Samstag, 26.05.2012
Schweiz: ABC der Milch-Segmentierung funktioniert noch immer nicht
Bern - Die Schweizer Branchenorganisation Milch (kurz: BOM) hat es derzeit nicht leicht: Sie kämpft mit ihrer Glaubwürdigkeit, denn die ist schlecht.
Die Umsetzung der Regeln zur Milchmarkt-Steuerung läuft derzeit alles andere als rund.
© Michael Simon/fotolia
Sie kämpft mit dem Butterberg, denn der schmilzt nur langsam. Und sie kämpft mit dem ABC, das sie selbst erfunden hat. Seit über einem Jahr müsste die in der Schweiz gehandelte Milch eigentlich in A-Milch für den geschützten Inlandsmarkt, B-Milch für Milchprodukte ohne Grenzschutz und C-Milch für den Export auf den Weltmarkt segmentiert werden. Dieses ABC ist genau definiert, die Milchkaufverträge sind allgemeinverbindlich. Doch die Auswertung dieser Verträge durch die BOM zeigt, dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen, teilt der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) in Bern mit.
Aufteilung in drei Segmente zur gezielten Marktsteuerung
Im A-Segment finden sich Milchprodukte mit Grenzschutz für den
lnlandsmarkt und solche mit Rohstoffpreisausgleich (beispielsweise die
Verkäsungszulage). Im B-Segment sind Milchprodukte ohne Grenzschutz
oder Rohstoffpreisausgleich für den lnlandsmarkt und den Export in die
EU vorgesehen sowie verkäste Milch für besondere Projekte wie Exporte
oder den lmportschutz. Im C-Segment sind ausschließlich
Molkereierzeugnisse, welche ohne Beihilfe für den Export außerhalb der
EU vorgesehen sind, wobei sämtliche Milchbestandteile ausgeführt werden
müssen.
Im
Jahr 2009 betrug die Gesamtmilchmenge im A-Segment laut BOM ca. 3,07
Mio. t, das sind etwa 90% der Milchmenge eines Jahres.
Die Segmentierung wurde am 01.01.2011 eingeführt, um - nach Abschaffung
der Milchquoten im Jahr 2009 - eine wirksame Marktsteuerung zu
schaffen. Trotzdem wurde im ersten Quartal des vergangenen Jahres
offiziell kein einziges Kilo C-Milch geliefert und verarbeitet.
Logischerweise hätte also weder Butter noch Magermilchpulver für den
Weltmarkt produziert werden können. Der Butterberg wuchs trotzdem.
Im zweiten Quartal 2011 tauchten die ersten C-Milchverträge auf. 12.000
t C-Milch will die Produzentenseite verkauft haben, während die
Verarbeiter mit 44.000 t angeblich beinahe viermal so viel C-Milch
verarbeitet haben. Im dritten Quartal des Jahres gaben die Produzenten
an, 31.000 t in diesem Segment geliefert zu haben, während die
Verarbeiter behaupteten, sie hätten 54.000 t angenommen.
Obwohl
auch diese Daten noch meilenweit auseinander liegen, zeigt der
Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, Daniel Gerber, noch
Verständnis: "Die Segmentierung muss erst noch umgesetzt werden. Die
Angaben werden mit jedem Quartal verlässlicher", zeigt er sich
optimistisch.
Der Unterschied liegt im Preis
Experten fragen sich, ob die Daten auch realistischer
werden. Bevor die BOM die Segmentierung einführte, stellte sie
umfangreiche Berechnungen an. Gemäß diesen müssten 90% der
Gesamtmilchmenge, also rund 3 Mio. t, im A-Segment liegen. Die
Verarbeiter haben bisher aber nie mehr als 77% Milch dieser Kategorie
gekauft und die Produzenten höchstens 82% A-Milch geliefert.
Laut
Berechnung der BOM dürfte es jeweils rund 5% B- und C-Milch in der
Schweiz geben. Die Verarbeiter kauften aber bis zu 14% der Rohmilch zum
C-Preis ein und bis zu 20% als B-Milch.
Der Unterschied zwischen den drei Milchsegmenten liegt eigentlich nur
im Preis - und er ist groß: Die Milch vom Hof ist gemäß BOM-Richtpreis
derzeit nur 29 Rappen je kg (umgerechnet 24 Cent) wert, wenn sie in den
C-Milchkanal verkauft wird. 55 Rappen (45 Cent) sollten es sein, wenn
sie den Betrieb als B-Milch verlässt, und 64 Rappen (53 Cent) wenn sie
als A-Milch gemolken wird.
Theoretisch
jedenfalls, denn nach wie vor wird diese Segmentierung nicht bis zu den
Milchbauern umgesetzt. Für rund 40% der Molkereimilch erhalten die
Produzenten laut LID weiterhin Mischpreise. Egal, wie der Abnehmer
heißt - die Bauern können meist gar nicht entscheiden, ob sie A-, B-
oder C-Milch liefern. Dafür bekommen sie einen Preis bezahlt, der
meistens nur ein paar Rappen über dem B-Richtpreis liegt.
Überhöhte Erwartungen
Diese Entwicklung ist laut Experten kein Zufall. Hunderte von
Vollkostenrechnungen aus der ganzen Schweiz zeigen, dass allein das
Futter für die Produktion von 1 Kilo Milch rund 30 Rappen kostet - und
zwar gänzlich ohne Stall-, Maschinen- oder Lohnkosten. Damit ist klar:
Wer zum C-Milchpreis produziert, zahlt drauf. Auf der anderen Seite
will die Milchindustrie weiterhin C-Milch verarbeiten, die Bauern
können diese aber nicht zu diesem Preis erzeugen. Statt nun auf dieses
Segment zu verzichten, heben die Verarbeiter den C-Milchpreis künstlich
an.
Emmi
zahlt beispielsweise derzeit franko Rampe 37 Rappen dafür. Sie
begleicht die Differenz aber nicht aus der eigenen Kasse, sondern
verwendet dazu den Marktstützungsfonds, den die Milchbauern
finanzieren.
Mit dieser Taktik dürfte die BOM das Problem der Überproduktion aber
nicht in den Griff bekommen.
Markus
Zemp, Präsident der Branchenorganisation, beschrieb die Stimmung
kürzlich so: "Wenn etwas im Vorstand nicht passt, dann heißt es gleich,
entweder man trete aus oder man klage. Einzig die Milchverarbeiter in
der BOM wollen weder klagen noch austreten. Warum wohl?"
Kein Milchüberschuss?
Die eidgenössischen Molkereien beklagen regelmäßig die viel
zu hohe Milchproduktion der Schweizer Bauern. Doch die Auswertung der
Treuhandstelle Milch (TSM) zeigt, dass im Jahr 2011 erneut 1.423 t oder
0,04% mehr Milch bei den Bauern bestellt wurden, als im Jahr zuvor. Und
wie schon 2010 kamen die Betriebe auch 2011 mit der Lieferung gar nicht
nach. Sie dürften laut Schätzung die Vertragsmenge um etwa 100 Mio. kg
unterliefert haben. Bei den von der TSM ausgewerteten
Milchkaufverträgen handelt es sich allerdings um eine Momentaufnahme.
Berücksichtigt wurden nur Verträge, die bis zum 23.09.2011 vorlagen.
Die
Molkereien und Produzenten können aber jederzeit neue Milchkaufverträge
abschließen oder bestehende Verträge anpassen. Die totalen
Vertragsmengen könnten sogar noch höher sein. Abgesehen davon haben
nach wie vor zahlreiche Milchbauern überhaupt keinen Vertrag, in dem
die Menge geregelt ist.
aiz
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