Ab dieser Woche kann sich die Bevölkerung in Niedersachsen gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Das Land hat zunächst 4,8 Millionen Dosen geordert. Damit könnten 30 Prozent der Bevölkerung - gut zwei Millionen Niedersachsen - zweimal gegen die Schweinegrippe geimpft werden.
Die Impfung startet in dieser Woche
Die Kosten für diese Menge an Impfstoff belaufen sich auf 43,2 Millionen Euro. Sie werden zunächst aus einem Fonds bezahlt, für den die gesetzlichen Krankenkassen etwa 60 Millionen Euro bereitgestellt haben.
Fraglich ist, wie viele Menschen sich impfen lassen. Zuletzt hatten zwei Drittel aller Norddeutschen eine Impfung abgelehnt. Die Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) wies darauf hin, dass der bisher glimpfliche Verlauf der Schweinegrippe mit lediglich 2.906 Fällen in Niedersachsen kein Anlass zur Beruhigung sei. Ross-Luttmann forderte die Bevölkerung auf, sich impfen zu lassen. „Wir wissen nicht, wie sich das entwickelt.“
Die Präsidentin der niedersächsischen Ärztekammer, Martina Wenker, warnte vor schwerwiegenden Folgen einer Verharmlosung. „Im Winter wird es sicherlich auch schwere Erkrankungen und Todesfälle geben.“ Die Impfung bleibe der wirksamste Schutz gegen eine Infektion.
Der Impfstoff, der von der kommenden Woche an von den Ärzten jeweils in Zehner-Einheiten von rund 400 Apotheken im Land angefordert werden kann, wird nur dann von den Krankenkassen bezahlt, wenn er auch wirklich eingesetzt wird. Reste sollen vernichtet und nachträglich vom Land bezahlt werden.
Als erstes soll der Impfstoff medizinischem Pflegepersonal und sogenannten Risikogruppen zur Verfügung stehen, für die eine Infektion schwerwiegende Folgen hätte. Einige Mediziner haben in den vergangenen Wochen vor angeblich unkalkulierbaren Nebenwirkungen bei den von der EU zugelassenen Impfstoffen Pandremix vom Pharmahersteller Glaxo-Smith-Kline und Focetria von Novartis gewarnt. Bei Tests an Erwachsenen klagten einige nach der Impfung über Beschwerden. Ein Großteil hatte Rötungen, Schwellungen und Druckschmerz an der Einstichstelle. Außerdem bekamen einige Kopfschmerzen, Fieber oder Gelenkschmerzen. Ansonsten verliefen diese Tests ohne schwerwiegende Nebenwirkungen. Daher wurden die Mittel auch von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) zugelassen.
Ein minimales Restrisiko besteht aber dennoch. Schließlich wurde beispielsweise der Impfstoff Pandremix bisher nur an mehreren tausend Probanden getestet. Laut Glaxo-Smith-Kline wurden mehr als 39.000 Probanden mit dem Adjuvans-verstärkten Impfstoff geimpft. Das sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung nicht sehr viele. Daher könnten unter Umständen seltene Nebenwirkungen unerkannt bleiben, die erst bei der Impfung von Millionen Patienten sichtbar werden.
Adjuvanzien sind Hilfsstoffe, mit denen die Wirkung des Impfstoffes verstärkt wird. Die Technik ist nicht neu, sondern wird auch bei vielen anderen Impfstoffen verwendet. Ein Adjuvanssystem hat dabei mehrere Effekte: Zum einen verstärkt es die Wirkung des Impfstoffes im Körper. Es sorgt also dafür, dass der Impfstoff besser und länger wirkt.
Adjuvanzien helfen aber auch, dass die Menge des Impfstoffes pro Dosis verringert werden kann - eben weil sie die wirkung des Impfstoffes verstärken. Das kann besonders bei Impfungen gegen drohende Pandemien wichtig sein. Schließlich können die Pharmahersteller innerhalb kurzer Zeit nur eine bestimmte Menge des Impfstoffes herstellen. Damit könnte nur eine bestimmte Anzahl von Menschen geimpft werden. Mit Hilfe des Adjuvanssystems kann die Impfstoffmenge jedoch so eingespart und „gestreckt“ werden, dass sie für deutlich mehr Menschen reicht. Im Fall von Pandremix spricht der Hersteller sogar davon, dass ohne Adjuvanzien nur ein Siebtel der bisher geplanten Impfdosen zur Verfügung stünde.
Die Bundeswehr hat allerdings den Impfstoff Celvapan ohne Adjuvantien bestellt. Warum kommt dieser Impfstoff ohne Adjuvanssystem aus? Celvapan enthält ganze Viren, im Gegensatz zu den anderen Impfstoffen, die nur aus Virenteilen bestehen. Die Viren wurden aber inaktiviert (abgetötet), damit sie keine Erkrankung verursachen können. Um im Körper eine Immunantwort auszulösen, braucht der Impfstoff keine Adjuvanzien. Ohne Nebenwirkungen geht es aber auch bei Celvapan nicht: Bei mehr als 1 von 10 geimpften Menschen wurden beispielsweise ebenfalls Schmerzen an der Injektionsstelle
beobachtet.
Ein weiterer Unterschied: Pandremix und Focetria werden wie für Grippe-Impfstoffe seit langem üblich mit Hilfe von Hühnereiern hergestellt, Celvapan aber wird auf Säugetierzellen (Vero-Zellen) gezüchtet.
Das aktuelle Interview: Diese Impfung ist sinnvoll
Schweinegrippe Wegen der bevorstehenden Impfaktion und der kontrovers geführten Diskussionen in den Medien befragte LAND & Forst-Redakteurin Maria Zdravkovic hierzu den Immunologen Prof. Dr. med. Matthias Stoll von der Medizinische Hochschule Hannover (MHH).
Ist die Impfung überhaupt sinnvoll?
Vorweg: Ja, diese Impfung ist sinnvoll! Wissenschaftlich gesehen ist dies schwer zu beweisen, denn wir können jetzt noch nicht wissen, wie gut die Impfung uns schützen kann. Daran entzünden sich derzeit die mit großem Eifer geführten öffentlichen Diskussionen. Wir müssen darauf vertrauen, dass sie so effektiv wie die übliche (saisonale) Grippeimpfung wirkt.
Wir wissen aber, dass Schwangere, chronisch Kranke aber auch gesunde Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ein erhöhtes Risiko haben, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen oder zu versterben. Davor kann die Impfung schützen.
Über Australien ist die Schweinegrippe bereits hinweggefegt - und hat zeitweise die Krankenhausversorgung empfindlich durcheinandergebracht: Weil alle Intensivstationen mit beatmeten Grippefällen verstopft waren, mussten für Wochen alle verschiebbaren Operationen abgesagt werden. Auch davor könnte uns eine breite Impfung der Bevölkerung in Deutschland bewahren.
Gibt es einen Unterschied zwischen Celvapan® und Pandemrix®?
Beides sind Impfstoffe, die allein gegen die neue Influenza A(H1/N1)-2009 gerichtet sind, auch Schweinegrippe genannt. Celvapan® ist ein (Stand Ende Okt. 2009) noch nicht erhältlicher Impfstoff ohne Wirkungsverstärker und Konservierungsstoffe, der inaktive, aber komplette Viren enthält. Pandemrix® ist ein Spaltimpfstoff, enthält nur für die Übertragung des Virus besonders wichtige Antigenbestandteile, den Wirkungsverstärker Squalen und den Konservierungsstoff Thiomersal.
Wenn ja, welcher Impfstoff ist besser?
Obwohl die Boulevardpresse das Celvapan®, als Impfstoff, der exclusiv für Politiker und Bundeswehrsoldaten beschafft wird, zum „Elite-Impfstoff“ geadelt hat, folgt dieser einem Impfkonzept, dass wegen potenziell mehr Nebenwirkungen und schlechterer Wirksamkeit zugunsten anderer Konzepte, wie dem des Spaltimpfstoffs, verlassen worden ist. Beide zugelassenen Impfstoffe sind aber gut dazu in der Lage, eine rasche Impfantwort hervorzurufen. Die bisherigen Studien zeigen keine Sicherheitsbedenken gegen eine breite Anwendung, aber relativ häufige Lokalreaktionen an der Einstichstelle und auch vorübergehende systemische Reaktionen wie erhöhte Temperaturen oder Muskelschmerzen. Die Impfstoffe sind erst seit Ende April 2009 zur Marktreife entwickelt worden, weil uns die damals erstmals aufgetretene Schweinegrippe mit ihrer seither raschen pandemischen Ausbreitung keine Zeit für Langzeitstudien lässt. Beide Impfstoffe sind übrigens niemals vergleichend getestet worden, deswegen weiß niemand, welcher besser ist.
Sollten auch Kleinkinder und Schwangere geimpft werden?
Entsprechend den Empfehlungen: vorrangig, soweit die Kinder älter als ein halbes Jahr sind. Für Kinder unter 10 Jahren wird eine reduzierte Impfdosis des adjuvantierten Impfstoffs Pandemrix empfohlen. Bei Schwangeren bestehen zwar einerseits Bedenken gegen beide Impfstoffe, vor allem weil diese aus ethischen Gründen an Schwangeren nicht geprüft werden konnten. Andererseits wird aber die Impfung wegen der hohen Risiken der Schweinegrippe in einer Schwangerschaft ab dem 4. Monat empfohlen, vorrangig mit dem nicht-adjuvantierten Impfstoff Celvapan®.
Wer sollte sich impfen lassen?
Dies ist die Reihenfolge mit der - gemäß den Empfehlungen der offiziellen Stellen und nach wissenschaftlich basierten Überlegungen - im Grunde die gesamte Bevölkerung sich impfen lassen sollte:
1. Beschäftigte in der Patientenversorgung
2. Chronisch Kranke Personen ab einem Alter von 6 Monaten
3. Schwangere (vorzugsweise ab dem 4. Monat) und Wöchnerinnen
4. Haushaltskontaktpersonen für ungeimpfte Risikopersonen (s. 2. und 3. und
Säuglinge unter 6 Monaten)
5. Alle übrigen Personen ab 6 Monaten bis 24 Jahren
6. alle übrigen Personen von 25 bis 59 Jahren
7. alle übrigen Personen ab 60 Jahre
Welcher Zeitraum sollte zwischen der normalen Grippeimpfung und der gegen Schweinegrippe liegen?
Celvapan darf nicht zeitgleich mit anderen Impfstoffen gegeben werden. Der für die deutsche Bevölkerung vorrangig beschaffte Impfstoff Pandemrix® hat diese Beschränkung nicht. Auch wenn dies möglicherweise einzelne Experten anders handhaben, werden wir ab jetzt vorrangig diejenigen, die noch nicht gegen die saisonale Grippe geimpft sind, aus praktischen Erwägungen zeitgleich mit der Schweinegrippe-Impfung auch gegen die saisonale Grippe impfen.
Zwischen erster und zweiter Schweinegrippeimpfung hingegen ist ein Mindestabstand von drei Wochen vorgeschrieben. Derzeit ist aber noch nicht endgültig entschieden, ob eine solche zweite Impfung überhaupt empfohlen wird.