Samstag, 26.05.2012
Schmallenberg-Virus: Jetzt auch Thüringen und Brandenburg betroffen
München - Der Schmallenberg-Virus wurde mittlerweile auch in Thüringen, Brandenburg und Frankreich nachgewiesen. EU-Gesundheitskommissar Dalli warnt vor Kurzschlussreaktionen.
Der Schmallenberg-Virus wurde jetzt auch in Thüringen und Frankreich nachgewiesen.
© Beuermann/landpixel
Wie das Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit als oberste Veterinärbehörde am Montag bekannt gab, ist das Schmallenberg-Virus erstmals in einer Schafhaltung im Kyffhäuserkreis in Thüringen nachgewiesen worden. Bei einem erkrankten Schaflamm wurden die für die Viruserkrankung typischen Missbildungen vorgefunden. Die Erkrankung wurde durch eine Laboruntersuchung sowohl am Thüringer Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (TLLV) als auch am Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bestätigt.
Auch
in Brandenburg ist der Virus mittlerweile aufgetaucht.
Wie das Agrarministerium in Potsdam am Dienstag mitteilte, sind dort sechs Fälle diagnostiziert worden. Darüber hinaus ist die Zahl der vom Schmallenberg-Virus betroffenen Schafhaltungen in Schleswig-Holstein auf mittlerweile 17 gestiegen. Das teilt das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume mit. Seit vergangenem Freitag erhöhte sie sich über das Wochenende damit um acht Betriebe.
Das Virus sei bundesweit inzwischen in 147 Betrieben festgestellt
worden, teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI/Insel Riems) am
Dienstag mit Verweis auf Daten vom Montag mit. Darunter seien 8 Rinder-,
132 Schaf- und 7 Ziegenhaltungen.
Schmallenberg-Virus auch in Frankreich
Der Erreger wurde bei Lämmern von 13 Betrieben in sechs Departements im Norden Frankreichs festgestellt, wie das französische Landwirtschaftsministerium mitteilte. Die betroffenen Departements liegen in einem Gebiet von der Normandie bis zum französisch-deutschen Grenzgebiet. Damit sind inzwischen fünf EU-Mitgliedstaaten von der in Europa bisher nicht beobachteten Erkrankung der Wiederkäuer betroffen. Neben Frankreich sind das Deutschland, wo der erste Nachweis gelang, die Niederlande, Belgien und Großbritannien. In Paris wies das Agrarministerium das nationale Tiergesundheitsnetzwerk (RFSA) an, so schnell wie möglich einen serologischen Test und einen Impfstoff gegen die durch Stechmücken übertragene Virus-Erkrankung zu entwickeln.
Dalli warnt vor Kurzschlussreaktionen
Während die EU-Mitgliedstaaten zunehmend nationale Maßnahmen gegen das Schmallenberg-Virus ergreifen, warnt EU-Gesundheitskommissar John Dalli vor Kurzschlussreaktionen. Auf dem Agrarrat am Montag vergangener Woche plädierte Dalli für Verhältnismäßigkeit: Die Auswirkungen des Erregers auf die Tiergesundheit seien begrenzt. Ferner gebe es keine Anzeichen, dass Menschen empfänglich seien. Erst solle man die Verfügbarkeit weiterer Daten über die nächsten Monate hinweg abwarten, dann könne man die besten Maßnahmen treffen, um mit dem Problem umzugehen.
Staatssekretär Dr. Robert Kloos vom Bundeslandwirtschaftsministerium und sein niederländischer Amtskollege Henk Bleker riefen die Kommission auf, eine EU-weite Meldepflicht einzuführen. Dalli sicherte eine Prüfung zu, plädierte gleichzeitig jedoch für eine Antwort mit Augenmaß, um unnötige Verwerfungen auf dem Binnenmarkt sowie im Handel mit Drittländern zu vermeiden. „Es ist entscheidend, dass wir die Angelegenheit in der richtigen Perspektive betrachten“, so der Kommissar. Auch in Zukunft würden in Europa neue Tierkrankheiten auf den Plan treten. Man solle das Schmallenberg-Virus als Gelegenheit sehen, die EU-Instrumente zur Bekämpfung neuer Risiken zu kalibrieren.
Bund plant Meldepflicht
Am vergangenen Mittwoch kündigte das Bundeslandwirtschaftsministerium an, eine nationale Meldepflicht für Schmallenberg-Infektionen einzuführen. Über die dazu erforderliche Änderung der Verordnung über die meldepflichtigen Tierkrankheiten werde Ende März der Bundesrat entscheiden; danach könne die Meldepflicht in Kraft treten, teilte das Ministerium am vergangenen Mittwoch in Berlin mit. Diese sei erforderlich, damit sich die Veterinärbehörden einen umfassenden Überblick über das Krankheitsgeschehen verschaffen, die Ausbreitung beobachten und Bekämpfungsmaßnahmen ergreifen könnten.
Impfung erfolgversprechendste Lösung
Die agrarpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Christel Happach-Kasan erklärte, angesichts der bisher bekannten Fakten sei eine Impfung die erfolgversprechendste Lösung, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Es sei gut, dass die Länderbehörden und das Bundeslandwirtschaftsministerium die Zusammenarbeit mit den niederländischen Behörden verstärkt hätten. Die Ressortforschung müsse zusammen mit den Landesbehörden zügig Daten zur Ausbreitung, Übertragung und zum Krankheitsverlauf erheben. Die FDP-Politikerin wies darauf hin, dass das Schmallenberg-Virus durch heimische blutsaugende Insekten übertragen werde, womit es in seiner Epidemiologie der durch Impfungen erfolgreich bekämpften Blauzungenkrankheit ähnele. Das Blauzungenvirus war 2006 erstmals in Deutschland festgestellt worden. Durch flächendeckende Impfungen in den Jahren 2008 und 2009 konnte die Krankheit bundesweit eingedämmt werden. Nach mehr als 20.000 Blauzungenfälle 2007 war die Zahl der Erkrankungen 2008 auf 3.099 und 2009 auf nur noch acht zurückgegangen. Im vergangenen Jahr trat kein Fall dieser Infektion mehr auf.
pd
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