Samstag, 26.05.2012
Margenschutz für US-Milcherzeuger
Washington - Milcherzeuger in den USA sollen künftig eine garantierte Gewinnspanne erhalten. Der Agrarausschuss des Repräsentantenhauses diskutiert die marktpolitische Kehrtwende.
Die Abgangsrate auf Milchviehbetrieben liegt durchschnittlich bei 37 Prozent.
© schemmi/pixelio
Drei Kernelemente enthält das neue Konzept für den US-Milchmarkt:
1. ein Programm zum Schutz der Erzeugermargen,
2. ein Programm zur Mengensteuerung und
3. eine Reform des Milchpreissystems.
Das Modell basiert auf Vorschlägen des nationalen Milcherzeugerverbandes (NMPF). Der demokratische Abgeordnete Collin Peterson aus Minnesota brachte es in den Agrarausschuss ein.
Margenschutz soll Mindestspanne sichern
Das Margenschutzprogramm soll den Erzeugern eine Mindestspanne zwischen dem
Milchpreis und den Futterkosten sichern. Die Eckpreise für Milch, Mais, Alfalfa und Sojaschrot würden vom statistischen Dienst des Landwirtschaftsministeriums (NASS) erfasst.
Der Margenschutz würde sich auf 75 Prozent der maximalen Jahresproduktion aus den letzten drei Jahren vor Einführung der Regelung erstrecken. Gegen eine Zusatzzahlung kann der Erzeuger die Obergrenze auf 90 Prozent anheben.
Mengensteuerung gegen extreme Preisschwankungen
Ein Marktstabilisierungsprogramm soll extremen Preisschwankungen
vorbeugen. Dazu wird den Erzeugern bei drohenden Marktüberschüssen eine
Krisensteuer vom Auszahlungspreis abgezogen. So soll die Anlieferung an
die Marktlage angepasst werden.
Auslöser ist die wiederum die durchschnittliche Erzeugerspanne. Sinkt
die nationale Marge in zwei aufeinanderfolgenden Monaten unter sechs
US-Dollar, werden nur 98 Prozent der historischen Milchbasismenge eines
Betriebes bezahlt.
Von der tatsächlichen aktuellen Anlieferung werden
bis zu sechs Prozent nicht entlohnt. Fällt die Marge unter fünf (vier) US-Dollar,
steigen die Abzüge auf 97 (96) Prozent und sieben (acht) Prozent.
Mit der Hälfte der Einnahmen aus der Krisensteuer soll ein Erzeugerboard
zu Marktpreisen Produkte ankaufen und als Nahrungsmittelhilfe kostenlos
abgeben. Die andere Hälfte der Einnahmen würde dem Bundeshaushalt
zufallen.
Milchpreissystem: Kategorien auf zwei Klassen reduzieren
Ferner sieht das Konzept vor, die gegenwärtig vier Milchpreiskategorien
für Trinkmilch (Class I), Eiskrem, Joghurt und Frischkäse (Class II), Käse (Class III), Butter und Magermilchpulver (Class IV)
auf zwei Klassen für Trinkmilch (Class I) und Verarbeitungsmilch (Class II)
zu reduzieren.
Die komplizierten und umstrittenen Formeln, nach denen
Produkterlöse und Preiskategorien aufeinander abgestimmt werden, sollen
durch wettbewerbsorientierte Milchpreise ersetzt werden. Die Molkereien
sollen um die Erzeugermilch konkurrieren.
Das neue Marktordnungsmodell würde sowohl das 1949 geschaffene
staatliche Interventionsprogramm (DPPSP) als auch das Programm zum
Einkommensausgleich (MILC) ablösen.
Anlass für die Diskussion über eine Einkommensstützung in Abhängigkeit
von einer Mindestmarge ist, dass die Milcherzeuger in den USA 2009 zwar
hohe Erlöse erzielten; diese wurden aber von deutlich gestiegenen Kosten
aufgefressen.
2009 darf sich nicht wiederholen
Der Abgeordnete Peterson warnte, ohne Anpassung des veralteten
Sicherheitsnetzes würde eine Wiederholung der Krise von 2009 die Hälfte
der US-amerikanischen Milchfarmen die Existenz kosten. Darum müsse jetzt
gehandelt werden. Der Vorschlag schaffe ein starkes Sicherheitsnetz.
Zugleich entlaste es den Steuerzahler. Das habe eine Prüfung des
Vorschlags durch die Haushaltsbehörde des Kongresses bestätigt.
Anhänger auch in Europa
Auch in Europa hat die Einkommensstützung in Abhängigkeit von der
Erzeugermarge ihre Anhänger: EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos warb unter
den europäischen Landwirtschaftsministern bereits mehrfach dafür,
Marktmaßnahmen von der Einhaltung von Mindestspannen abhängig zu machen,
beispielsweise am Rindfleischmarkt. Zwar erzielen Jungbullen und
Altkühe in diesem Sommer Rekordpreise. Hohe Futterkosten belasten die
Einkommen der Rindermäster aber beträchtlich.
Nicht zuletzt das
Bundeslandwirtschaftsministerium will von einer Politik der garantierten
Gewinnspanne bisher jedoch nichts wissen.
Auch in den USA stößt die Denkschule der gesicherten Marge auf Kritik.
Der Dachverband der Milchindustrie (IDFA) lehnt das jetzt im
Agrarausschuss diskutierte Konzept rundweg ab. Ein schon jetzt
überregulierter Markt solle zusätzlichem staatlichen Einfluss ausgesetzt
werden, kritisierte IDFA-Präsidentin Connie Tipton. Die Mengensteuerung
begrenze die Milcherzeugung und belaste die Farmer mit Abgaben, wenn
die Preise niedrig seien. Außerdem werde die Wettbewerbsfähigkeit der
US-amerikanischen Molkereien auf dem Weltmarkt gefährdet, weil die
Preise im Inland künstlich vom internationalen Markt abgehoben würden.
Auch der nationale Bauernverband (NFU) wies den Vorschlag zurück.
NFU-Präsident Roger Johnson fürchtet, Großbetriebe würden von dem neuen
Stützungsmodell am stärksten profitieren zulasten kleinerer
Familienbetriebe. Stattdessen forderte der Verband eine Quotierung der
Milchproduktion und eine erstattungsfähige Abgabe, die ständig von allen
Milchanlieferungen einbehalten werde.
Norbert Lehmann, freier Agrarjournalist.
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