Nach der Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums zur globalen Versorgungsbilanz mit Getreide, Mais und Ölsaaten gab es teils scharfe Preiskorrekturen. Doch auch externe Faktoren spielen eine Rolle.
Für die allermeisten Produkte ging es gestern an den internationalen Terminmärkten bergab.
© Michael Grabscheit/pixelio.de
Das US-Landwirtschaftsministerium USDA publizierte vorigen Donnerstag in seinem monatlichen WASDE-Bericht (World Agricultural Supply and Demand Estimates) eine erste Prognose der globalen Versorgungsbilanzen bei Getreide allgemein, Weizen und Mais sowie Ölsaaten wie Sojabohnen im kommenden Wirtschaftsjahr 2012/13.
Beim Weizen sieht das USDA eine um 17,1 Millionen Tonnen kleinere Ernte als 2011/12 und einen Bestandsabbau bei allerdings anhaltend komfortabler Versorgungslage. Beim Mais sagen die US-Experten einen deutlichen Bestandsaufbau und bei den Ölsaaten einen leichten Aufbau der Endlager voraus, wobei aber bei beiden die Anteile der Endlager am Verbrauch mit deutlich unter 20 Prozent - zumindest der Papierform nach - im bullishen Bereich einer eher knappen Versorgungslage geblieben wären.
Dennoch reagierte gerade der Sojakomplex an der CBOT in Chicago darauf mit einer weiteren scharfen Kurskorrektur nach unten
und auch die Rapsfutures an der Euronext in Paris gaben spürbar nach.
Moderater,
aber ebenso nach unten ging es auch für den Mais an beiden Seiten des
Atlantiks, während Weizen in Chicago am Freitag leicht verlor und sich
der für die Ernte 2012 relevante November-Weizenfutures an der Euronext an seinem ersten Handelstag als Frontmonat am Freitag noch leicht
befestigen konnte, am Montag aber auch nachzugeben begann.
Der
November-Weizenfutures an der Euronext schloss vergangenen Freitag
leicht im Plus bei 196,25 Euro pro Tonne, nachdem die Tage zuvor der letzte
Liefertermin für die alte Ernte, der Mai 2012, an seinen letzten beiden
Handelstagen nach einem wüsten und ungestümen Auf zuerst um 11,50 Euro pro Tonne und danach mit einem Ab um 12,75 Euro pro Tonne sich mit einem
Schlusskurs von 215,75 Euro aus dem Handel verabschiedet hatte.
Damit
blieb die alte Ernte 2011 bis zuletzt höher bewertet als die neue 2012.
Für die jüngsten scharfen Preiskorrekturen im Soja- und
Ölsaatenkomplex sind vor allem externe Faktoren als Verantwortliche zu
suchen, mit Abstrichen auch beim Mais, wo sich zwar die Bestände 2012/13
deutlich aufbauen werden, die Ratio stock to use aber ebenfalls -
absolut gesehen - eng bleibt. Dafür müssen nun an den Terminmärkten die
wieder aufgeflammte Angst vor einer Euro-Krise im Gefolge der
politischen Instabilität Griechenlands, schwache
allgemeinwirtschaftliche Daten, vor allem ein Wachstumseinbruch in
China, sowie daraus resultierend sinkende Rohölpreise herhalten.
JP Morgan: Milliardendebakel bremst Risikobereitschaft von Fonds
Dazu kamen bei der größten US-Bank JP Morgan in den letzten Tagen Verluste von zwei Milliarden US-Dollar (1,55 Milliarden Euro). Die Bank musste zugeben, sich in den vergangenen
Wochen bei hochriskanten Wetten gegen Hedgefonds mit
Kreditausfallsversicherungen verspekuliert zu haben. Der Börsenwert des
Unternehmens fiel am Freitag um sage und schreibe15 Milliarden US-Dollar (11,59
Milliarden Euro). Viele Anleger und Hedgefonds meiden nun Risiko und steigen
auch aus spekulativen Rohstoffgeschäften aus, worunter auch die
Terminbörsen für Agrarrohstoffe leiden.
Marktexperten halten der Kritik, Spekulation an den Terminmärkten
sei Schuld an der außerordentlichen Volatilität der Preise für
Agrarrohstoffe, entgegen, dass es nicht die Warenterminbörsen seien,
sondern die "Hinterzimmergeschäfte" diverser Finanzdienstleister mit von
den Futuresmärkten abgeleiteten hochspekulativen und riskanten
Derivaten. Diese unterlägen im Gegensatz zu den Terminbörsen keinerlei
Transparenz- und Handelsregeln. Gerade auch in der Debatte um eine
Finanztransaktionssteuer fordert der Markt immer wieder, auch diesen
Derivatenhandel Regeln und genauso einer Besteuerung zu unterwerfen wie
den Börsenhandel, um nicht einer noch stärkeren Flucht in diese
unkontrollierten Hinterzimmergeschäfte mit Intransparenz und nicht
nachvollziehbaren Preissprüngen Vorschub zu leisten.
Politische Eingriffe verunsichern die Märkte
Auch politische Eingriffe von Staaten verunsichern die Märkte: Sei es,
dass Markteingriffe von Regierungen wie in Argentinien die Farmer aus
der Weizenproduktion drängen und immer wieder provozierte Streiks der
Hafenarbeiter die Handelsströme verzögern, oder seien es unverdeckt
offene Versuche der Restauration planwirtschaftlicher Verhältnisse wie
in der Ukraine. So plane die Regierung in Kiew ein neues Agrarprogramm, das unabhängige Politikbeobachter von
einer Rückkehr zur zentralen Planwirtschaft nach Sowjetmuster sprechen
lasse. Das ukrainische Landwirtschaftsministerium habe demnach kürzlich
einen Entwurf für die Ausrichtung der künftigen Agrarpolitik des Landes
veröffentlicht.
Das deutsch-ukrainische Institut für ökonomische
Forschung und Politikberatung (IER) in Kiew warnt nun davor, die
Vorschläge in der jetzigen Form umzusetzen. Die im Programm formulierten
Leitlinien wie Ernährungssicherheit, Exportorientierung und
Ressourcenschutz seien zwar generell zu begrüßen. Das IER kritisiert
jedoch zahlreiche Details. So strebe das Ministerium statt eines
Beitrages der ukrainischen
Landwirtschaft zur Ernährungssicherheit die
Selbstversorgung der Ukraine an. Damit könnte das Land jedoch weder vom
internationalen Handel noch von einer Spezialisierung profitieren,
betonen die Politikexperten des IER.
Außerdem vermissen sie im geplanten
Agrarprogramm ein klares Bekenntnis zur Erhöhung der Produktivität.
Stattdessen beruht der vorliegende Entwurf auf Fünfjahresplänen, die für
jede Region detailliert die Fruchtfolge oder den Umfang der Tierhaltung
vorschreiben. Damit würden Strukturen über fünf Jahre konserviert.
Schließlich enthält der Plan eine Preisregulierung mit Mindest- und
Höchstpreisen. Entwickeln sich die Agrarpreise außerhalb dieses Bandes,
sollen Instrumente wie Intervention oder Import- und Exportquoten
eingreifen. Als "Rückfall in die zentrale Planwirtschaft der Sowjetära"
kritisieren dies die Politikexperten des IER. Sie weisen außerdem darauf
hin, dass insbesondere Preisregulierung und Quoten nicht mit den Regeln
der Welthandelsorganisation WTO kompatibel seien, der die Ukraine 2008
beigetreten ist.