Oldenburg - Wenn landwirtschaftliche Unternehmen heute Entscheidungen treffen, werden die stärker als in der Vergangenheit die Entwicklung der Betriebe, ja der ganzen Landwirtschaft beeinflussen. Mit dieser zitierten Expertenmeinung eröffnete Gerhard Schwetje, Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, den diesjährigen Unternehmertag, der gestern in Oldenburg stattfand. Rund 1.000 Besucher waren in die Weser-Ems-Halle gekommen, um sich über das Thema „Landwirtschaft der Zukunft – Jetzt handeln mit Mut und Augenmaß“ zu informieren.
„Es wird immer schwieriger werden, die Weichen richtig zu stellen, weil die Entscheidungsprozesse immer komplexer werden“, sagte Schwetje. Einerseits werde eine nachhaltige Landwirtschaft gefordert, die sich an den Bedürfnissen der heutigen und zukünftigen Generationen, an den begrenzten Ressourcen sowie der begrenzten Belastbarkeit unserer Ökosysteme orientiere. Andererseits laute der Auftrag, zukünftig zehn Milliarden Menschen auf der Welt zu ernähren.
„Die Landwirtschaft in Deutschland ist in ihrer heutigen Form richtungweisend“, so Schwetje weiter. Aufgrund strikter Vorschriften des Dünge-, Umwelt- und Tierschutzrechtes käme sie dem Idealbild einer nachhaltigen Landwirtschaft sehr nahe. Gesellschaftlich werde das kaum wahrgenommen. Stattdessen gerate das Wachstum landwirtschaftlicher Betriebe immer wieder in die öffentliche Kritik.
Und die Politik reagiere darauf.
Als Beispiele nannte der Vizepräsident den Tierschutzplan in Niedersachsen und Überlegungen, die Teilprivilegierung baurechtlich gewerblicher Tierhaltungsanlagen abzuschaffen. „Hier sind wir alle gefordert, unseren Mitbürgern ein realistisches Bild moderner Landwirtschaft zu präsentieren und damit die Wachstumsperspektiven für unsere Betriebe zu erhalten“, sagte Schwetje.
Global gesehen kommt man nach Ansicht des Vizepräsidenten an einem „radikalen Wandel“ der Nahrungsmittelerzeugung nicht vorbei. „Alle müssen an einem Strang ziehen, um mehr Lebensmittel auf immer weniger Boden nachhaltig produzieren zu können.“ Nur so sei die Welternährung auf Dauer zu sichern. Eine von der EU verordnete Ökologisierung, die einer partiellen Flächenstilllegung gleichkomme, passe da nicht in die Zeit.
Dass es für die weltweite Landwirtschaft unterschiedliche Zukunftsszenarien gibt, erläuterte Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung der Universität Ulm. Nach seiner Auffassung gibt es drei mögliche Entwicklungslinien:
den Kollaps, einen Zusammenbruch der Ökosysteme mit extremen Konsequenzen wie etwa Hungersnöten,
die Ökodiktatur mit einer massiven Verarmung der meisten Menschen auf diesem Globus, und
die Balance, in der sich Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit zur weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft verbinden und „grünes“ Wachstum ermöglichen.
„Dabei ist eine Welt in Balance das wünschenswerte Szenario – auch aus Sicht der Landwirtschaft in Deutschland“, sagte der Wissenschaftler. In diesem Fall seien zehn Milliarden wohlhabende Menschen zu ernähren, die über entsprechende Kaufkraft verfügten.
Im Szenario der Ökodiktatur würden die meisten Menschen, auch die in den heute reichen Ländern, arm werden. Das gelte auch für Landwirte. Verarmte Staaten würden den Finanzmarkt in Krisen stürzen, so wie sie Europa derzeit erlebt. Der Kollaps der Ökosysteme könnte die Folge einer galoppierenden Klimakatastrophe sein. Er würde wahrscheinlich im „Süden“ der Welt stattfinden und Asien stärker betreffen als den Westen. „Der Kollaps wird für die betroffenen Menschen ein Desaster sein, aber auch sehr unangenehme Rückwirkungen für uns haben“, so Prof. Radermacher.
Er empfahl den Landwirten, diese drei Szenarien bei ihren Entscheidungen mit zu berücksichtigen. „Ein einfaches Rezept gibt es dabei nicht“, sagte der Wissenschaftler. Er empfahl den Zuhörern, bei Wachstum und Investition mit Weitsicht zu agieren. „Bei ungünstiger Entwicklung kann Größe schnell ein Problem werden und zu viel Fremdkapital den Verlust von Eigentum bedeuten“, so der Professor. Deshalb seien Strategien zu verfolgen, in denen auch im ungünstigsten Fall Kredite zurückgezahlt werden können.
Den Faktor Arbeit in einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung beleuchtete Uwe Bintz von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. In seinem Vortrag „Die eigene Zukunft mit Lebensfreude gestalten“ zeigte er auf, dass viele wachstumswillige Familienbetriebe sich arbeitstechnisch an der oberen Belastungsgrenze bewegen. „Innerhalb der Familie muss darauf geachtet werden, dass bei allem Zwang zum Wachstum keine arbeitswirtschaftliche Überforderung stattfindet“, sagte Bintz und riet zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung.
Die Einstellung von Mitarbeitern als Weg aus der Arbeitsfalle stelle nicht nur zusätzliche Anforderungen an den
Landwirt hinsichtlich Arbeitsorganisation und Mitarbeiterführung. Um eine leistungsgerechte Bezahlung zu ermöglichen, müsse der Betrieb – wie bei allen anderen Investitionen auch – sehr gute Produktionsleistungen und damit auch überdurchschnittliche Deckungsbeiträge erzielen. „Dabei heben sich Biogas und die Geflügelhaltung deutlich von der Schweine- und Rindviehhaltung ab“, so der Unternehmensberater der Kammer.
Er forderte die Landwirte auf, Produktionsreserven konsequent zu nutzen, was eine kontinuierliche Produktionskontrolle zwingend notwendig mache. Hier habe der
Landwirt den größten Einfluss, seine Wirtschaftlichkeit zu optimieren. „Investitionen, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der biologischen Leistungen führen, sind in der Regel immer rentabel“, resümierte der Kammerfachmann.
Wie unterschiedlich die Zukunftsausrichtung landwirtschaftlicher Unternehmen aussehen kann, schilderten zwei Landwirte. Der Milchviehhalter Dirk Böschen aus Grasberg (Landkreis Osterholz) hatte den elterlichen Betrieb 1998 mit damals 95 Kühen übernommen. Heute hält er 820 Kühe, seinen 380 Hektar (ha) großen Betrieb bewirtschaftet er mit zwölf Mitarbeitern.
Bei seiner Planung steckt er seine Ziele immer wieder neu ab. Bereits 2004 hatte er sein erstes Ziel – 400 Kühe – erreicht. „Damals wurde mir klar, dass das nur eine Station und nicht das Ende meines Weges war“, erklärte der dreifache Familienvater. Er setzt nach wie vor weiter auf Wachstum, 950 Kühe lautet das nächste Ziel. „Ich lebe nicht, um Ziele zu erreichen, Ziele geben mir Orientierung“, umschrieb Böschen seine Philosophie, zu der auch die Verbundenheit zur eigenen Scholle zählt. „Ehre das Alte, wage das Neue“ lautet sein Credo.
Auch Dirk Frahne, Schweinemäster aus Goldenstedt (Landkreis Vechta), hat seinen Betrieb aus kleinen Anfängen weiterentwickelt. Vor 18 Jahren begann er mit 60 Sauen, 220 Plätzen für Mastschweine und 50 ha Ackerland. Heute hat er 320 Sauen, 1.600 Ferkelplätze, 240 Mastplätze und 76 ha Ackerland, für die er 2,0 Arbeitskräfte (AK) benötigt. Bei allen Planungen strebt er nach „gesundem Wachstum, um wettbewerbsfähig zu bleiben“. Konkret heißt das: künftig keine Ferkel mehr verkaufen, sondern selber mästen (geschlossenes System).
Insgesamt setzt Frahne heute weniger auf Expansion, als vielmehr auf eine stetige Verbesserung der Produktionskennzahlen. Eine „rundere Produktion“ nennt das der 42-jährige staatlich geprüfte Landwirtschaftsleiter. Und mit langfristigen „risikooptimierten Investitionen“ will er die Stabilität und Liquidität des Unternehmens sichern. „Ich möchte den Betrieb möglichst schuldenfrei an meine Kinder übergeben“, lautet sein unternehmerisches Ziel. Ebenso wichtig sind dem zweifachen Familienvater ein harmonisches Familienleben, sein Hobby, die persönliche Fortbildung und sein Engagement im Ehrenamt.
Diesen Gedanken griff auch Werner Hilse, Präsident des Landvolkverbandes Niedersachsen, in seinem Schlusswort auf. Er richtete an die landwirtschaftlichen Unternehmer den Appell, bei aller betrieblichen Entwicklung „die Lebensqualität nicht aus dem Blick zu verlieren“. Die Frage, ob der nächste Schritt nach vorn auch der richtige sei, könne immer nur individuell beantwortet, aber nicht immer uneingeschränkt bejaht werden. Mit Blick in die Zukunft stellte Hilse fest: „Änderungen werden kommen, aber die Landwirtschaft wird immer eine Zukunftsbranche bleiben.“
Der Unternehmertag für Landwirte fand in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal statt. Veranstalter waren die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Arbeitsgemeinschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken Weser-Ems und das Landvolk Niedersachsen.