Samstag, 26.05.2012
Präziser Ackerbau - heute und in Zukunft
Hannover - Einen Ausblick in die Landtechnik 2020 bot die Gesprächsrunde auf dem Messestand von agrarheute.com.
Die Zukunft der Landtechnik wird bestimmt durch nachhaltiges Wirtschaften und moderne Technologien. Da waren sich die geladenen Fachleute - ein Landwirt, ein Wissenschaftler, ein Gerätehersteller sowie ein
Fachredakteur - einig. Präzisionsackerbau heißt heutzutage, dass die gewonnenen Daten automatisch zu Schlägen und Arbeitsverfahren zugeordnet und drahtlos in Echtzeit von der Maschine ins Büro übertragen werden. Das Ziel eines jeden Landwirts, der präzisen
Ackerbau betreibt, sollte es sein, die gewonnenen Daten optimal zu nutzen. Prof. Arno Ruckelshausen erklärte die Verfahrensweise beim Precision
Farming: "Gearbeitet wird mit Sensoren und die sind zunächst einmal
alle dumm." Ein Sensorsignal gibt einen Messwert heraus. Hinzu kommt Erfahrung und Wissen von Fachleuten, beispielsweise in Form
von Bodenkarten. Wissen und Sensordaten müssen bewertet und in
Handlungsanweisungen umgesetzt werden. "Das ist der Einstieg in die
Anwendung von Hightec, ob man das nun Precision Farming oder Smart Farming
nennt", führte der Wissenschaftler aus.
Dem Protektionismus der Hersteller entgegenwirken
Als großes Problem sahen die Gesprächsteilnehmer die
Inkompatibilität von Geräten für den präzisen Ackerbau. Klaus
Münchhoff,
Landwirt aus Sachsen-Anhalt, berichtete aus der Praxis:
"Passen zum Beispiel Düngerstreuer und Schlepper nicht zusammen, weil
entsprechende Schnittstellen fehlen, braucht man als
Landwirt nicht nur
viel Geld, sondern auch starke Nerven." Wer schon einmal 24 Stunden auf
ein 20 m langes
Kabel gewartet habe, um weiterarbeiten zu können, der wisse, was das
bedeute. "Viele meiner Berufskollegen sind bisher abgeschreckt worden
durch das, was in Sachen
Präzisionsackerbau nicht geklappt hat, obwohl es versprochen worden
war." Münchhoff kritisierte die Landtechnikindustrie deutlich: "Immer
wieder wird
möglichst schnell etwas auf den Markt gebracht, ohne dass das
Produkt bei einer ausreichenden Anzahl von Landwirten vor Ort erprobt
worden ist." Leider werde vieles erst beim
Landwirt praxistauglich
entwickelt. Das sei in seinen Augen der falsche Weg.
Michael Horsch von der Firma Horsch konnte die Kritik gut
nachvollziehen. Er bemängelte den vorherrschenden Protektionismus, wenn
es um das Preisgeben neuer Entwicklungen geht. "Wir müssen als
Landwirte (ich selbst bin auch einer) viel mehr Druck auf die Industrie
ausüben, damit die Zusammenarbeit zwischen den Herstellern noch besser
funktioniert." So hielten die Produzenten ihre Weiterentwicklungen
immer wieder geheim, um der Konkurrenz voraus zu sein. Dem
Protektionismus müsse aber unbedingt entgegengewirkt werden, wenn
zukünftig die gesamte Landwirtschaft elektronifiziert werde. Der
Unternehmer äußerte aber auch Verständnis: "Wenn eine Firma eine
größere Entwicklungsabteilung unterhält, möchte sie natürlich auch ihr
Geld wieder hereinholen, was sie in die Produktentwicklung investiert
hat."
Isobus als gutes Beispiel
Matthias Mumme, Technikredakteur beim dlz-Agrarmagazin, wies in
dem Zusammenhang auf die Entwicklung des Isobus hin. "Es hat sehr lange
gebraucht, bis die Hersteller sich geeinigt haben, ob sich die
Gerätehersteller nach den Traktorenproduzenten richten müssten oder
umgekehrt." Der jetzige Stand der Dinge sei auch der internationalen
Zusammenarbeit zu verdanken, z. B. mit Institutionen wie der
Agricultural Industrie Electronics Foundation (AEF), die sich weltweit
um den Isobusstandard gekümmert hat. Er wies auf ein Onlineportal hin,
das die AEF seit kurzem zur kostenlosen Nutzung anbiete. Dort kann der
Landwirt nachschauen, wie das Gerät, das er sich kaufen möchte, zu
seinem Traktor passt.
Da beim präzisen
Ackerbau Unmengen an Daten anfallen, ist
der
Einsatz von offenen und möglichst herstellerübergreifenden
Datenmanagementsystemen notwendig.
Landwirt Münchhoff mahnte an, von
Anfang an
ein gutes Management zu betreiben: "Nur wenn man weiß, wo man die Daten
abgelegt hat, kann man auch mit ihnen weiterarbeiten und hält nicht nur
eine schöne bunte Ertragskarte in der Hand." Er setzt heutzutage auf
seinem Betrieb die Ergebnisse der Ertragskarte im
Phosphor- und Kalibereich direkt um und stimmt seine zukünftige Düngung
darauf ab.
Dienstleistung "Landwirtschaft" nimmt an Bedeutung zu
Was wird und was muss sich konkret ändern in der Landwirtschaft?
Matthias Mumme sieht im Bereich der Lohnunternehmer einen neuen
Dienstleistungssektor: "Generell wird es zukünftig eine weitere
Professionalisierung der Landwirtschaft geben in Deutschland, auch
einen zügigen Strukturwandel, vor allen Dingen in den alten
Bundesländern." Dort werde sich der Trend Richtung Lohnunternehmer
ausweiten, wie das in den letzten Jahren bereits sehr stark geschehen
ist. "Bezüglich des Datenmanagements bekommen wir von den
Profibetrieben die Rückmeldung, dass diese sich damit heute zum Teil
noch überfordert fühlen." Da müssen die Hersteller ansetzen, indem sie
Automatisierungen schaffen, die zu einer vereinfachten
Weiterverarbeitung der Daten führen.
Außerdem werde ein anderer Dienstleistungssektor im Bereich der
Lohnunternehmer entstehen, der sich speziell mit solchen Fragen
auseinandersetzt. Dabei gehe es um Aufgaben wie die Auswertung von
Bestandesplanung und -führung bis hin zur Auswertung in Richtung Cross
Compliance. "Ich bin überzeugt davon, dass diese Entwicklung in den
nächsten Jahren auch relativ zügig voranschreiten wird.Wir haben ein
Nachwuchsproblem nicht nur auf den ostdeutschen Betrieben, sondern auch
auf den kleineren und mittleren Betrieben in den alten Bundesländern.
Der Dienstleistungssektor wird da in die Bresche springen müssen, um
die Flächen zu bewirtschaften."
Öffentlichkeitsarbeit für die Zukunft der Landwirtschaft
Klaus Münchhoff gab zu bedenken, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit
in der Landwirtschaft auch zukünftig ist: "Die Bevölkerung über die
Entwicklungen in der Landwirtschaft zu informieren und mitzunehmen in
eine Zeit, in der wir anders Landwirtschaft betreiben als noch vor 50
Jahren", das sei eine wichtige Aufgabe. Die Menschen müssten begreifen,
dass die Landwirte heutzutage
spezielle Technik einsetzen, um möglichst umweltschonend zu arbeiten,
möglichst wenig
Dünger und Pflanzenschutzmittel auszubringen und
preiswerte Produkte zu liefern. Nur wenn der Verbraucher mitgehe, könne
die Landwirtschaft auch erfolgreich sein.
Der Betriebsleiter meldete weiteren Forschungsbedarf an. Wenn auf
homogenen Standorten innerhalb eines Schlages Erträge bei Weizen
zwischen vier und 16 Tonnen zu verzeichnen sind, möchte er wissen,
welche Pflanzen sich so wohl gefühlt haben, dass sie es auf den höheren
Ertrag brachten. "Außerdem wünsche ich mir eine präzisere Ausbringung
von Güllen und Misten, indem wir online Nährstoffgehalte messen
können." Da sehe er noch großes Potenzial zum Ressourcenschutz, "wenn
der organische
Dünger nicht breitflächig ausgebracht wird, nur um ihn
loszuwerden." Matthias Mumme stimmte zu: "Das Precision Farming hat die
organische
Düngung in den vergangenen Jahren großzügig ausgelassen. Die
Landwirte möchten jetzt bei den gestiegenen Kunstdüngerpreisen aber den
organischen
Dünger effizienter einsetzen." Auch hier sei noch
Entwicklungsbedarf.
Hersteller zeigen Smart Farming
Unter dem Titel "Smart Farming - Landwirtschaft mit K(n)öpfchen"
(Halle 16) zeigt die Messe Entwicklungen der Landtechnik zu Navigation,
Sensortechnik, Datenmanagement und Bewirtschaftung. Ziel dieser
Neuheiten ist es, dass die technischen Helfer in der Außenwirtschaft
immer exakter, effizienter und sensibler auf die wechselnden
Bedingungen im modernen
Ackerbau reagieren.
Um die N-Düngung exakt auf den Pflanzenbedarf abzustimmen, bieten
diverse Anbieter mit Pflanzensensoren intelligente Verknüpfungen von
Ertragspotenzialkarten und hochempfindlicher Messtechnik:
- Im Fritzmeier ISARIA-System erhält jede Teilfläche über den Ansatz
"Online + Map-Overlay" exakt die Menge an Nährstoffen zur optimalen
Versorgung.
- Amazone zeigt eine sensorgestützte Applikation mit Karten und deren
automatische Anpassung an die Gegebenheiten vor Ort. Die Grundlage
bildet ein Auftragsmanagement, das vernetzt mit der Navigation zum
Schlag die anstehenden Aufgaben strukturiert. Stillstand und Fehler
werden minimiert.
- AgriCon präsentiert zusammen mit WTK-Elektronik verschiedene
Precision Farming Anwendungen und demonstriert die Steuerung des
Applikationsgerätes, die Parallelführung sowie die Funktion
Section-Control.
Maschinensensoren helfen der Landwirtschaft die Technik optimal
auszulasten, um weiteren Nutzen zu generieren. Die
Agritechnica zeigte
unterschiedliche Herstellersysteme:
- Mit der Traktor-Anbaugeräte-Steuerung zeigt John Deere, wie
Pöttinger- und Grimme-Anbaugeräte die Führungsrolle übernehmen und den
Traktor steuern. So können Durchsatz und Qualität des Erntegutes erhöht
und der Fahrer zusätzlich entlastet werden.
- Mit dem SyreN-System von BioCover A/S wird die Ammoniak-Ausgasung
bei der Gülleausbringung reduziert. Durch neue Sensoren am Güllefass
erfolgt dabei eine gezielte pH-Wert-Regulierung durch
Schwefelsäure-Zugabe.
- New Holland stellt die vielfältigen Automatikfunktionen moderner
Mähdrescher "live" vor. In einem funktionsfähigen CR-Mähdreschermodell
kann der Besucher verschiedene Automatikfunktionen testen wie
automatisches Parallelfahrsystem, Durchsatzregelung und
Ertragskartierung mit Onlinemapping.
bg/pd
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