Samstag, 26.05.2012
Russland: Getreideexportstopp offenbar bis Ende 2011 verlängert
Moskau/Kiew - In Russland zeichnet sich eine Verlängerung des Ausfuhrverbots für Getreide bis Ende dieses Jahres ab. In der Ukraine bleiben die Getreideexporte bis zum Ablauf des aktuellen Wirtschaftsjahres kontingentiert.
Die Getreidepreise liegen in Russland derzeit bei 6.500 Rubel (162,73 Euro) bis 7.000 Rubel pro Tonne (175,25 Euro).
© Mühlhausen/landpixel
Wie der für die Agrar- und Ernährungswirtschaft zuständige erste stellvertretende russische Ministerpräsident Viktor Subkow vergangene Woche mitteilte, dürfte selbst die Aussicht auf eine gute
Getreideernte keine frühere Aufhebung des Exportstopps seines Landes rechtfertigen. Subkow erinnerte in diesem Zusammenhang an die Prognose für die
Getreideernte 2010, die zunächst bei 90 Millionen Tonnen gelegen habe; tatsächlich seien jedoch nur knapp 61 Millionen Tonnen eingefahren worden. Zugleich stellte der Minister klar, dass er die Warnung der Russischen Getreideunion vor einem eventuellen Preisabsturz am Getreidemarkt nicht teile. Derzeit gingen die
Getreidepreise fließend zurück, und diese Entwicklung sei zu erwarten gewesen. Mit 6.500 Rubel pro Tonne (162,73 Euro) bis 7.000 Rubel pro Tonne (175,25 Euro) seien die Preise in Russland momentan „weder zu hoch noch zu niedrig“ (100 Rubel = 2,5036 Euro).
Gemäß einer inzwischen von Ministerpräsident Wladimir
Putin unterzeichneten Regierungsverordnung sollen bis zu 1,4 Millionen Tonnen Futterweizen und 982.000 Tonnen Futtergerste aus dem nationalen Getreideinterventionsfonds ohne Ausschreibungen unter den landwirtschaftlichen Produzenten verteilt werden, die in den von Marktdefiziten betroffenen Regionen wirtschaften. Die dafür festgelegten Verkaufspreise liegen inklusive Mehrwertsteuer bei 4.550 Rubel pro Tonne (113,91 Euro) für Futterweizen beziehungsweise 4.200 Rubel (105,15 Euro) für Futtergerste.
Landwirte werfen Getreide auf den Markt
Die Russische Getreideunion geht davon aus, dass die
Getreideernte 2011 nicht unter 76 Millionen Tonnen liegen wird; das würde den auf 70 Millionen Tonnen geschätzten Binnenbedarf auf jeden Fall decken. Verbandspräsident Arkadij Slotschewskij machte deutlich, dass man unter günstigen Verhältnissen auch eine Gesamtmenge von 86 Millionen Tonnen erreichen könnte. Allerdings habe sich aufgrund der kalten Witterung der Beginn der Frühjahrsbestellung im Landesdurchschnitt gegenüber dem vergangenen Jahr um rund drei Wochen verspätet.
Den aktuellen Rückgang der
Getreidepreise führte Slotschewskij auf die Auswirkungen der laufenden Auktionsverkäufe von Ware aus Interventionsbeständen zurück; zudem seien etwa fünf Millionen Tonnen Getreide am russischen Markt aufgetaucht, die von den Landwirten bislang nicht gemeldet worden seien. Da die Agrarproduzenten nicht mit Preissenkungen gerechnet hätten, wollten sie die Ware jetzt so schnell wie möglich loswerden. Unterdessen hat eine Unterkommission für Zolltarifpolitik der russischen Regierung entschieden, Importzölle auf Tomaten, Gurken und Cornichons sowie Äpfel auszusetzen. Der Regelzoll auf diese Produkte beträgt 15 Prozent. Die Entscheidung muss allerdings noch von der Kommission der russisch-weißrussisch-kasachischen Zollunion bestätigt werden. Der stellvertretende russische Wirtschaftsminister Andrej Slepnjow teilte nach einer Sitzung der Unterkommission mit, dass das Gremium den Vorschlag abgelehnt habe, auch die Importzölle auf Trockenmilch und Tee auszusetzen.
Kiew verlängert Kontingentierung der Getreideexporte bis Ende 2010/11
Die Entscheidung fiel am vergangenen Mittwoch, nur einen Tag vor Ablauf der bisherigen Frist. Während die Kontingente für Weizen und
Gerste nach wie vor bei einer Millionen Tonnen beziehungsweise 200.000 Tonnen liegen, wurde die Ausfuhrquote für Körnermais nach Angaben von Landwirtschaftsminister Nikolai Prisjashnjuk um zwei Millionen Tonnen auf jetzt fünf Millionen Tonnen heraufgesetzt. Der Minister kündigte Ausschreibungen von Ausfuhrquoten an, um die Verteilung unter den einzelnen Handelsgesellschaften transparenter zu machen. Dazu muss das Parlament in Kiew jedoch noch einem entsprechenden Gesetz zustimmen. Die Kontingentierung der Getreideausfuhren war zunächst bis Ende Dezember 2010 befristet gewesen, wurde dann aber um drei Monate verlängert.
Anfang dieses Jahres hatte Kiew die maximale Ausfuhrmenge für Körnermais um eine Millionen Tonnen von drei Millionen Tonnen erhöht; aufgestockt wurde auch das Kontingent an Weizen einschließlich Menggetreide, und zwar um 500.000 Tonnen auf eine Millionen Tonnen. Seit der Einführung der Exportbeschränkung waren die Ausfuhrquoten zweimal vom Wirtschaftsministerium verteilt worden. Von den Händlern war vor allem eine fehlende Transparenz der Entscheidungen scharf kritisiert worden, aber auch das Prozedere um angebliche technische Mängel; so hatten mehrere Händler die für eine Antragstellung erforderlichen Nachweise aus dem Landwirtschaftsministerium nicht rechtzeitig erhalten.
Exportzölle vorgeschlagen
Offensichtlich gehen innerhalb der ukrainischen Führung die Meinungen über die Fortführung der Exportkontingentierung nach wie vor auseinander. Erst am Dienstag vergangener Woche hatte die erste stellvertretende Präsidialamtschefin Irina Akimowa erklärt, auf die Kontingentierung sollte ab Anfang April verzichtet werden. Nach ihren Worten hatte Staatsoberhaupt Viktor Janukowitsch gefordert, den Ausfuhrstopp durch entsprechende zollpolitische Maßnahmen zu ersetzen, sofern eine Beschränkung der Getreideausfuhren weiterhin erforderlich sei. Janukowitsch habe mit der Regierung schon im vergangenen Jahr über die Zweckmäßigkeit der Exportkontingente diskutiert und dabei auch auf die mangelnde Transparenz bei deren Vergabe hingewiesen.
Landwirtschaftsminister Prisjashnjuk reagierte umgehend und stellte klar, dass es die derzeitige Situation am Markt nicht zulasse, Exportzölle an Stelle der Kontingentierung einzuführen. Noch am gleichen Tag wurde vom Wirtschaftsministerium der Entwurf eines Kabinettsbeschlusses veröffentlicht, der eine Fortsetzung der Exportbeschränkung bis Ende 2010/11 vorsieht. Das Finanzministerium bevorzugt hingegen offenbar die Einführung von Exportzöllen und hat dazu einen entsprechenden Entwurf vorgelegt. Dieser basiert auf Empfehlungen des nationalen Analysen- und Beratungsunternehmens UkrAgroConsult, das Exportabgaben vorschlägt, die bei Weizen neun Prozent, bei
Gerste 14 Prozent und bei Körnermais zwölf Prozent ausmachen sollten.
Zweifel an offizieller Ernteprognose
Gegen die Einführung von Exportzöllen auf Getreide hat sich die Ukrainische Agrarunion ausgesprochen. Diese würden von den Handelsgesellschaften zu Lasten der Getreideproduzenten voll auf die Ankaufpreise aufgeschlagen, argumentierte der Verbandsvorsitzende Gennadij Nowikow. Die Ukrainische Getreide-Assoziation (UGA), der vor allem Händler angehören, reagierte erwartungsgemäß mit Kritik auf die Verlängerung der Exportkontingentierung. UAK-Präsident Wladimir Klimenko wies darauf hin, dass sich die Marktüberschüsse an Getreide derzeit auf rund 1,5 Millionen Tonnen Weizen und 2,5 Millionen Tonnen Körnermais beliefen. Diese sollten im Ausland abgesetzt werden, um die Finanzierung der Frühjahrsbestellung zu gewährleisten, aber auch um die Lager für die neue Ernte frei zu machen. Erst danach könnte von Exporteinschränkungen die Rede sein.
Nach Klimenkos Angaben wurden seit Anfang 2010/11 fast drei Millionen Tonnen Weizen und 2,9 Millionen Tonnen Körnermais aus der Ukraine exportiert. Unterdessen hat die Ukrainische Agrarkonföderation (UAK) die Prognose des Kiewer Landwirtschaftsministeriums angezweifelt, wonach die diesjährige
Getreideernte bei 42 Millionen Tonnen liegen soll. Die UAK-Schätzung liege bei lediglich rund 37 Millionen Tonnen, erklärte der Generaldirektor der Organisation, Alexander Jaroslawskij. Die eher pessimistische Vorhersage berücksichtige auch die deutlich gestiegenen Kosten für Mineraldünger und einen dadurch bedingten Rückgang der Aufwandmengen. Im vergangenen Jahr war in der Ukraine die
Getreideernte einschließlich Körnerleguminosen laut Darstellung des nationalen Staatskomitees für Statistik gegenüber dem Vorjahr um 14,7 Prozent auf knapp 39,3 Millionen Tonnen zurückgegangen.
AgE
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