 40-prozentigen Wahrscheinlichkeit von einer Eurozonen-Rezession aus. Das hängt auch damit zusammen, dass wir gerade im 1. Quartal erheblichen Refinanzierungsbedarf haben und zwar nicht nur bei den Staaten, sondern auch bei den Banken.
dpa: Zuletzt gab es Signale für Entspannung - ist S&P zu pessimistisch?
Kraemer: Es ist liegt in der Natur der Sache, dass verschiedene Betrachtungsweisen möglich sind. Ich bin gar nicht so sicher, dass die EZB tatsächlich Entwarnung gegeben hat. Ich interpretiere die Aussagen der EZB nicht dahingehend, dass wir die Krise jetzt hinter uns haben. Unser Bild ist ja auch differenziert.
dpa: Verschärft S&P mit den unterschiedlichen Bewertungen nicht das Auseinanderdriften der Eurozone?
Kraemer: Sie dürfen nicht vergessen, dass selbst nach den gestrigen Ratingaktionen die Ratings in der Eurozone noch sehr stark sind. Wir unterstützen durchaus die Auffassung der französischen Regierung, die sagt, dass ein "AA+" durchaus ein sehr gutes Rating ist, das ist das zweitbeste von 21 Ratings. Das ist gewissermaßen - wenn Sie das in Schulnoten sehen - eine Herabstufung von 1+ auf 1. Da muss man dann auch die Kirche im Dorf lassen.
dpa: Warum schneidet Deutschland besser ab - die Beschlüsse des EU-Gipfels von Anfang Dezember gelten doch für die gesamte Eurozone?
Kraemer: Nach unserem Dafürhalten ist die Situation in Deutschland so, dass selbst wenn wir unser Negativszenario mit einer Rezession und einer langanhaltenden Wachstumsschwäche betrachten, Deutschland stark genug aufgestellt ist, um weiterhin die Höchstnote zu behalten. Die Wachstumsaussichten sind in Deutschland nach unserem Dafürhalten klarer nicht rezessiv als beispielsweise in Frankreich.
dpa: Sehen Sie Risiken für den stabilen Ausblick Deutschlands?
Kraemer: Man darf die Sache natürlich auch nicht zu einseitig schönreden: Deutschland hat auch eine hohe Schuldenlast.
dpa: Muss S&P jetzt nicht konsequenterweise den Rettungsschirm EFSF herabstufen?
Kraemer: "Der EFSF hat bestimmte Möglichkeiten der Anpassung. Wir werden analysieren, was auf EFSF-Seite geplant ist und dann zeitnah entscheiden. Die Anleihen des EFSF sind - zumindest bis zum 12. Januar - zu 100 Prozent durch "AAA"-Garantien abgedeckt gewesen. Allein aus dieser Tatsache resultiert das "AAA" des EFSF. Jetzt haben wir eine Herabstufung von Österreich und Frankreich und gerade Frankreich ist ein erheblicher Garantiegeber, der zweitgrößte nach Deutschland, damit ist diese 100-prozentige Deckung zunächst nicht mehr erreicht. Das Rating für den EFSF ist nach wie vor auf CreditWatch. Wir müssen jetzt analysieren: Finden Anpassungsmaßnahmen statt, die diesen Verlust von "AAA"-Garantien kompensieren. Wenn das nicht der Fall ist, ist davon auszugehen, dass das Rating auch entsprechend herabgestuft wird. Wir werden uns dazu zeitnah äußern.
dpa: Hat sich auch etwas verbessert seit dem EU-Gipfel Anfang Dezember?
Kraemer: Die EZB hat den Investoren zwar nicht den ganz großen Herzenswunsch erfüllt und sich stärker direkt im Staatsanleihenmarkt engagiert, hat aber die Situation im europäischen Bankensektor zumindest kurzfristig sehr deutlich entschärft. Wir glauben, dass die EZB durch ihre Aktionen die Wahrscheinlichkeit eines völligen Kollapses des Finanzsystems spürbar reduziert hat.
dpa: Und die Politik hinkt weiter hinterher?
Kraemer: Die Politik setzt auf Sparen. Allerdings: Wenn jeder spart, überall die Ausgaben zurückgefahren werden und die Nachfrage schrumpft, haben wir natürlich ein erhöhtes Risiko von tiefen und langanhaltenden Rezessionen.
dpa: Was raten sie der Politik?
Kraemer: Es ist nicht unsere Aufgabe, der Politik Vorgaben zu machen, das steht uns auch nicht zu.
dpa: Warum wird gerade Frankreich herabgestuft, wo in Kürze Wahlen stattfinden?
Kraemer: «Es ist ja nicht nur Frankreich, wir haben 16 Ratingaktionen gleichzeitig herausgegeben. Es finden immer irgendwo Wahlen statt. Wer unsere Mitteilung zu Frankreich durchliest wird sehen: Es gibt keinerlei Kritikpunkte an der französischen Regierung oder die Meinung, dass die Opposition es besser machen würde.