Die reinste Preisrallye lieferten sich die Kurse für Agrarrohtoffe in der vergangenen Woche. Hintergrund waren Russlands Getreideexporte, die Wettersituation und die Geldpolitik der USA.
Die Ernte 2011 bleibt bis zuletzt höher bewertet als die neue 2012. Verantwortlich für den Preisdruck an den Börsen ist jedoch nicht nur die enge Versorgungslage, sonder auch die Angst vor einem wieder Aufflammen der Eurokrise, politische Maßnahmen und die Folgen des JP Morgan Milliardendebakels.
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Sowohl an der Chicagoer Leitbörse CBOT als auch an der Euronext in Paris zogen die Notierungen für Weizen, Mais, den Sojakomplex beziehungsweise Raps an den vergangenen sechs Handelstagen bis zum Donnerstag dieser Woche stetig an. Erst am Freitag legten die Börsen wieder eine Atempause ein - fraglich ist auch die Nachhaltigkeit des Preisanstiegs. Dennoch sei laut US-Analysten der Soft Red Winter zurzeit der wettbewerbsfähigste Weizen am Weltmarkt, nicht zuletzt weil die Ankündigung der US-Notenbank Fed, das Zinsniveau bis 2014 bei oder nahe bei null zu lassen, die Anleger aus dem US-Dollar raus- und in andere Risken wie Rohstoffe reingehen ließ.
Vom Wetterphänomen La Nina verursachte Dürre und Hitze bei den großen
südamerikanischen Mais- und Sojaproduzenten Argentinien und Brasilien,
bis zu 30% Ausfälle bei den Wintersaaten in der Ukraine nach der
Herbsttrockenheit sowie um 15° Celsius unter dem langjährigen
Durchschnitt liegende Fröste von minus 23° bis 30° Celsius im der
südrussischen Kornkammer und im Nordkaukasus lassen die Börsianer
weltweit um die Erträge der laufenden Mais- und Sojaernten auf der
Südhalbkugel sowie um die Weizenerträge auf der Nordhalbkugel bei der
kommenden Ernte 2012 zittern.
Die ukrainische Analyst ProAgro meinte am Donnerstag, die Ukraine werde sich nach der Rekordernte 2011
mit 56,7 Millionen Tonnen (Mio. t) im kommenden Sommer 2012 mit einer Ertragsaussicht von
nur 40 Mio. t begnügen müssen. Dies dürfte das Weizenexportpotenzial des
Landes - 2011/12 soll mit 7 Mio. t ein Drittel der Weizenernte von 21
Mio. t auf den Weltmarkt geworfen werden - in der nächsten Saison
2012/13 empfindlich treffen.
Gerüchte um neuerliche russische
Exportbremse
Hat Argentinien zuletzt den Weizenweltmarkt mit aggressiven Geboten
ordentlich aufgemischt und die Preise gedumpt, zogen sich die Exporteure
vom Plata nun im Angesicht der ungewissen künftigen Versorgungslage
schlagartig vom Weltmarkt zurück.
Ähnliches ist von Russland zu erwarten: Hat
Moskau doch nach der üppigen Weizenernte 2011 mit 57 Mio. t die Devise
ausgegeben, bei einem Exportziel von etwa 24 Mio. t die Bremse mit
Exportzöllen anziehen zu wollen - bis Mitte dieser Woche waren, so
Vizepremier Viktor Zubkov, jedoch schon 19,5 Mio. t erreicht.
Ukraine und Kasachstan: Weniger Exporte
Auch der Ukraine schien zuletzt die Luft bei den Exporten auszugehen:
Fielen die Exportzahlen im Dezember 2011 gegenüber dem November schon
von 2,29 auf 2,18 Mio. t, brachte man im Januar bis zum 25. des Monats
nur mehr 775.000 t Getreide - zum Großteil auch nur Mais - außer Landes.
Auch in der Ukraine und ebenso beim dritten großen der
Schwarzmeer-Exporteure, Kasachstan, bremsen Logistikengpässe das Tempo.
Außerdem scheinen die Kasachen Probleme mit ihrer Weizenqualität zu
haben. Die staatliche ägyptische Getreideimportagentur GASC stieß
nämlich kürzlich erst eine Schiffsladung kasachischen Weizens, weil
darin unerlaubte Saaten gefunden worden seien.
Heftige Nachfrage am Weltmarkt trifft auf geringes Angebot
Dem Ausfall wichtiger Exporteure am Weltmarkt und dem Austrocknen der
Angebotsliquidität steht aber gerade eine neue Welle von
Importausschreibungen wichtiger Zuschussländer gegenüber: Mit dem Irak,
Jordanien und Äthiopien, die zurzeit ihre Fühler nach Weizenlieferungen
ausstrecken, liegt am Weltmarkt Kaufinteresse für bis zu 500.000 Tonnen in
den kommenden Wochen am Tisch, das als nur schwer zu bedienen gilt.
EU und USA wittern ihre Chancen am Weltmarkt
All diese Umstände mit dem Ausscheiden des Mitbewerbs spielen den
verbliebenen Big-Playern am Getreideweltmarkt, den USA, Kanada,
Australien und der EU, in die Karten. Die Lagerhalter hier beginnen sich
nun angesichts der gestiegenen Preise zu bewegen und Ware auf den Markt
zu bringen. Den US-Exporteuren kommt dabei trotz gestiegener Preise der
schwache US-Dollar zuhilfe, während die Euronext den für Ausfuhren aus
Europa wettbewerbshemmenden härteren Euro einfach ignorierte und den
US-Börsen folgte.
Die USA meldeten für die Woche bis 19.01.
Weizenexporte von 604.700 t - 59% mehr als im Schnitt der vergangenen
vier Wochen - und ebenso stolze 958.100 t Maisausfuhren.
Auch die EU, vor allem Frankreich, mischt mit: Besonders in Ägypten und
Algerien haben französische Weizenausfuhren ihren festen Platz erobert.
EU: 2011/12 Netto-Maisimporteur
Die EU hält damit im laufenden Wirtschaftsjahr bei 7,9 Mio. t
Weizenexport. Für Mais dagegen vergab die Kommission diese Woche
Einfuhrlizenzen für 116.000 t, womit die EU nun einen Nettoimportsaldo
von rund einer Million Tonnen aufweist.
Aber auch an Weizen besteht reges
Importinteresse in der EU. Vorige Woche wurden zum zweiten Gebotstermin
erneut größere Lizenzmengen für Weizen im Rahmen des Einfuhrkontingents
nachgefragt. Die Kommission musste kürzen. Nach den Zuschlägen in der
Woche zuvor standen für den Import von Weizen einfacher und mittlerer
Qualität aus allen Drittländern außer Kanada und den USA noch knapp
189.000 t zur Verfügung. Da die Importeure Gebote über 288.000 t
abgegeben hatten, setzte die Kommission einen Kürzungssatz von 65% fest.
Mit den Zuschlägen dieser beiden Wochen über rund 1 Mio. t ist das
Kontingent für das 1. Halbjahr 2012 ausgeschöpft. Erst im Juli können
wieder Gebote abgegeben werden.
IGC: 2011/12 Rekordernten und Rekordverbrauch
Der Aufschwung der Märkte traf die Investoren an den Warenterminbörsen
offensichtlich auch am falschen Fuß, da ja die fundamentalen Marktdaten
weiterhin auf reichlich versorgte Weizenmärkte hindeuteten. So sprach
der Internationale Getreiderat IGC in London in seinem Januarbericht
vorige Woche davon, dass Rekordzahlen den globalen Getreidemarkt
bestimmten.
Übereinstimmend heißt es bei IGC und USDA, dass die Erzeugung
Rekordwerte erreicht. Im Gegensatz zu früheren Jahren wächst jedoch der
Verbrauch ebenso schnell. Damit entstehen aus heutiger Sicht keine
drückenden Überschüsse. Gleichwohl sind die Weizenbestände reichlich.