Samstag, 26.05.2012
DBV-Präsident Gerd Sonnleitner zum Jahreswechsel
Berlin - Zum Jahreswechsel wendet sich Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner in einem offenen Brief an die deutschen Landwirte. Er weist darin auf die Bedeutung des Berufsstandes und seine Aufgaben hin.
Gerd Sonnleitner zum letzten Mal bei der Neujahrs-Pressekonferenz in seiner Funktion als bayerischer Bauernpräsident
© bem
Liebe Bäuerinnen, liebe Bauern und liebe Junglandwirte,
vor wenigen Tagen ließ eine der vielen Nachrichten zum Jahresrückblick aufhorchen: Unter den in 2011 am meisten beim Internetanbieter Google gesuchten Informationen findet sich der Begriff "EHEC". Ein neuerlicher Beweis dafür, wie sehr wir mit unserem Tun, wie sehr wir mit unseren Produkten im Leben unserer Bevölkerung stehen - und welche Verantwortung uns in der Lebensmittelkette daraus erwächst.
EHEC und Dioxin waren gleichsam der "Stresstest" (dem Wort des Jahres 2011) für die gesamte "Wertschöpfungs- und Verantwortungskette" Lebensmittel.
Wieder einmal mussten viele Landwirte empfindliche wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, die allenfalls teilweise ausgeglichen sind. Wieder einmal können wir zwar froh sein, dass wir mittlerweile ordentliche Rückverfolgungssysteme haben, gleichwohl aber nicht davor gefeit sind, wenn "schwarze Schafe" bewusst täuschen und zu viele offizielle Stellen auf unterschiedlichen staatlichen Ebenen Verbraucheraufklärung versuchen.
Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig
Umso mehr zolle ich den Gutachtern des Bundesrechungshofes Respekt
und Anerkennung, die zum Ende des Jahres unsere nationale
Lebensmittelkontrolle und Krisenkommunikation einem wirklichen
Stresstest unterzogen haben und einschneidende Veränderungen in Bund
wie Ländern gefordert haben.
Wir Bauern müssen als Urproduzenten höchstes Interesse daran
haben, dass die hohen Ansprüche der Verbraucher an Sicherheit und
Transparenz erfüllt werden. Dieser Auftrag bleibt!
Akzeptanz und Vertrauen in Lebensmittel fängt bei uns auf den Höfen an.
Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit wollen wir im neuen Jahr weiter
Vertrauen in unsere Arbeit festigen. 2012 werden wir Jung und Alt,
Politik und Medien wieder mit der berufsständischen Aktion "Tag des
Offenen Hofes" auf unsere Betriebe einladen, um zu zeigen, was wir tun.
Aktionen wie diese sind auch gut, um Vorurteile abzubauen und falsche
Bilder zu korrigieren. Ich rufe alle Bäuerinnen, Bauern und
Landjugendlichen auf, ihre Stalltüren und Hoftore zu öffnen oder die
Berufskollegen im Kreisverband dabei zu unterstützen.
Große Herausforderungen für Tierhalter
Insbesondere unsere Tierhalter stehen vor großen
Herausforderungen. Der gesamte Berufstand ist gefordert, hier Antworten
für eine weiterhin in der Gesellschaft verankerte moderne und
nachhaltige Tierhaltung zu finden. Fest steht für mich aber auch:
Modernität, Technik und Wissenschaftsorientierung sind kein Widerspruch
zu Bäuerlichkeit und Bodenständigkeit, im Gegenteil sie sind zu Recht
die Grundlage unseres heutigen nachhaltigen Handels im Stall und auf
dem Acker. Bewahren wir diese Orientierung!
Wir Bauern können sehr selbstbewusst unsere gewaltigen Leistungen für
diese Gesellschaft und die Wirtschaft unseres Landes darstellen.
Landwirtschaft hat eine Schlüsselaufgabe
Landwirtschaft hat heute wieder eine Schlüsselaufgabe zur Lösung
vieler Zukunftsthemen und -probleme. Die Sicherung der Ernährung, die
Bereitstellung erneuerbarer Energie im Energiemix des Landes und damit
die Realisierung der Energiewende sowie die Bewahrung eines reichen
Naturhaushaltes – all dies ist nur über eine leistungsfähige
Landwirtschaft möglich, die sich im Wettbewerb innerhalb wie außerhalb
der EU erfolgreich behauptet. Festigen wir unsere Erfolge auf den
Märkten!
Tragen wir auch in 2012 unsere Leistungsbotschaft in Politik und
Gesellschaft, in die Zukunftsdebatte um die EU-Agrarpolitik. Sie ist
von größtem Nutzen für unsere Verbraucher und ein gutes Stück
europäischer Politik. Sie muss stark und handlungsfähig bleiben, um den
vielen Herausforderungen gerecht zu werden. Ich will eine
EU-Agrarpolitik, die nicht den Rückwärtsgang einlegt, sondern "grünes
Wachstum" fördert und vor allem Wettbewerbsfähigkeit und
Ressourcenschutz als zwei Seiten der gleichen Medaille sieht.
Kritik an der GAP-Reform
Die Vorschläge der EU-Kommission für die GAP bis 2020 sind in
dieser Richtung noch ungenügend. Mit mehr Kontrollbürokratie, mit einer
faktischen Stilllegungspflicht für Ackerflächen oder mit Vorschlägen
wie Kappung und Degression wird man die Zukunft nicht gewinnen können!
Angesichts der auch in 2012 anhaltenden Debatten und einer noch nicht
absehbaren Entscheidung über die Reform werden wir unsere Kampagne
"Arbeit mit Leidenschaft“ mit aller Energie fortsetzen.
Ich sage voller Überzeugung angesichts der Krisen in einigen
EU-Ländern, dass wir mehr europäische Einigung benötigen als weniger
EU. Wir haben in der Landwirtschaft Erfahrungen über die Vorteile einer
gemeinsamen Währung und eines EU-Binnenmarktes. Halten wir daran fest!
Petition gegen Flächenfraß
Wir haben kurz vor dem Jahreswechsel eine Petition im Deutschen
Bundestag eingereicht und eine große Unterschriftenaktion gestartet,
damit das Parlament unsere Gesetzesinitiative zum Schutz
landwirtschaftlicher Flächen aufgreift und in handfeste Maßnahmen zur
Reduzierung des Flächenverbrauchs umsetzt. Heutzutage wird jeder Hektar
gebraucht, um Deutschland mit Nahrungsmittel und Bioenergie zu
versorgen. Wir brauchen deshalb für landwirtschaftliche Flächen einen
Schutzstatus!
Beteiligen Sie sich deshalb an der laufenden Unterschriftenaktion
oder zeichnen Sie ab 20. Januar online mit Ihrer Unterschrift auf den
Internet-Seiten des Deutschen Bundestages. Es geht um ein gewichtiges
Anliegen!
Ich danke allen ehren- und hauptamtlichen Mitstreitern für ihren
Einsatz im Berufstand und ihre Unterstützung. Beweisen wir auch in
2012, welche Kraft vom Land und für das Land wir sind! Möge das Jahr
2012 unseren Bauernfamilien mit ihren Betrieben viel Erfolg bringen!
Gerd Sonnleitner
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